Wandersegelflug 2020 – Reise mit Abstandsregeln

Text und Bilder von Andris Kade.

Es ist noch gut eine Woche bis zu unserem Wandersegelflug 2020. Seit zehn Jahren unternehmen wir Wandersegelflüge quer durch Europa. Wir sind meine Frau und ich sowie unser Fliegerkamerad und Freund Thomas. Er fliegt eine DG 800 B und wir haben seit zehn Jahren eine gut gepflegte DG 500 M. Diese ist ein Glücksfall, denn wir konnten das Flugzeug in gutem Zustand von der Segelfluggruppe Bex erwerben. Das ist der Grundstein, um unseren Wandersegelflieger-Traum umsetzen zu können.

Querung der Donau östlich von Linz.

Schon ein bis zwei Wochen im Voraus beobachte ich aufmerksam das Wetter, um einen optimalen Abflug-Zeitpunkt zu planen. Aber nicht nur das Wetter ist in diesem Jahr eines der größten Herausforderungen, sondern vor allem die Covid-19-Situation macht die Planung nicht einfach. Da jedes der geplanten Länder andere Vorschriften erlässt, muss ich mehrfache Telefonate mit Behörden und Flugsicherungen führen. Plötzlich brauchen wir Flugpläne, wo man früher einfach über Grenzen fliegen konnte. Als Segelflieger ist man das Ausfüllen von Flugplänen nicht gewohnt. Mit dem Online-Tool der DFS ist das aber kein Problem mehr, denn man kann die Flugpläne nicht nur für das In- sondern auch für das Ausland problemlos erstellen. Besonderer Dank gilt hier den Mitarbeitern der DFS, die ich mehrfach im Vorfeld telefonisch um Hilfe bitte und die mir jedes Mal geduldig zur Seite stehen.

Samstag 11.07.2020
Tolle Rückseite zum Auftakt
Das Wetter passt endlich, es geht los. Wir können eine wunderbare Rückseite nutzen, um von unserem Heimatflugplatz Hütten-Hotzenwald nach Osten wegzufliegen. Der erste Flugplatz ist auch in diesem Jahr Regensburg-Oberhub. Nach gut fünf Stunden Flugzeit kommen wir in Regensburg an und stellen fest, dass es dort keine Taxifahrer gibt. Unser Hotel liegt einige Kilometer vom Flugplatz weg. Glücklicherweise gibt es am Flugplatz ein Restaurant und die ältere und rüstige Wirtin bringt uns kurzerhand in ihrem kleinen roten Auto und mit zügigem Fahrstil zum Hotel.

Sonntag, 12.07.2020
Tiefe Basis in den Alpen und ein bisschen Mut
Aufgrund der Wettervorhersage entscheiden wir, weiter Richtung Österreich zu fliegen. Leider merken wir schnell, dass das Wetter weniger gut als die Vorhersage ist. Schon am frühen Nachmittag treffen wir auf größere Ausbreitungen und Regenschauer im Bayrischen Wald. Dennoch gelingt uns schliesslich dank einem Aufwind auf 2‘600 m nordöstlich von Linz problemlos der Sprung zu den Alpen. Ohne den Motor zu nutzen, erreichen wir die ersten hohen Berge südlich von Amstetten und weiter Richtung Mariazell. Bei nur 2000 m Basishöhe basteln wir uns durch das hohe Gelände weiter nach Punitz, unserem heutigen Ziel. Der Einstieg in die Alpen gelingt Thomas nicht so problemlos und er braucht den Motor. In Punitz ist es wieder ein eifriger 84jähriger Fliegerkamerad, der uns bei der Hotelsuche unterstützt und uns zum Hotel bringt. Am nächsten Morgen werden wir sogar wieder abgeholt.

Das „Märchenschloss“ von Weinitz von Prievidza, eine schöne Kulisse im Anflug.

Montag, 13.7.2020
Flugpläne und Corona-News
Nach längerem Wetter- und Corona-Newsbriefing und einigem Hin und Her entscheiden wir uns heute, in die Slowakei zu fliegen. Die Corona-Situation macht uns Sorgen. Es gilt auf jeden Fall zu vermeiden, nicht in einer Quarantäne-Falle zu landen. Für den Flug in die Slowakei ist jedoch ein Flugplan nötig, den wir problemlos über das DFS-Tool online erledigen. Bei hervorragendem Wetter und guter Wolkenthermik erreichen wir am frühen Nachmittag den slowakischen Flugplatz Prievidza. Hier treffen wir auf unsere Bekannten Katarina und ihren Freund Daniel, mit denen wir einen netten Abend verbringen. Beide sind dort am Platz Segelflieger. Wir werden von ihnen durch den netten Ort Bojnice geführt sowie bei der Besichtigung des hübschen Schlosses Weinitz von Prievidza begleitet.

Nach den Bergen wird es flach in Ungarn, hier südlich von Sopron. Im Hintergrund der Neusiedler See.

Dienstag 14.07.2020
Wie Schachspielen – immer ein paar Flugtage weiterdenken
Es ist 10:00 Uhr, das morgendliche „Schachspiel“ nimmt seinen Lauf… Optionen um Optionen werden geprüft und verworfen. Weiterfliegen in Richtung Polen ist heute bei dieser Wetterlage nicht möglich. Außerdem stellen wir fest, dass wir für die kommenden Tage ein Flugplatz weiter im Süden wählen müssen, um starken Regenfällen im Norden auszuweichen. Wir entscheiden uns für Gabis Heimat Ungarn. Im Südosten Ungarns liegt der Flugplatz Bekescsaba. Natürlich benötigen wir auch für diesen Flug einen Flugplan. Mittlerweile sind wir fast schon Profis, das Ausfüllen des Flugplans dauert keine fünf Minuten. So wie an den Tagen zuvor füllen wir nur einen Flugplan aus, da wir als Team fliegen und der Aufwand mit der Flugsicherung während des Fluges kleiner wird. Den Funkverkehr überlässt Thomas mir, weil wir ja im Doppelsitzer fliegen und es einfacher sei – meint er…. naja. Nach einem stressigen Flug mit viel Funkverkehr, Frequenzwechsel und unsäglichem Transpondereinsatz sage ich zu Thomas: „Es ist halt im Alter wie beim betreuten Wohnen – Du bekommst betreutes Wandersegelfliegen!“

Von Prievidza nach Bekescsaba. Ungarische Puszta – kein Berg weit und breit. Der Theiß-See ist Ungarns grösster künstlicher See.

Der Flugplatz Bekescsaba ist als regionaler Flughafen ausgelegt. Entsprechend sind Lande- und Rollbahnen, Zollhäuschen, Gepäckbänder und Abflughalle ausgerüstet. Für Segelflieger-Landungen auf einer Asphaltbahn mit 1400 x 40m mehr als komfortabel. Unglaublich, was mit EU-Geldern finanziert wird. Nach der Landung begrüsst uns eine junge, quirlige Flugleiterin, die uns spontan zu einem Kaffee in ihrem Büro einlädt. So was haben wir auf unseren Reisen noch nicht erlebt. Nebenbei organisiert sie Taxi sowie ein wunderbares Hotel in der Nähe. Ein Traum! Fast wie eine Pauschalreise von TUI, aber eben nur fast, denn die fliegen ja derzeit nicht.

Mittwoch 15.07.2020
Auf der Suche nach gutem Wetter
Das Wetter wird ab Donnerstag schlechter. Wir überlegen uns, wo wir die nächsten Tage im Trockenen verbringen können. Wieder fällt die Wahl auf die wunderschöne Kleinstadt Pecs südlich des Balatons. Auch hier befindet sich ein Regionalflughafen der ausreichend Komfort bietet – bei Gewittern notfalls Hangarplätze. Das Flughafenpersonal kennt uns schon seit mehreren Jahren und ist erfreut, uns wieder begrüssen zu dürfen. Das Hotel liegt im Zentrum der Altstadt von Pecs, wo es ausreichend Restaurants und Zuckerbäckereien gibt. Zuckerbäckereien sind Thomas´ Plaisir an den Nachmittagen. Kaffee und Kuchen sind ein „Muss“ an unfliegbaren Tagen.

Das Zentrum von Pecs. Herrliches Ambiente.

Donnerstag 16.07. bis Samstag, 18.07.
Rien ne va plus
Das Wetter läst in den nächsten Tagen keinen Weiterflug zu. Wir sitzen jetzt mitten im Zentrum eines Tiefdruckgebietes, welches sich freudig um uns dreht. Wir sind umzingelt von Regen und Gewittern.

Sonntag 20.07.2020
Verlagerung nach Nordwesten Ungarns
Das Warten hat ein Ende und die Wettervorhersage sieht brauchbar aus. Das Queren der Alpen oder entlang der Alpen zu fliegen ist zwar nach wie vor nicht machbar, aber wir verlagern unseren Standort in den Nordwesten Ungarns. Der Flugplatz Fertöszentmiklos (Meidl Airport) verspricht für den nächsten Tag eine gute Ausgangsposition, um dann um Wien herum das Alpenvorland nach Deutschland zu queren. Auf dem Flugplatz werden wir vom jungen Flugleiter Namens Krisztian herzlich empfangen. Vorteilhaft auf Ungarnreisen ist, dass Gabi perfekt ungarisch spricht. So sind alle Sprachbarrieren gebrochen. Krisztian bringt uns in ein hervorragendes Hotel in Flugplatz-Nähe. Für den nächsten Tag wird eine Uhrzeit für den für Krisztian selbstverständlichen Abholservice am Morgen ausgemacht. Ein grandioser Service in Ungarn!

Montag, 21.07.2020
Tiefe Basis, Regenschauer und coole Controller
Um 10 Uhr morgens stehen erste Cumulus am blauen Himmel. Eigentlich wäre das eine gute Voraussetzung für einen tollen Tag. Doch beim ersten Blick in die Wettermodelle wird schnell klar, dass wir heute einen feuchtlabilen Tag mit Regenschauern zu erwarten haben. Wie feucht merken wir später… Prognosen von Meteoblue kündigen schon ab Mittag erste Regenschauer in den Ostalpen an. Trotzdem entscheiden wir, den Tag zu nutzen, denn die Folgetage sehen nicht besser aus. Bevor es aber heute los geht, tanken wir beide nochmals komplett voll (nichts ist so unsinnig wie das Benzin in der Tankstelle…).

Der Neusiedler See, ein wunderbares Naturgebiet nicht nur für Segelflieger, sondern auch für Radfahrer.

Kurz nach 12 Uhr starten wir bei sehr guter Thermik. Mit einem schönen Ausblick auf den Neusiedler See fliegen wir westwärts. Wir erreichen gerade die Hügelchen (Ungaren nennen das Berge) südlich von Sopron, da prasselt der erste Regenschauer auf uns nieder. Mit Mühe rette ich mich ein paar Kilometer weiter in einem Sonnenfleck und erreiche tatsächlich eine Wolke mit gutem Steigen. Jetzt merke ich schnell, dass wir unseren Flug nicht über die Berge fortsetzen können, sondern über das Wiener Becken ausweichen müssen. Während meine Frau fleißig weiter Höhe macht, studiere ich den komplexen Wiener Luftraum. Der Transponder wird eingeschaltet und Wien Information um eine Freigabe quer durch das Wiener Becken angefragt. Zügig erhalte ich einen Squawk und die gewünschte Freigabe auf 5‘500 ft. Damit kommen wir problemlos durch das Wiener Becken und erreichen die ersten Berge westlich Wiener Neustadts. Das Glück meint es gut mit uns und wir finden einen guten Bart, der uns auf 1900 m bringt. Aufgrund massiver Ausbreitungen und Regenschauer in den Bergen bleibt uns nichts anderes übrig, als in das flachere Gebiet nördlich der Alpen auszuweichen. Erst in 300 m GND finden wir nach viel Herumbohren endlich ein wenig Thermik. Mühsam geht es weiter entlang der ersten Bergketten Richtung Westen. Bei Steyr, südlich Linz erwischen wir das letzte Mal Thermik. Im Westen macht eine massive Abschirmung jede Hoffnung, thermisch weiter zu fliegen, zunichte. Ich melde mich jetzt bei Wien Information ab, um mit dem Controller von Linz Kontakt aufzunehmen. Von Thomas höre ich nichts. Irgendwie haben wir uns verloren. Nach kurzer Rücksprache mit Linz Radar dürfen wir problemlos die TMA queren und auf dem Direktflug weiter Richtung Schärding, unserem heutigen Tagesziel, fliegen. So sparen wir uns einen grossen Umweg und lange Motorlaufzeiten. Glücklicherweise strahlt in Schärding die Sonne und wir können einen wunderbaren Abend im Freien bei gutem Essen verbringen.

Dienstag, 22.08.2020
Schwache Thermik, frühes Thermikende und eine Märchenstadt
Den Traum, über die Alpen nach Hause zu fliegen, haben wir am Vortag aufgegeben. In den Jahren zuvor konnten wir den Heimflug immer über die Alpen realisieren. So müssen wir aufgrund der Wetterlage einen Weg nördlich von München suchen. Warmlufteinfluss macht heute einen frühen Start unmöglich. Bei anfänglich schwacher Blauthermik kämpfen wir uns langsam voran. Bei Landau an der Isar ist dann endgültig Schluss. Wir gönnen uns sieben Minuten Motorzeit und erreichen 12 km weiter endlich erste brauchbare Wolken. Irgendwie scheinen wir in eine andere Klimazone einzufliegen. Mit ordentlicher Wolkenthermik bis 2000 m geht es die nächsten 160 km zügig weiter. Übermütig frage ich Thomas, ob wir anstelle Rothenburg o.d.T. nicht doch Würzburg anfliegen wollen. Thomas stimmt zu, doch schon wenig später merke ich, wie der Wind zunimmt und die Thermik südöstlich Nürnbergs nachlässt. Rothenburg würde ich problemlos im Gleitwinkel erreichen. Nochmals den Motor bemühen möchte ich nicht. Ich informiere Thomas und lande in Rothenburg. Er wollte ohnehin nicht unbedingt nach Würzburg.

Rothenburg o.d.Tauber: Kurz nach dem Start fliegen wir eine Runde über der historischen Kleinstadt. Markant ist die vollständig erhaltene Stadtmauer.

Den Abend verbringen wir im Zentrum von Rothenburg – einer Märchenstadt. Die historische Altstadt mit bezaubernden Häuschen und gemütlichen Biergärten. Ein Besuch, der sich lohnt.

Mittwoch, 23.08.2020
Die kaputte Statistik und viel Warmluft
Wäre der heutige Tag nicht gewesen, hätten wir einen neuen Rekord aufgestellt. Nur etwas mehr als eine Stunde Motorlaufzeit haben wir bis jetzt gebraucht. Die ersten sechs Tage benötigen wir den Motor ausschliesslich zum Starten… und jetzt das! Strahlend blauer Himmel, kein Wölkchen weit und breit. Gegen 12 Uhr startet ein Arcus M. Leicht verunsichert halten wir aber an der Strategie fest, erst gegen 13 Uhr loszufliegen.

Erstaunlicherweise finden wir kurz nach dem Start gute Blauthermik mit Steigwerten um 2,5-3m/s. Die Freude ist gross, aber nur bis Schwäbisch Hall. Sobald die Bauern mit den Traktoren durchs Cockpit zu fahren scheinen, entscheiden wir uns, den Motor arbeiten zu lassen. Bis zum Schwarzwald prägt ein Mix aus Thermik und Motor das sonst so lautlose Fliegen. Selbst der Schwarzwald ist durch Überentwicklungen und breit laufende Wolken thermisch kaum nutzbar. Als wir nach rund vier Stunden wieder Zuhause am Hotzenwald ankommen, bin ich froh. 40 Minuten Motorlaufzeit drückt einem ambitionierten Segelflieger schon aufs Gemüt. Eine so miese Etappe hatten wir auf Wandersegelfliegen noch nie. Kein schöner Abschluss nach so tollen Erlebnissen in den letzten zwei Wochen.

Zusammenfassend legten wir in elf Tagen 2‘700 km in 42 Stunden Flugzeit zurück. Der Motor kam während der ersten Etappen unterwegs nicht, sondern erst auf dem Rückweg zum Einsatz, als die Wettersituation schwierig wurde. So kamen wir am Schluss auf einem Motor Laufzeit von knapp zwei Stunden. Bemerkenswert ist, dass weder Thomas noch ich keine Probleme mit dem Motor hatten. Das ist nach den Jahren zuvor erwähnenswert. Mal schauen, welche Überraschungen 2021 bringen wird.

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