
Als berufstätiger Mensch hat man, je nach Job, leider wenig Möglichkeiten, um spontan die allerbesten Segelflugtage zu treffen. Die Zeit hat mich gelehrt, wenn ich Tage nicht im voraus reserviere, dann hängen ganz sicher irgendwelche Meetings, Events, Termine etc. in meiner Agenda. Während sich draussen Wolkenstrassen aufreihen, in WeGlide vor lauter Flugzeugen die Karte nicht mehr sichtbar ist, hockt man im Geschäft und ärgert sich ganz leicht darüber, dass man den Hammertag erneut verpasst hat.
Über die Jahre hat sich mein Konzept, im voraus einige Tage fest zu verplanen, bei gutem Wetter ab in die Luft, bei schlechtem Wetter ins Geschäft, am besten bewährt. Damit trifft man allenfalls nicht alle Hammertage, aber wenn man genügend Tage vorsieht, wird man sicherlich den einen oder anderen fliegbaren Tag erwischen.
Schöner Nebeneffekt, wenn man ins Geschäft «muss», ist man unglaublich produktiv, da die Agenda für jenen Tag vollkommen leer ist.

Auf diesem Konzept plane ich, zusammen mit meinen Segelfliegerkollegen Heinz Brem und Ernst Willi das Segelflugjahr bereits im Winter. In der Regel planen wir eine Frühlingswoche, um raschmöglichst wieder genügend Training aufzubauen. Dann einige verlängerte Wochenenden für unsere geliebten Wandersegelflüge und im August noch eine Woche, quasi als Saisonabschluss. In der Vergangenheit war dies vorallem eine Woche, um die mitteleuropäische Segelflugsaison z.B. in der Provençe zu verlängern.
Und wieder hilft uns das Alter und damit viel Erfahrung. Denn Übernachtungs-Reservationen machen wir konsequent nicht mehr im voraus. Wir schauen uns die Wetterprognosen an und entscheiden spontan, ob und wenn ja, wohin man fährt oder noch besser, fliegt.
Im 2025 hatten wir uns die Woche vom 10.–18. August reserviert. Zusammen mit Heinz Brem haben wir dafür den Charter-Arcus-M des Flugplatzes Schänis reserviert. Allerdings war Heinz noch engagiert und hat mit seiner Zlin ein Air-Display in Berlin geflogen, sodass er erst ab Montag, 11. August, zur Verfügung stand.

Sonntag, 10. August 2025
Für den Sonntag, 10. August hat mich der ehemalige Segelflugpilot und SG Lägern-Gruppenmitglied Beat Landert angefragt, ob er mit mir zusammen einen Segelflug machen könnte. Gesagt getan, wir haben uns einen Duo Discus XLT der SG Lägern geschnappt und sind durch die Surselva, über Oberalp, Urserental, Furka ins Wallis geflogen. Die Nordseite des Wallis lieg wie geschmiert. Schon bald waren wir in Chamonix. Für den Rückflug haben wir uns für die Südseite des Wallis entschieden. Immer dieselben Routen fliegen ist langweilig und Abwechslung macht bekanntlich das Leben süss.

Die Knacknuss war vom Val d’Hérens ins Mattertal. Der Übergang ist leider ziemlich hoch, aber Geduld und ein homöopathischer Aufwind hat uns schliesslich ins Mattertal getragen. Und was wir dort erlebten, das habe ich in meiner ganzen Segelflugkarriere noch nicht erlebt. Wir konnten tatsächlich in grossräumigem Steigen um das Matterhorn fliegen und sogar über den Gipfel hinaus steigen.
Als absoluter Laie in Sachen Bergsteigen, erstaunt mich, dass sich um 17:00 Uhr noch immer Bergsteiger auf dem Gipfel des Matterhorns befanden. Da erstaunt es wenig, wenn man liest, dass die REGA oder in diesem Fall wohl eher die Air Zermatt vermehrt zum Einsatz kommt.

Unser Heimflug war dann ziemlich ereignislos, ausser dass überall die Luft aus dem Norden rübergeschwappt ist. Ganz markant zu sehen an der „Grimselschlange“, welche segelfliegerisch nicht sonderlich einladend ausgeschaut hatte.
Montag, 11.August 2025: Schänis-Vinon s/Verdon
Nach einem kurzen Telefonat mit Heinz am Vorabend verabreden wir uns zum ordentlichen 09:00-Briefing auf dem Flugplatz Schänis. Wir beschliessen, Kleider und Hygieneartikel für maximal drei Übernachtungen einzupacken. Ob alters- oder eher platzbedingt ist schwierig zu sagen, jedenfalls ist das Ausgangstenue nicht mehr so, wie es einmal war.
Unsere Wetteranalyse zeigt, dass wir heute Montag problemlos nach Vinon fliegen sollten und am Folgetag, Dienstag, 12.08. ebenso problemlos wieder zurück fliegen könnten. Der Mittwoch, 13.08. sieht zwar auch noch danach aus, als ob der Rückflug gelingen könnte, aber allenfalls nicht mehr ganz so einfach. Na ja, wir planen mal max. 2 Übernachtungen in Vinon. Der Beschluss ist schnell gefasst, heute geht’s nach Vinon. Kurz noch Ernst Willi, der in Vinon im Segelfliegerurlaub ist, kontaktiert, um ihn vorzuwarnen.
Mit unserem Luxus-Doppelsitzer Arcus M, den wir vom Flugplatz Schänis chartern, geht’s im Eigenstart Richtung Glarnerland. Na ja, sagen wir es mal so, es war kein Start aus der Pole Position, jedenfalls mussten wir den Motor nochmals kurz zur Hilfe nehmen. Erst am Kärpf konnten wir erstmals richtig steigen. Von da weg lief es. Standardstrecke Surselva, Urserental über die Furka ins Wallis.
Bis in die Region Raron sind wir kaum über 3’100 müM gekommen. Am Wiwannihorn, nördlich Raron sind wir erstmal über 3’500 müM gestiegen. Die Nordkrete Wallis sieht einladend aus, wir haben uns beim Abflug schon dafür entschieden, westlich um den Mont Blanc zu fliegen. Bei Martigny wechseln wir die Talseite, allgemeine Richtung Chamonix.

Irgendwie sind wir mit dem LX für anspruchsvolle Navigation nicht ganz glücklich. Deshalb führen wir immer ein iPad mit der Motorflugsoftware Skydemon mit. Und siehe da, es erscheinen einige Sperrgebiete mit Minimum-Höhen in der Region Chamonix. Akribisch halten wir diese Gebiete ein. Endlich von diesen Restriktionen erlöst, bahnt sich schon das nächste Unheil an. R332B heisst der Restricted Airspace und geht von Surface – FL 125. Jetzt straft uns eine allenfalls zu schlampige Flugvorbereitung, jedenfalls wissen wir nicht, was hier Sache ist. Die Karte weist Marseille Info aus und die wissen ja sicherlich Bescheid. Also Marseille Info aufgerufen, allerdings wusste der Kontroller nicht, wovon ich sprach, als ich mich nach dem Status von Romeo 322A, 322B und 331 erkundige. Erst als ich ihm mitteile, dass diese Gebiete südlich Mont Blanc liegen, kam ein knappes „Stand By“ durch den Äther.
„Stand By“ in der Segelfliegerei ist eine etwas dumme Sache. Denn man kann ja nicht wie im Simulator die Pause-Taste drücken. Jedenfalls waren wir genau eine Krete von satten Cumuluswolken entfernt. Es ist aber wie im Garten Eden, die hübschesten Cumuli standen in der «vergifteten» Zone. Es blieb uns nichts anderes übrig, als in toter Luft am restricted Airspace vorbei zu gleiten, um unsere schöne Höhe schwinden zu sehen. Als wir endlich vorbei, bereits eine Etage tiefer fliegen, kommt von Marseille Info die Nachricht, „R322 is not active“.
Ganz herzlichen Dank, diese Info vor 5 Min. hätte uns extrem geholfen. Jetzt fahren wir auf 1’850 m ü.M. tief unten bei La Plagne am Hang ein. Eine ca. stündige Hangflugübung durch Kabel-verseuchtes Gebiet bringt uns die Erlösung. Mit 3’200 m ü.M. über dem Skigebiet von La Plagne, sind wir wieder richtig dick im Geschäft.
Als ob unser Flug nicht schon genügend Abenteuer beinhaltete, beginnt jetzt auch noch das LX Kapriolen zu schlagen. Jedenfalls haben wir dauernde GPS-Ausfälle. Spannend dabei ist, auch wenn das GPS ausfällt, zeigt die Moving Map trotzdem ein Flugzeug-Symbol. In unserem Falle zeigt dieses die Flugrichtung Nord an, obwohl wir 100% in den Süden fliegen. Learning: den Instrumenten nicht in jedem Fall trauen.

Jetzt, ohne LX fliegen wir an Courchevel vorbei und zirkeln mit unserer Landkarte durch den Korridor in der Vanoise, Richtung Sollières. Während Heinz die super Aufwinde nutzen möchte, drängt es mich ins Feierabendbier. Beim ersten super Aufwind mahne ich ihn, weiter zu fliegen. Nicht, dass er immer auf mich hört, aber in diesem Falle fliegt er weiter. Am Col de Roche Noire und am Tête d’Amont muss ich dann aber Heinz zugestehen, dass es absolut gefrevelt gewesen wäre, diese Aufwinde auszulassen. 4.9 m/sec integriertes Steigen, Spitzenwerte von 8m/sec. das würde der Thermikgott nicht goutieren, würde man solche Aufwinde links liegen liesse.
Jetzt geht’s aber in gewohnter Manier vom Tête d’Amont ohne weiteren Kreis nach Vinon, wo wir uns mit «HB-2000 arrivant de la Suisse, vent d’arrière Piste 20, train sorti et verouillé» anmelden. Mir ist allerdings bis zum heutigen Tag ein Rätsel, weshalb man ein ausgefahrenes Rad meldet, denn kontrollieren tut dies ja niemand. Alle anderen Checkpunkte meldet man auch nicht am Funk. Na ja, ein weiterer Segelflug-Furz, den man nicht verstehen muss.

Der große Unterschied zwischen einer Landung in Schänis und Vinon? Öffnet man die Haube in Schänis, stinkt es nach Kuhgülle (Jauche), in Vinon duftet es nach Lavendel.
So schön und elegant der Arcus sich durch die Luft bewegen lässt, so mühsam bewegt er sich am Boden. Jedenfalls sind wir nudelfertig, als der Flieger endlich an einem sicheren Stand zum Verzurren steht.
Ernst Willi verbringt gerade seinen Segelfliegerurlaub in Vinon und empfängt uns noch auf der Piste 30 mit einem kühlen Bier und einem schönen Apéro. Da kommen die Lebensgeister langsam wieder zurück. Schnell wird ein Hotel reserviert, «süber geputz und und dargetan» (geduscht und sauber rasiert) ging’s dann zu einem köstlichen südfranzösischen Nachtessen.
-> wie die beiden wieder nach Hause kommen, finden Sie hier morgen heraus.




























































































































