Kategoriearchiv: Segelflug-Blog

Segelflug-Berichte, Erzählungen, Urlaubsreisen und Abenteuer für kleine und grosse Jungs.

Rundum zufriedene Gesichter beim GliderCup 2009

Mit dem 2009 lancierten GliderCup bot SchänisSoaring auf die ganze Saison verteilt seinen ausgebildeten PilotInnen ein geführtes Weiterbildungs-Programm. Ziel war es, Streckenflug-Neulingen einen sicheren Einstieg in die Streckenfliegerei jenseits des Platzbereiches Schänis zu bieten, wobei der Spassfaktor nicht zu kurz kommen durfte. Alle sechs Flugtage wurden trotz teilweise schwieriger Wetterbedingungen durchgeführt. Die Bilanz ist nicht nur deshalb erfreulich.

Link auf Foto-Galerie.

Was will der GliderCup?
Ziel des GliderCups ist, mit mehr Spass, weiter und mehr zu fliegen. Gemeinsam in der Luft mehr zu erleben. Lernen, sicher Strecken zu fliegen. Und die elektronischen Planungs- und Dokumentations-Systeme bedienen zu können.

Die Mittel, um diese Ziele zu erreichen, sind ein simples, maximal A4 langes Reglement, eine einfache Punktvergabe, die bis zum Saisonende die Spannung hoch hält. Ein geringer organisatorischer Aufwand für alle Beteiligten wird dank der Verteilung des GliderCups über die ganze Saison und automatischer Auswertung über den OLC und einem vordefinierten Strecken-Katalog erreicht.

Der Kern des GliderCup sind Doppelsitzerflüge mit einem Streckenfuchs, wobei die „Rookies“ vom reichlich vorhandenen Streckenflug-Know-How in Schänis profitieren können. Der Flugtag endete immer mit einem De-Briefing bei einem gemütlichen Abendessen, wobei auch die Kontakte untereinander gepflegt und intensiviert wurden.

Begehrte DoSi-Plätze
Eine Erkenntnis aus der ersten Saison SchänisSoaring GliderCups ist, dass Streckenflug-Neulinge es sehr schätzen, im Doppelsitzer vom Know-How eines erfahrenen Streckenfliegers zu profitieren. Unsere moderne Flotte an Doppelsitzern stand dann auch praktisch an sämtlichen GliderCup-Flugtagen rege im Einsatz. Da wir auch bei durchzogenem Wetter flogen, bestand auch selten Bedarf nach diesen Doppelsitzern seitens der anderen Clubmitglieder. Die Besatzungen wurde dabei nicht immer durch einen Fluglehrer auf dem hinteren Sitz ergänzt, häufig sass auf dem vorderen Platz ein nicht minder kompetenter Streckenflieger, scharf beobachtet vom ‚Stift’ auf dem hinteren Sitz, was dem Lerneffekt keinerlei Abbruch tat.

Auch ‚Rookies’ können gewinnen.
Für Spannung während der Saison sorgte die Punktevergabe. In der Tagesrangliste erhielt der Sieger 10 Punkte, der Zweitplatzierte 8 Punkte und danach reduzierten sich die Punkte um jeweils eins pro Rang. Jeder Pilot mit einem gültigen Flug erhielt in der Tagesrangliste einen Punkt. Für eine im Doppelsitzer erflogene Leistung wurde beiden Piloten die gleiche Anzahl an Ranglistenpunkten gebucht, was am Ende dazu führte, dass der fleissige GliderCup-Pilot Alfred Reist als ‚Rookie’ in der Gesamtrangliste den hervorragenden zweiten Platz einflog.

Keine ‚Näggis’
Insgesamt 31 TeilnehmerInnen flogen während der sechs Flugtage am GliderCup mit. Darunter waren auch Gäste des Nachbarflugplatzes Mollis. Alle TeilnehmerInnen nehmen am Saisonende nicht nur einen ungewohnt grossen Haufen an Flugstunden, Streckenkilometern und Erfahrungen mit nach Hause, sondern auch einen persönlichen, von SchänisSoaring gesponserten Fleece-Pullover. Besonders erfreulich war die Flugdisziplin. Der gesamte GliderCup verlief ohne irgendwelche Zwischenfälle. Wir hatten weder Luftraumverletzungen, noch Materialschaden zu beklagen und auch die einzige Aussenlandung des Cups, auf dem Flugplatz Olten, verlief ereignislos. Die Streckenflugtheorie des Trichterfliegens wurde offensichtlich äusserst effizient in die Praxis umgesetzt…

Bilanz des GliderCup 2009
Das Ziel, Jungflieger in einem geführten und sicheren Rahmen an die Streckenfliegerei zu führen, ist den Verantwortlichen vollumfänglich gelungen. Die Eingaben im OLC belegen, dass die Jungpiloten das Erlernte auch ausserhalb des GliderCup bereits tatkräftig in der Praxis anwenden. Dies bekräftigt die Verantwortlichen, mit dem GliderCup weiter zu fahren und damit der Streckensegelfliegerei in Schänis einen weiteren Schub zu verleihen.

All dies ist zumindest für den Veranstalter ‚SchänisSoaring’ das positivste Signal des GliderCups 2009. Mit einer Wiederholung im kommenden Jahr darf also gerechnet werden. Die Veranstalter würden sich freuen, wenn sich vermehrt auch TeilnehmerInnen von anderen Gruppen mit Flugmaterial und Fluglehrern/erfahrenen Streckenpiloten am GliderCup beteiligen würden. Diese Platform kann sehr einfach dazu genutzt werden, das Fluggebiet der Jungpiloten zu erweitern.

Im Segelflugzeug am ersten Advent 790 km über den Nordalpen

Am 29.11.2009 ist mir mit der neuen ASG-29 von SchänisSoaring ein unglaublicher Flug bei orkanartigem Südwind über der Schweiz und Vorarlberg gelungen. Der Föhn bläst mit Spitzen von 180 km/h, die Hänge sind frühmorgens schon angeblasen. Dank den überragenden Flugeigenschaften der ASG-29 gelingt während der kürzesten Tage des Jahres ein nahezu kreisloser Hangflug über Hunderte von Kilometern, auch wenn ein erheblicher Teil der Flugstrecke noch in der Kaltluft liegt und zwischen Arlberg und Innsbruck nur die Kretenspitzen leicht angeblasen sind. Die tollen Aufnahmen hier stammen alle von Roland Henz.

Das Montafon aus Norden gesehen. Die Flügelspitze zeigt eine der Wellen-Einstiegspunkte. Eine Schlüsselstelle für die Schweizer Föhn-Streckenflieger. Hier muss man, aus Osten kommend, gegen den ‚Wasserfall‘ kämpfend, die Luvseite der Montafon-Welle oder den Hangwind im Prättigau erreichen. Die Montafon-Welle (das schwarze Monster am oberen Bildrand) geht sehr stark und weit über 6’000 Meter hinauf. Und netterweise ist hier ein Wellenfenster eingerichtet, für das man sogar Freigaben bekommt.

Die mentale Vorbereitung hat das Resultat ermöglicht. Ich bin eigentlich die Strecke abgeflogen wie ein Roboter, bin den Flug vorgängig unzählige Male im Kopf durchgegangen, habe mir die möglichen Schlüsselstellen im Detail überlegt. Bin konsequent vorwärtsgeflogen, auch wenn das Wetter Gründe für erhebliche Zweifel geliefert hat. Das hat sich diesmal ausbezahlt. Ausser einem Fehler zu Beginn des Fluges ist alles gelaufen wie vorher geistig zurechtgelegt. Beim Hinweg habe ich mit einem Welleneinstieg im Rheintal und Montafon zu Beginn den Grundstein für die aufwindfreie Überquerung des Kaltluftsees zwischen Arlberg und Karwendel gelegt. Auf dem Heimweg bin ich wie ‚Tarzan an der Liane’ von angeströmtem Felsvorsprung zu Felsvorsprung gehüpft – im untersten möglichen Höhenband bei 130 km/h Gegenwind immer nur so hoch steigend, dass ich es von Kufstein bis Landeck jeweils sicher bis zum nächsten sicheren Hangaufwind im parallel angeströmten Hangwind schaffe, ohne in die tiefen Höhenbänder abzugleiten und dort die Bergwindsysteme überhaupt nicht mehr im Griff zu haben. Der Flug ist eine Erfahrung, die mir den Weg für neue Expeditionen weiter in den Osten Österreichs öffnet.

Ruppiger Start.

Der Start läuft im Kaltluftsee der Linthebene wie erwartet – überrascht bin ich von der Heftigkeit der Böen im Schlepp. Alles fliegt das erste Mal durcheinander. Von hinten drückt das Flughandbuch gegen die Kopfstütze und gegen meinen Nacken. Die Cockpit-Scheiben beschlagen trotz geöffneter Lüftung. Die Getränkeflasche blockiert meinen linken Arm – daran wird sich die kommenden acht Stunden nichts ändern. Der PDA löst sich mitsamt Saugnapf-Halterung vom Cockpitglas und segelt durch’s Cockpit. Ich schleppe nach der Erledigung erster Reparaturen unsportlich hoch und ziehe auf 2’100 Meter westlich Ziegelbrücke die Klinke. Der arme Schlepp-Pilot Paul Kläger stürzt sich mit dem Robin zurück in die Turbulenzen, während ich am Südhang des Federispitzes in den Handwind eindrehe und sofort ein paar Hundert Meter an Höhe gewinne. Bei früheren Gelegenheiten habe ich mich stundenlang im müden Hangwind im untersten Bereich des Berges herumgeplagt. Um das zu vermeiden, klinke ich seither deutlich höher. Die nun gewonnene Höhe nutze ich, um direkt an den Churfirsten an die Krete zu gleiten. Besser gesagt, darunter. Bis um die vorstehende Kante des Leistchamm-Gipfels herum geht es nur ‚den Bach runter’. Auf ungemütlichen 1’700 Meter angelangt, greift aber ein zuverlässiger Hangwind unter die Flügel der ASG-29 und hebt mich im Geradeausflug kräftig in die Höhe. Beim Vorfliegen am Alvier-Plateau geht es dermassen rasch nach oben, dass ich kaum Zeit finde, festzustellen, wieviel das Flugzeug überhaupt steigt. Die Instrumente sind am Anschlag. Das Zander-Variometer zeigt sowieso gar nicht, bzw. alles an. Sämtliche digitalen Felder sind ausgefüllt, ich sehe nur einen Zahlenhaufen voller ‚Achten’. Auch die Höhe ist so nicht ablesbar: 8’888 Meter. Im Grunde eine unbrauchbare Geschichte. Das Akkustikvario meldet immerhin jeweils ‚viel Sinken’ oder ‚viel Steigen’, eigentlich reicht das ja. Den Zander-Bordrechner kann ich sowieso nicht bedienen. Nicht in ruhiger Thermik und noch weniger in den Föhnböen von heute.

Der Fehler des Tages.

Während ich die ersten Eindrücke verarbeite und langsam Ordnung im Cockpit und im Kopf bekomme, klettert die ASG-29 in der ersten starken Leewelle des Tages auf über 4’000 Meter hinauf. Von hier aus sieht die Optik in meinem Ziel-Fluggebiet durchzogen aus. An der Schesaplana staut sich eine weit ausgebreitete Wolkendecke bis hinauf nach Landquart. Sieht wenig einladend aus. Die Basis dürfte 2’000 Meter unter meiner aktuellen Höhe liegen. Darum herum fliegen ist also aufwendig. Verlockender sieht der Norden der Schesaplana aus. In der Ferne, in der Region des Itonskopf, lockt eine hohe Lenticularis. Die Montafon-Welle. Eigentlich müsste ich von hier aus doch direkt dort hineingleiten können… Damit wäre ich schnell und hoch und könnte mir den turbulenten Abstieg an die Hänge des Rhätikon ersparen. Gedacht, getan. Minuten später bin ich nördlich der Schesaplana mitten im Niagara-Fall. Jedenfalls fühlt sich die Fliegerei jetzt so an. Na, das wird sich schon wieder einrenken, denke ich. Es geht aber unvermindert gewaltig den Bach runter. Meine komfortable Höhe schmilzt wie das Geld auf dem Familienkonto. Die Optik verschlechtert sich rasant, die Berge wachsen neben mir in den Himmel. Ich versuche anfangs, über den Kamm auf die Luvseite zu gelangen, weil hier plötzlich eine Lücke in der Staubewölkung sichtbar wird. Aber es ist zwecklos, der Wasserfall ist um Faktoren stärker. Ich fliehe zurück ins Lee und versuche, zum Tal hinaus zu fliegen. Schwierig, nur schon die Fahrt zu halten. Zwischendurch schlägt die extreme Turbulenz das Fahrwerk aus dem Flugzeug und reisst gleichzeitig die aerodynamischen Bremsen aus den Schächten. Das habe ich so noch nicht erlebt. Und es hört nicht auf. Ich bekomme sofort sehr warm. Die Cockpit-Scheibe beginnt zu beschlagen. Der PDA macht sich wieder selbständig. Mir wird von der Schüttlerei fast schlecht, obwohl ich alle Sinne und beide Hände brauche, um den Segler in Fahrtrichtung zu halten. Inzwischen bin ich unter die Kreten zwischen Malbun und Zimbaspitze gefallen. Da hilft nur noch die Flucht zum Tal hinaus. Vorsichtig halte ich die Fahrt im grünen Bereich, obwohl die Böen um 80 km/h zu- und abnehmen und es unmöglich ist, eine bestimmte Geschwindigkeit zu halten. Alles fliegt durchs Cockpit, den Schädel habe ich inzwischen trotz festgezurrter Gurte zum 25. Mal ans Capot geknallt. Macht keinen Spass. Auch über Bludenz ist noch nicht Schluss. Die Rotoren walzen mitten durch das enge Tal. Ich sichte die Aussenlandefelder von Ludesch und rette mich auf noch 1’600 Metern an die ersten tiefen Hänge der Nordkrete bei Bludenz. Inzwischen wäre auch die Landewiese von Ausserbraz in Reichweite. Allerdings ist nicht ersichtlich, woher am Boden der Wind wirbelt. Also landen will ich ja eigentlich auch gar nicht. Die Lage beruhigt sich psychologisch etwas, als ich mit zwei jungen Adlern an den Hängen und Vorsprüngen die Höhe halten kann und langsam zu steigen beginne. Die Luft ist etwas zuverlässiger und ‚ruhiger’ als gerade eben. Ich überlege, wie ich hier wieder in die oberen Etagen komme. Aufgrund der Topografie müsste der nahe gelegene Itonskopf aus Südosten vom Bergwind angeströmt sein. Kaum reicht die Höhe optisch, um dahin gegen den Wind zu gleiten, mache ich mich auf den Weg, um erneut in der diffusen und nicht zentrierbaren Schüttlerei nördlich Schruns tief unten die Hänge zu polieren. Ich kämpfe erneut gegen aufkommende Übelkeit. Wenigstens ist hier des flachen Hanges wegen immer mehr als ausreichend Abstand zum Gelände gegeben. Wieder zeigen mir junge Adler (dieselben wie vorher?) nach anfangs erfolglosen Versuchen, zu steigen, den Weg. Ganz im Südosten des Itonskopf kann ich endlich etwas Höhe gewinnen und später beim Vorfliegen nach Schruns in die Rotoren und später in eine starke Leewelle einsteigen, die mich in Kürze wieder auf fast 5’000 Meter hinauf schiesst. So. Das wäre erstmal geschafft. Ich könnte mich kneifen und ärgere mich gewaltig. Jahrelang bin ich über das Rhätikon in die starke Montafon-Welle geflogen. Diesmal bin ich den vermeintlich einfacheren und bequemeren Weg gegangen. Und beinahe am Boden gestanden. Glücklicherweise kenne ich hier die Landefelder auswendig. Ich hätte keine Chance gehabt, irgendwas nachzuschlagen. Es ging zu schnell den Bach hinunter. Die Fallgeschwindigkeit muss während Minuten mehr als zehn Meter pro Sekunden gewesen sein. Ich habe hinter der Schesaplana auf einen Schlag rund 2’000 Meter vernichtet.

Von der Montafon-Welle kreislos 200 km weit zum Wilden Kaiser.

In der Montafon-Welle steige ich so hoch, dass ich ohne ‚Knicke’ im Höhenprofil unter den kontrollierten Luftraum abgleiten kann, der bei Landeck beginnt. Langsam aber sicher rutsche ich wieder in wärmere Luftschichten. Auch in ruhigere. Im Inntal liegt noch Kaltluft. Über den Kreten bläst vielleicht maximal 20 km/h Süd, erkennbar an dürren Kondensen hinter den Gipfeln. Meine Höhe und die Flugeigenschaften der ASG-29 lassen wenig Stress aufkommen – ich gleite und gleite nach Osten und hoffe, dass ich an den ideal angeströmten Kreten des Karwendels und später am Wilden Kaiser anhängen kann und dass mich die Flügel weit nach Osten tragen. In der Zwischenzeit bis zu meiner Rückkehr sollte der Kaltluftsee im Inntal durch das näherrückende Tiefdruckgebiet und den Südwest auf seiner Vorderseite ausgeräumt worden sein. Das wäre in groben Zügen mein Flugplan, nach hinten abgesichert von der Idee, um spätestens 12.00 Uhr zu wenden, um mit einer Stunde ‚Bastlerei-Reserve’ morgen so sicher wie möglich nicht in einer Aussenlandewiese, sondern wieder in meinem Büro sitzen zu können.

Dort, wo der Südwind problemlos die Alpen queren kann, wie etwa am Brenner, liegen feuchte Ausbreitungen bis weit nach Süden an den Kreten auf. Das war schon an der Schesaplana der Fall. Steigen kann ich darunter allerdings lange Zeit gar nicht. Erst bei der Seilbahnstation ‚Seegrube’ beginnt die südlichste Karwendel-Krete bei Innsbruck zu tragen. Und wie sie das tut. Zuversicht macht sich breit. Ich steige im Geradeausflug trotz eines Speeds von 150 km/h noch immer. Bis zum Rofan gewinne ich so ein paar Hundert Meter dazu – genug, um direkt nach Kufstein abzugleiten, ohne markant nach unten durchzufallen. Von den gefährlichen Höhenbändern ganz unten habe ich im Moment noch eine Überdosis zu verarbeiten. Über dem Wilden Kaiser hängen ein paar Oldtimer hoch oben wie Lampions im schwachen Süd. Also, geht doch! Ich hänge tief unter der Krete am markanten Kalkgebirge an und werde freundlich von einem regelmässigen, ruhigen Hangwind empfangen. Hah, so macht es richtig Spass! Mit zwei bis drei Metern pro Sekunde (ich kann das Vario noch immer nicht entziffern) rausche ich in kurzer Zeit im milden, von Cirren gedämpften Winterlicht über den Wilden Kaiser.

Kaltluftseen…

Jetzt zieht mich erst recht ein Magnet nach Osten. Endlich bin ich in der mir bisher völlig unbekannten Gegend angekommen und geniesse den Geradeausflug den Kreten entlang. Unter mir gleitet St. Johann im Tirol mit zwei Seglern an der Startbahn unter dem rechten Flügel nach hinten aus dem Blickfeld. Vor mir rücken tiefere Hügelketten und – ein unabsehbar weit nach Osten reichender Kaltluftsee mit dickem Nebel in den Tälern ins Blickfeld! Ah ja? Was bedeutet denn das schon wieder? Vorsichtig nehme ich die Fahrt einen Gang zurück und nehme an steigender Luft mit, was kommt, mache sogar Kreise, auch wenn es nur geringes Steigen ist. So bleibe ich vorerst im oberen Drittel der Kreten der Loferer Steinberge und der Leoganger. Mein Wendepunkt, den ich am Schreibtisch unter ‚St. Johann’ ausgewählt habe, ist plötzlich weit nach Osten verschoben!? Auf meinem PDA sind noch etliche Kilometer zu fliegen, dabei bin ich doch schon seit zehn Minuten am Flugplatz gleichen Namens vorbeigerauscht. Ich mache mir aufgrund der Zeitreserve keine Gedanken, gleite im leichten Sinken die Kreten entlang und nähere mich immer mehr (m)einem Wendekreis-Zylinder. Inzwischen bin ich nur noch auf etwa 1’700 M.ü.M., über meiner linken Schulter reicht der Berg inzwischen sehr hoch hinauf, unter meinem rechten Flügel breitet sich dafür eine geschlossene Nebeldecke mit ein paar Löchern aus. Na, zurück nach St. Johann kann ich vorläufig noch ohne grossen Höhenverlust. Saalfelden kommt ins Blickfeld. Diese Region kenne ich wieder von wenigen Thermikflügen. Hier könnte man sogar landen, wenn man den Boden sehen würde. Ganz im Norden ist ein Loch in der weissen Fläche mit einer langen Wiese. Also durchhalten! Der erste Versuch, die Wende zu holen, wird mir zu riskant, ich fliege etwas nach Westen zurück, um mehr Höhe zu gewinnen. Zaghaft, aber zuverlässig beginnt die ASG-29 am Hang zu steigen. Der Flieger ist eine Wucht. Auch mit geringstem Steigen kommt man damit wieder weg. Und handlich ist er auch, die Hangfliegerei macht Spass – wenn ich nicht soweit zurück fliegen müsste, würde ich hier gerne noch mehr Höhe dazugewinnen. So steige ich nur bis auf Kretenhöhe, um die Wende ‚St. Johann’ holen zu können, die in Wirklichkeit ‚Saalfelden’ heisst. Das gelingt diesmal einwandfrei mitten über der weissen Watte im Tal, auch die Rückkehr an den ‚Hang’ funktioniert einwandfrei. Es ist inzwischen Mittag. Mein Zeitplan geht bisher trotz des Tauchers im Vorarlberg und meinem ‚verschobenen’ Wendepunkt auf. Nun habe ich ganze vier Stunden bis zu meiner zweiten Wende in Altdorf und dann noch eine Stunde Zeit und vor allem Licht bis zur Landung in Schänis. Müsste eigentlich zu machen sein. Entspannt ziehe ich die Nase der ASG nach Westen und mache mich auf den Heimweg.

Parallel angeströmtes Inntal.

Ab dem Inntal werde ich den Wind voll auf die Nase haben. Eine schlauer Plan ist gefragt, wie ich von Kufstein nach Innsbruck komme, ohne der Gefahr einer Aussenlandung ausgesetzt zu sein. Ich habe mir schon in den Vortagen darüber Gedanken gemacht und versuche, von Erkenntnissen früherer Flüge hierher zu profitieren. Am Wilden Kaiser turne ich so hoch, wie es die Zeit und das schwache Steigen sinnvoll erscheinen lassen. Dann nehme ich direkt den Rofan ins Visier, der am Ende einer langen Krete, die aus Erfahrung parallel angeströmt ist, steht und kaum Aufwind liefern wird. Dazwischen ist tatsächlich kurz vor dem Rofan nur eine Stelle ausfindig zu machen, in der turbulentes Steigen auszudrehen wäre. Ich nehme 150 Meer mit und gleite rasch wieder vorwärts, obwohl ich nicht berauschend hoch fliege. Laufend kalkuliere ich, wohin meine Höhe reicht, wenn’s brenzlig würde. Ich kann sogar in der ruhigeren Luft wieder meinen PDA bedienen, der beim Rechnen hilft. In eine Wiese möchte ich wenn immer möglich nicht landen. Dank der ASG-29 erreiche ich ohne grössere Schweissausbrüche den Rofan noch auf 1’700 Metern. Diese Krete ist aus dem Zillertal wie aus einer Düse aus Süden angeströmt. Entsprechend stark trägt der Hangwind. Mit Überfahrt drehe ich in respektvollem Abstand an den Hang und ziehe die Überfahrt weg, setze die Klappen und lasse mich in zwei, drei Wenden gegen den Wind über den Gipfel hinauf blasen. Hammermässige Sache! So fliegen sonst nur die Engel. Zwei Herden mit weit über 20 Gemsen weiden weit auseinander an wenigen aperen Stellen auf der Südseite des Rofan, sie lassen sich aber vom grossen weissen Vogel über ihnen nicht aus der Ruhe bringen.

Wie Tarzan an der Liane.

Mein Plan geht bisher nicht schlecht auf. Überall, wo der Südwestwind hindernisfrei auf die Nordkrete des Inntals aufschlägt, turne ich an den exponierten Felsvorsprüngen im Hangwind ein paar Hundert Meter hoch, um mich gleich wieder in den anstürmenden Südwest zur nächsten vorstehenden Rippe zu stürzen. Dort wiederholt sich das Spiel. So halte ich mich, zwar etwas aufwendig, aber sicher im obersten Teil der Kreten. Hier hat man als Pilot wenigstens das Gefühl, die wirblige Fliegerei im Griff zu haben, weil man den Wind eher abschätzen kann als im untersten Band mit starken, kaum einzuordnenden Verwirblungen, welche die Topografie auslöst.

So lege ich die ganze Strecke von Kufstein bis zum Fernpass zurück, ohne je über die Krete steigen zu können. Entweder beherrscht dort oben die feuchte Staubewölkung das Bild oder es geht gar nicht höher, der Wind produziert dort nur noch unzentrierbare Verwirblungen. An der hohen Munde muss ich mich wieder etwas gar tief unten ausgraben, vor allem steigt die Luft an der Südwestseite des markenten Berges überraschenderweise nicht, wie ich es mir aufgrund der bisherigen Windrichtugen vorgestellt hätte. Da war auch am Morgen auf dem Hinweg nichts zu machen. So fliege ich auf die Ostseite zurück, wo ich beim Durchfliegen schwaches Steigen festgestellt habe. Und richtig: mit etwas Geduld erreiche ich im nach Osten an die Hohe Munde ‚umgelenkten’ Südwind aus dem Wipptal wieder die Tops und gleite vorsichtig entlang zum Fernpass. Dort meldet mir das sonst heute kaum aktive FLARM ein anderes Flugzeug. Es ist eine DG-600, mit der ich zusammen ein paar Höhenmeter gewinne.

Am nächsten Tag wird sich herausstellen, dass der Pilot des Flugzeuges eine Menge tolle Fotos von seinem Flug, der dieselbe Region wie meiner abdeckte, geschossen hat und ins Internet gestellt hat. Es handelt sich um den Stuttgarter Roland Henz, der beim ersten Tageslicht in Unterwössen gestartet ist und sich nun in die Gegenrichtung auf den Heimweg macht.

Bloss nicht zu tief fallen.

Vorsichtig taste ich mich die Gipfel des Mieminger Gebirges entlang nach Westen. Bei früheren Gelegenheiten habe ich zwischen Imst und dem Parseier eigentlich immer zaubern müssen, weil ich zu tief ins Inntal eingetaucht bin. Heute möchte ich mir Dergleichen ersparen und versuche, an den vorstehenden Kreten ein paar Meter zu gewinnen. Fast zwecklose Sache. Turbulent bis zur Unkontrollierbarkeit. Speziell ist jeweils auch der Vorflug zur nächsten Quer-Krete, vor allem, wenn man zu wenig nah am Talrand fliegt. Mehrmals knalle ich trotz voll angezogener Gurte gegen das Capotglas, im Cockpit fliegt wieder alles durcheinander. Besonders nervig ist meine Getränkeflasche, die ich kaum unter Kontrolle habe. Auch das Bordbuch fällt mir immer wieder in den Nacken, bis ich es in einer Akrobatikübung endlich mit beiden Händen zu fassen bekomme und nach hinten in die ‚Hutablage’ schieben kann. Auch die Kälte macht sich bemerkbar, obwohl ich gar nie hoch geflogen bin. Meine Fusssohlen-Heizung spendet zwar jede Stunde während ein paar Minuten etwas Linderung, es fühlt sich aber trotzdem an, als stünde ich in einem Eiswürfel auf dem Grill.

Trotz aller Unannehmlichkeiten erreiche ich sicher die Ausläufer des Parseiers. Hier herrscht immer ein erhebliches Rotoren-Chaos zwischen Inn-, Paznaun- und Arlbergtal. Entsprechend geduldig muss man sich nach oben kämpfen, um die Leewelle zu erreichen. Ich will das allerdings gar nicht, denn von Süden her drücken Schneeschauer ins Tal – die Gefahr, über den Wolken der näher rückenden Front gefangen zu werden, ist mir zu gross. Ich will nur ein paar Höhenmeter dazulegen, um ins Montafon zu queren.

Ohne Federlesen in die Rotoren des Montafon.

Die haben es dann wieder in sich. Der Wind dreht auf, je näher ich an die Kaltfront fliege. An Kreisen ist nicht zu denken, ich gleite einfach den Kreten entlang über den Arlberg und versuche, die Schüttlerei zu ignorieren. Ziel ist es, gerade so schnell zu fliegen, dass ich beim Itonskopf wieder die Montafon-Welle erreiche. Das klappt, allerdings komme ich wegen des heftigen Gegenwindes zu tief an. Hier müssen es mehr als 100 km/h sein. Weit über mir steht eine endlos lange, dicke, schwarze Wolke, vermutlich die Unterseite eines Lenticularis-Monsters. Ich peile die vordersten Kondensen an und versuche, im Gewirbel drunter Höhe zu gewinnen. Schwierig, wenn man nicht mit aberwitziger Querlage kurbeln will. Das bringt meines Erachtes sowieso zu wenig. Ich versuche lieber, an der richtigen Stelle der Rotoren (zuvorderst, dort, wo sie laufend frisch entstehen) in der Luft ‚stehen zu bleiben’ und in schwachen Achten hin und her zu gleiten, bis es um mich herum ruhig wird und die laminare Strömung erreicht ist. Je tiefer man unter den Rotoren einfliegt, umso schwieriger ist diese Methode, deshalb ist auch im Föhn Geduld ein guter Gehilfe. Mit ein paar Minuten Üben erwische ich aber die Welle und mit unglaublicher Kraft schiesst sich mich wieder auf über 4’000 Meter hinauf. Früh beginne ich, auf Fahrt bis an den gelben Bereich zu drücken, um zu vermeiden, dass ich in Kürze auf 6’000 Metern oben lande. Das nützt nämlich auch nichts, wenn man nachher in den kontrollierten Schweizer Luftraum eintauchen muss, der wesentlich tiefer beginnt. Ausserdem habe ich nur wenig Sauerstoff in der Flasche und die Inbetriebnahme ist mir in den Turbulenzen zu aufwendig. Ich komme schon so nicht dazu, mal was in Ruhe zu mir zu nehmen. Auch das muss offenbar besser geplant werden. Vor allem meine Trinkerei geht so überhaupt nicht. Ich brauche einen Wassersack mit langem Trinkschlauch, den ich am Mikrophon vor dem Mund sicher fixieren kann, während der Getränkesack in der Hutablage liegt und Platz im engen Cockpit spart. In diesem Flugzeug nehme ich jeweils nicht Platz, ich ‚ziehe es an’ wie eine bequeme Jacke.

Brutale Turbulenzen zuhause.

Ich kann das Steigen zwischen 4’500 und 5’000 Metern einigermassen stabilisieren, ohne mit der Fahrt in den gelben Bereich zu geraten. Der Groundspeed ist auch so noch eindrücklich hoch… Jedenfalls fliege ich trotz meines morgendlichen Horrorsturzes wieder nördlich der Schesaplana durch nach Westen. Erstens, weil sie inzwischen von Süden her vollständig zugestaut ist und zweitens, weil ich auf jeden Fall das Rheintal erreichen werde, auch wenn ich wieder vom Himmel fallen sollte wie am Morgen. Das passiert erwartungsgemäss zwischen Malbun und dem Rhein. Ich verbrate etwa 1’500 Höhenmeter, was mir aber bei einer Ausgangshöhe von über 5’000 Metern egal ist. Ich will sowieso im Schweizer Luftraum ausserhalb des kontrollierten Bereiches bleiben. So steuere ich über Flums direkt das Klöntal an. Von Süden her drücken die Schauer über die Glarner Alpen, zwischen Schwanden und dem Tödi scheint alles zu. Der Klausenpass dürfte unpassierbar sein, ausser man fliegt im untersten Band durch – genau das will ich vermeiden. Dort sind die Turbulenzen brutal. Im Frühling fand ich an meiner ASW-20-B nach einem Rotor am Klausenpass mehrere zehn Zentimeter lange Risse bei den Bremsschächten im Lack. Damals hatte ich den Eindruck, mein Flieger werde in der Luft gefaltet. Heute ist es im Klöntal ebenso schwierig, Kurs und Fahrt zu halten. Besonders hinter dem Glärnisch rüttelt es kaum vorstellbar. Ich versuche trotzdem stur, das Muotathal zu erreichen. Falls dort eine Welle stünde, wäre es vielleicht trotz der übergreifenden Staubewölkung noch möglich, aus grosser Höhe und gegen den Sturm Altdorf, meinen letzten Wendeort, zu erreichen. Zeit dafür wäre vorhanden. Aber ob der Sturm mein Vorhaben nicht vereitelt? Nachdem ich über Muotathal wieder in Minuten mehr als 1’000 Meter durchgelassen habe, reicht es mir. Ich wende – halt ohne Wende – und flüchte so rasch wie es mein grüner Fahrtmesserbogen in diesen Turbulenzen erlaubt, wieder nach Osten. Mir wird klar, warum die anderen Schänner Segelflieger nicht mehr in der Luft sind und längst den sicheren Boden des Flugplatzrestaurants dem wackligen Sitzplatz hier oben vorgezogen haben.

Abgleiten unmöglich, ohne auf 4’000 Meter zu steigen.

Auf derselben Strecke wie am frühen Morgen hänge ich mich in grossem Abstand vor die Churfirsten. Inzwischen zeichnet die feuchtere Luft die Wellen prima aus. Es ist beinahe unmöglich, in diesem Wellensalat unten zu bleiben. Eigentlich möchte ich demnächst landen, nur noch nach Klosters hinauf, um meine Höhe abzugleiten. Nichtsda. Die Wellen über dem Alvierplateu schiessen mich wieder auf über 4’000 Meter hinauf. Jetzt wird’s aber wirklich frisch. Ich beginne zu klappern. Nicht mit den Zähnen, mit dem ganzen Körper. Kein Wunder, nach sieben Stunden Flugzeit in erheblichen Minustemperaturen. In den Oberschenkeln melden sich Krämpfe. Höchste Zeit für einen wohlverdienten Glühwein!

Über dem Rheintal erwische ich, ohne zu wollen, die Welle nochmals in voller Stärke. Als ob sie sich für den unhöflichen Umgang am frühen Morgen bei mir revanchieren möchte. Man merke: die Schesaplana ist nur von Süden her zu umfliegen! Ich steige und steige, obwohl ich in der ruhigen Luft mit 200 km/h durch die Gegend flitze. In den Tälern brennen bereits die Lichter der Autos und Tankstellen. Es sind die kürzesten Tage, die ich hier völlig ungewohnt im Segelflugzeug statt wie sonst üblich auf einer Skitour geniessen kann. Und erst noch mit einer für mich gewaltigen Strecke. Am Ende wird sich zeigen, dass es beinahe 800 km gewesen sind. Der Hammer! Im Monbiel wende ich mitten über der zuziehenden Wolkendecke und richte die Nase der ASG-29 für heute das letzte Mal nach Westen – in Richtung Schänis.

Im letzten Licht.

Im letzten vernünftigen Tageslicht erreiche ich die Linthebene. Hier ist bereits oder noch immer die Kaltluft die beherrschende Luftmasse. Während auf 1’000 Meter der Südwind fegt, zeigt am Boden der Windsack nach Süden. Komplizierte Geschichte, in der Grenzschicht das Flugzeug vernünftig in der Luft zu halten. Nach längerem Abwägen entscheide ich mich für die Landerichtung 34 und setze die ASG-29 sanft kurz vor fünf Uhr auf den Asphalt von Schänis.

Armin Hürlimann und Adrian Lutz haben auf mich gewartet und helfen mir im letzten Tageslicht, meine neue aviatische Liebe, die ASG-29, zu demontieren und im Hänger zu verstauen. Nachher flüchte ich mich zusammen mit meinen Helfern rasch ins gemütliche Flugplatzbeitzli, möglichst nahe an die Heizung, um meine gefrorenen Glieder wieder abzutauen.

Mein Kopf ist voller Eindrücke. Es war einer meiner lehrreichsten Flüge. Mit einem brutalen Fehler zu Beginn, den ich allerdings gut korrigieren konnte. Danach ist alles so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Und ich bin schon gespannt, wie es mir bei der nächsten Gelegenheit ergehen wird. Föhn ist erfahrungsgemäss sehr vielseitig. Keiner der Flüge scheint wie der andere zu sein. Was wohl nächstes Mal für Überraschungen auf mich warten?

Wichtige organisatorische Lehren aus diesem Flugtag

Waren es beim letzten Flug in der morgendlichen, vermeintlichen Hektik die automatischen Wölbklappen, die falsch angeschlossen waren, ist es diesmal das Abklebeband beim Flügel-Rumpf-Übergang gewesen. Ich habe es schlicht vergessen, diese Klebeband-Serie anzubringen, nachdem ich mitten in den Vorbereitungen den Flieger an den Start schieben musste, um rechtzeitig wegzukommen. Das hat vermutlich etwa 10% der Flugleistung der ASG-29 vernichtet. Was für eine Verschwendung. Ich habe mich vor dem Start wieder drängeln lassen, habe bei der Montage eines Doppelsitzers geholfen, statt zwei Minuten in aller Ruhe meine noch unerledigten Tätigkeit abzuarbeiten und halt mal jemanden warten zu lassen. Was ist es das nächste Mal? Diese Rücksichtnahme könnte tödlich sein.

Um auf Rekordflüge konsequent und richtig vorbereitet zu sein, muss ich am Morgen nur noch ins Flugzeug sitzen können. Details der Vorbereitung, die erledigt werden können, müssen perfekt erledigt sein, bevor der Flugtag beginnt. Das heisst: Flugzeug am Vorabend montieren. Alles im Cockpit verstauen. Fuss-Sohlen-Heizung montieren. Die warmen Flieger-Kleider bereitlegen. Alles abkleben. Alle elektronischen Hilfsgeräte programmiert und montiert. Am Flugtag müssen nur noch die Batterien angeschlossen werden, der Pilot soll sich warm anziehen und starten.

Fliegerische Lehren:

Beim fliegerischen Teil ist mir an diesem Tag zu Beginn ein grober Fehler passiert. Ich bin wegen tiefliegender Staubewölkung an der Schesaplana im Norden dieses typischen Wellenberges durchgeflogen. In der einfältigen Hoffnung, auf meiner eben gewonnenen, komfortablen Höhe direkt in die Montafon-Leewelle queren zu können. Was nicht gelungen ist. Das habe ich mit einem freien Fall von 2’000 Metern in nur fünf Minuten teuer bezahlt. Damit habe ich mich in Gefahr begeben. Nur dank einer raschentschlossenen Flucht durch die Täler des Vorarlbergs an die Nordkrete bei Bludenz habe ich mich aus dem Tumbler retten können. Also: nie mehr unter 5’000 Metern im Norden der Schesaplana durchfliegen. Immer bis St. Antönien, dann direkt nach Schruns und dort in die Montafon-Welle einsteigen. Dafür im Rheintal nicht mehr so hoch steigen, weil es eh nichts nützt, bzw. dann halt weit bis in die Bündner Herrschaft vorfliegen.

Im Cockpit hat es zuwenig Platz für eine 1.5-kg-Petflaschen-Bombe, die im Extremfall unkontrolliert durch’s Cockpit fliegt. Ich werde künftig mit einem weichen Trinksack und mit einem Trinkschlauch fliegen. Die Lesebrille müsste eigentlich an der Nase angeklebt werden. Man hat weder Zeit noch eine Hand frei, um die Lesehilfe auf die Nase zu bekommen, die Turbulenzen sind zu stark. Auch die Bedienung eines PDA im Föhn ist ausgeschlossen. Es gelingt nicht, einen Stift zielgenau auf die gewünschte Steuer-Schaltflächen zu plazieren, das Flugzeug bewegt sich zu stark. Das bedeutet auch, dass zur mentalen Vorbereitung des Fluges das Auswendig-Lernen der Landefelder auf der Strecke dazugehört. Denn Blättern in einem herumfliegenden Buch oder den PDA benützen ist ausgeschlossen. Dazu reicht weder die Zeit noch hat man wegen der Turbulenzen die Möglichkeit, danach zu suchen. Das heisst auch, alle heutigen Suchsysteme in den Landebüchern sind zu unsicher und eigentlich unbrauchbar, weil man in der grössten Not keinen raschen Zugriff auf die überlebensnotwenigen Informationen hat.

Die Fliegerei im Lee eines hohen Berges sollte man vermeiden. Die wildesten Rotoren in 30 Jahren Segelfliegen sind hinter der Eigernordwand, dem Titlis, dem Glärnisch-Massiv, der Schesaplana oder im Arlbergtal versteckt gewesen. Die angenehmsten Hang- und Wellenverhältnissen dafür in vergleichsweise offener Topographie wie z.B. am Rofan, am Wilden Kaiser, am Hochkönig usw. Diese Regionen haben eines gemeinsam: freie Bahn für den Südwind bis zur ersten hohen Krete. Meistens ist ein Nord-Südtal Ursache der freien Bahn (Düseneffekt), häufig niedrige Voralpen-Hügel wie z.B. zwischen Pinzgau und Inntal, wo keine Krete für Verwirblungen sorgt. Eine Lehre ist auch, die nächsten Unternehmungen weiter nach Osten zu planen, soweit die Zeitplanung das erlaubt. Der Spass beginnt am wilden Kaiser eigentlich erst, er hört nicht dort auf, wie ich oft geglaubt habe – nur weil es soweit weg von zuhause ist, bzw. die potenzielle Rückreise auf der Strasse sehr lange wäre.

Link auf die Foto-Galerie von Roland Henz aus Unterwössen, der an diesem Tag auf gleichen Streckenabschnitten unterwegs war.


Kommentar / Analyse eines Piloten aus Unterwössen
(Jan Lyczywek), der am gleichen Tag unterwegs war.

Föhn am 29.11.2009 – Schlüsselstelle Hohe Munde

Der Vergleich der Flüge von Roland (DG 600), Rainer und Jan (DG 1000), Stefan und Stefan (Duo Discus) und Ernst Willi (ASG 29) ist an dieser Stelle besonders interessant. Alle vier Piloten hatten an dieser Stelle dasselbe Problem; es führte aber zu vier völlig unterschiedlichen Ergebnissen.

Roland, Rainer & Jan und Stefan & Stefan flogen an der Reither Spitze in fast genau gleicher Höhe von jeweils 2500 Meter ab, Ernst Willi 100 Meter tiefer. Entsprechend ähnlich sind die Ankunftshöhen:

 
Abflughöhe Reither Spitze
Ankunftszeit Hohe Munde
Ankunftshöhe Hohe Munde
Höhenverlust für die Querung
Roland
2’500
09:54:40
2’222
278
Rainer & Jan
2’500
10:26:06
2’152
348
Stefan & Stefan
2’500
11:11:45
2’115
385
Ernst
2’400
13:12:06
2’067
333

Alle vier fliegen zunächst in den Südwesthang der Hohen Munde ein. Nach einer Minute ist allen vieren klar, daß dieser Teil des Hangs nicht viel gebracht hat:

 
Ankunftshöhe Hohe Munde
Höhe nach 1 Minute
Höhenverlust erste Minute
Roland
2’222
2’116
106
Rainer & Jan
2’152
2’103
49
Stefan & Stefan
2’115
2’070
45
Ernst
2’067
2’029
38

Dass der Hang nicht wie erwartet ging, führt zu vier unterschiedlichen Entscheidungen:

Roland (rot) fliegt konsequent weiter. Auch einen deutlichen Heber an der Stelle, an der Rainer und Jan später hochachtern, durchfliegt er geradeaus, wohl in der Annahme, daß dies schon der Einstieg in ein kontinuierliches Hangwindband vor den Miemingern ist. Er muß jedoch nach einigem Höhenverlust weiter westlich vor den Miemingern in durchschnittlich 0,55 m/s mühsam hochachten.

Rainer und Jan (grün) sind bei ihrem Anflug eine halbe Stunde später durch eine Funkmeldung von Roland gewarnt und nutzen jenen ersten Heber über dem Sattel zwischen Munde und Miemingern zum Hangachten. Ein Höhengewinn von 280 Meter in sieben Minuten, entsprechend 0,65 m/s im Mittel, erlaubt den Weiterflug nach Westen an die Mieminger, die nahe der Kämme mit jedem Höhenmeter besser gehen.

Stefan und Stefan (türkis) drehen relativ früh ab, um ebenfalls nach Westen an die nächste Nase der Mieminger zu wechseln. Die Entscheidung ist absolut plausibel, da sie zusätzliche Umwege erspart, erweist sich aber als doppeltes Pech: geradeaus noch ein kurzes Stück weiterzufliegen, hätte evtl. die Chance geboten, ebenfalls in den Hangwind über dem Sattel einzusteigen. Der Wechsel an die nächste Ecke der Mieminger kostet ein wenig zuviel Höhe; unter 2000 m gelingt der Einstieg in den Hangwind nicht mehr und dann sinkt der Duo in den Kaltluftsee, der im Tal für Windstille sorgt. Auf diesem Bild ist der Kaltluftsee anhand des ganz leichten Dunstes im Tal sichtbar – wenn man vorher weiß, daß es ihn gibt.

Die beste Lösung für das Hohe-Munde-Problem findet Ernst Willi (lila): nachdem die Südwestflanke nicht geht, dreht er um und fliegt zurück auf die nach Südosten gerichtete Nase der Hohen Munde. Hier steht der Wind offenbar viel besser an; Ernst gewinnt über 500 Meter in fünfeinhalb Minuten, entsprechend 1,55 m/s im Mittel.

Das Bild zeigt den zügigen Höhengewinn von Ernst Willi (lila) auf der Südostnase der Hohen Munde und die vergleichsweise mühsamen Hangachten von Rainer & Jan (grün) im Sattel westlich der Munde.

Sturmflug

Föhnflug am 2. April 2009

Was mir vor einem Streckenflug-Vorhaben kurz vor dem Verlassen der sicheren Umgebung zuhause so alles durch den Kopf geht! Bevor ich in den Wagen steige, werfe ich noch einen kurzen Blick ins Kinderzimmer. Deborah, mit zehn Jahren unsere Kleinste, schläft noch selig den Schlaf der Unschuldigen. Ihr friedliches Gesicht mahnt zur Vorsicht: ‚Ich brauche Dich noch und erwarte, dass Du am Abend wieder gesund und munter hier stehst’…scheint sie mir wortlos mit auf den Weg zu geben.

Link zur Dia-Show ‚Sturmflug‘. Fotos: Marc Angst.

Lauter Bettflüchtige.

Auf dem Flugplatz treffe ich um sieben Uhr morgens eine fleissige Gruppe von Segelflug-Enthusiasten, als ob der Segelflug nächstens verboten würde. René Lüscher, unser Obmann mit seinem Gspänli Roland Hürlimann, den Sportchef der SG Lägern, gehen vorbildlich voran. Markus von der Crone, der Finanzchef des Schweizer Wetters, ist auch schon an der Arbeit an einer der beiden neuen ASG-29 unserer Segelfluggruppe; Armin Hürlimann als Schänner Föhn-Urgestein räumt mit seinem CoPi Urs Oettli den Hangar und ‚seinen’ Janus aus. Beat Gassmann ist so früh aufgestanden wie sein Flugzeugpartner Renato Späni, der sich heute mit einem ebenso jugendlichen Copi im neuen Duo X auf den Weg macht. Fehlt nur noch Jürg Haas in der Aufzählung. Er macht seine ASW 27 starklar.

Sportlicher Vorsprung

Beim Start lassen wir Schänner am Sonntag jeweils aus Rücksicht auf die katholische Mehrheit in der Linthebene sowie aus sportlichem Respekt gegenüber unseren Kollegen aus Hausen am Albis einen gebührenden Vorsprung und starten erst nach neun Uhr mit zwei bis drei Stunden Rückstand (kommt von Rücksicht). Das bedeutet, dass wir erst mal alle zusammen gemütlich in der Flugplatz-Beiz frühstücken. Um neun Uhr spickt mich dann der unverwüstliche Paul Kläger mit ebensolchem Turbo-Bravo in Kürze auf 2’300 Meter hinauf. Schon in der ersten Kurve tropft es mir auf die Haube, die Optik nach Westen ist trübe. Verschiedene Schauer gehen in der Linthebene nieder. In der Flugplatz-Gastwirtschaft werden sie die Tischtücher heute wieder früh einräumen müssen. Man muss das, was wir hier machen, wirklich wollen, denke ich mir diesen Morgen zum wiederholten Male.

Ich schleppe etwas unsportlich hoch hinauf und gleite dann mit meinem Höhenpolster direkt an die Churfirsten. Die nächste Kurve mache ich eigentlich erst in Klosters. Bis dahin tragen nämlich alle Kreten wunderbar, es braucht keine echten Kreise, gelegentliches Hochziehen der Flugzeug-Nase bis kurz vor’s Abreissen reicht vorderhand. Im Raum Vorarlberg ist die Wetteroptik ungemütlich düster. Da wollte ich aber eigentlich hin. Kaum erkennbare Rotorfetzen und Thermik ist bei dieser Wolkendichte nicht vorstellbar. Dass es trotzdem an den Hängen getragen hätte, zeigt die OLC-Flugauswertung am andern Abend. Aus Österreich flitzen unsere Kollegen um diese Zeit schon um alle Grate durch Westösterreich.

Keine Experimente.

Ich entscheide mich das erste Mal heute gegen Experimente, wende in Monbiel und mache mich auf den heller scheinenden Weg nach Westen, obwohl ich Jojo-Flüge mit zu vielen Wendepunkten nicht mag. Der feuchte Südwind zeigt die Wellen-Einstiege deutlicher als üblich. So fällt es leicht, im Prättigau vom Hang in die Welle zu steigen und sie dann bis Grindelwald nicht mehr zu verlassen. Unterbrochen wird dieser Geradeausflug nur von einer ATC-Clearance für die Luftstrasse A9 am Klausen und von ziemlich ungemütlichen Turbulenzen. Zeitweise habe ich in den Glarner und Urner Alpen auf 4’000 Metern den Eindruck, mein Flieger werde zusammengefaltet. Bei einem der Hausener Kollegen muss der Notsender wegen der Schüttlerei in der Luft losgegangen sein. Jedenfalls steht das so am Montag in der Zeitung mit den grossen Buchstaben und vielen Bildern. Mittels Suchhelikopter kann der Notsender aber problemlos auf dem Flugplatz Hausen geortet werden…

Brettljause.

An der Kingspitze drehe ich die Nase unserer schon etwas betagten, aber noch immer agilen ASW-20-B nach Osten und lasse mich im Geradeausflug wieder zurück durch die Rotoren schütteln. Nördlich des Titlis bläst mich ein Rotor dermassen nach oben, dass der Föhn im Flugzeug buchstäblich laut vernehmlich durch die Ritzen pfeift und mir im Steigflug die Ruderwirkung verloren geht, obwohl ich mit mehr als 120 km/h fliege. Hier fliegt es ja gar nicht mehr richtig! Ab dem Pizol beruhigt sich dann die Lage deutlich. Zeit, in der gemütlichen Schesaplana-Welle über dem Brandnertal in Ruhe eine Vorarlberger Brettljause einzunehmen. Bis ich das brasilianisches Gedärm von meiner Schweizer Nationalwurst geschält habe und gleichzeitig den Sauerstoffschlauch um Nase und Ohren gewickelt habe, falle ich allerdings fast aus der Welle.

Kann man unter 1’500 Metern fliegen?

Die hier gewonnene Höhe reicht, um in mehreren hintereinander liegenden Wellensystemen über den Arlberg, Landeck bis an die ‚Hohe Munde’ zu gleiten. Ab hier verlasse ich nur ungern das wegen seiner gemütlichen Fliegerei und der gigantischen Optik fast süchtig machende Wellenfliegen über 4’000 Metern und sinke eine Etage tiefer, um kreislos, dafür wieder erheblich holpriger den Hängen des Karwendels entlang bis über den Rofan hinaus zu rauschen. Herrlich, wie man dabei mit Rückenwind vorwärtskommt. Bei Kramsach (zwischen Achensee und Kufstein) entscheide ich mich erneut gegen Experimente und fliege nicht weiter an den Wilden Kaiser. Hier ist das Inntal wegen seiner Ausrichtung parallel angeströmt, der Südwind kanalisiert und entwickelt kaum gescheite Hangaufwinde. Das führt fast unvermeidlich zu einem Tiefpunkt im Raum Elmau / St. Johann. Erneut hält mich dieser Gedanke und die trübe Optik von einem Weiterflug ab. Ein andermal, wenn ich am kommenden Tag keine Termine im Geschäft habe, werde ich weiterfliegen. Unsere österreichischen Gspänli beweisen nämlich einwandfrei, dass man auch unter 1’500 Meter segelfliegen könnte, obwohl wir in Schänis öfters den Eindruck haben, das sei unmöglich oder bestimmt unseriös.

Bloss nicht kreisen.

Zurück geht’s im Eiltempo gegen den Wind den Kreten entlang. Die Hänge sind gut vom Südwestwind angestrahlt, bis nach Imst ist Kreisen wenig sinnvoll, sofern man sich im oberen Drittel der Kreten aufhält. Gewonnene Höhe liesse sich mit Kreisen oder andauerndem Aufziehen ineffizienter in Distanz umsetzen als wenn man direkt in der Südströmung über der Hänge braust. Dazu ist oben der Gegenwind stärker und bremst unnötig.

Nachdenken im Hangflug – doch noch kreisen.

Der Einstieg in das parallel vom Südwest angeströmte Tal zwischen Imst und dem Parseier gelingt mir leider wieder einmal nicht ganz ohne Zittern. Ich habe im Raum Imst zuwenig Geduld mit der etwas unübersichtlichen Rotoren-Auslegeordnung und gerate deutlich unter die Kreten. Eine davon rettet mich dann doch auf 1’900 Metern unten mit einem sanften, ruhigen Heber und lässt mir bei 0.5 Meter Steigen etwas Zeit zum nachdenken. Nach ein paar Achten am Hang geht mir aber erneut die Geduld aus. Ein paar Hundert Meter weiter nimmt das Steigen am Hang deutlich zu und trägt mich mit einem ruhigen, starken Aufwind rasch nach oben. Diesmal habe ich Geduld und steige am Ende vom Hang direkt in eine dünne Welle. Die verlasse ich erst auf 4’500 Metern nach Westen, allerdings inzwischen über den Wolken und nur noch mit etwa zwei Achteln Bodensicht. Auch nicht gerade gemütlich, zwischen all den Wolkenbändern.

Monsterwelle nördlich der Schesaplana

Die Höhe reicht aber problemlos, um im Arlbergtal zwischen den Wolken ein Aufwindband zu finden und komfortabel ins Vorarlberg zu entwischen. Dort steht über der Schesaplana ein Ungetüm von einer Wolke, wie ich es erst einmal an der Lure gesehen habe. Drüber geht ganz sicher nicht. Drunter ist wohl der Wasserfall. Als umfliege ich das Monster im Norden. Diesmal habe ich Glück und erwische das nächste Wellensystem, das an feinen Rotorfetzen als Linie vom Itonskopf über den Gonzen bis nach Schwyz hinüber erkennbar ist. Der Einstieg ist bei der Zimbaspitze. Zeit für die zweite Brettljause. Bis alles weggeputzt ist, bin ich im gemütlichen Geradeausflug bis zum Walensee vorgestossen. Ab hier geht die Schüttlerei in den Rotoren wieder los. Sie hält mich davon ab, weiter als nach Schwyz in den Westen zu fliegen.

Rotoren. Rotoren. Rotoren.

Die Bewölkung nimmt hier bis auf völlige Abdeckung zu, die Rotoren geben alles, um mich wie einen Papierflieger auf und ab zu werfen. Um die noch immer respektable Höhe loszuwerden, gleite ich zurück bis nach Landquart und lande nach knapp acht Stunden Flugzeit um 17.00 Uhr in Schänis.

Die in diesem Jojo-Flug zurückgelegte Distanz beträgt 845 km, die Durchschnitt-Geschwindigkeit liegt dank der langen Geradeausflüge im Hangwind und in den Wellen bei 112 km/h. Nächstes Mal müsste eine vierstellige Zahl Kilometer auf dem Tachometer stehen, wenn die Verhältnisse wieder ähnlich sind. Nimmt man die zwei katholischen Stunden am Morgen und jene drei am Abend dazu, welche ich diesmal nicht verwendet habe, sind mehr als 1’000 km sicher auch für mich möglich. Sofern ich irgendwann dran glauben lerne, dass man auch unter 1’500 Meter fliegen kann…

‚Je décolle avec un planeur sur la vingt-huite…’

August 2006. Südfrankreich zeichnet sich nicht nur durch exzellente Küche, das Filmfestival einer Küstenstadt oder als matchentscheidendes Tour-de-France-Etappenziel auf einem gleichermassen windigen wie kahlen Berggipfel aus. Es ist auch die Gegend, wo sich Picasso von seinen Musen küssen liess und des Winters die Trüffelschweine durch die sanften, endlosen Hügel des Lubéron ziehen.

Link zur Dia-Show Vinon 2006.

Der Blick aus 4’000 M.ü.M. aus dem Cockpit des Duo-Discus bei der Barrage Rochemolles ins Vallée Modane und zum Mont Blanc.

Von Februar bis Oktober täglich fliegen…

Südfrankreich geniesst auch bei den vom Wetter wenig verwöhnten Segelfliegern nördlich des Alpenbogens einen besonderen Ruf. Das Land südlich des Col de la Croix Haute unterscheidet sich wesentlich von unserer Gegend: man kann mit etwas Geschick von Februar bis Oktober immer segelfliegen. Drei weitere Merkmale machen diese Region zu einer segelfliegerisch besonders gesegneten Ecke der Nordhemisphäre. Das Mikroklima im allgemeinen, der Mistral und die segelfliegerische Erschliessung der Region im besondern. Im erwähnten Zeitraum reicht die Sonneneinstrahlung aus, um hervorragende und über weite Teile des Gebietes homogen verteilte Aufwinde zu produzieren. Für besondere Bedingungen ist der kalte, starke und durch Mark und Bein dringende Nordwind namens Mistral zuständig. Wellenflüge in grossen Höhen und über weite Distanzen sind ihm und jenen nervenstarken PilotInnen zu verdanken, welche sich in den bissigen Windstrom stürzen.

Besterschlossenes Segelfluggebiet der Welt…

Einmal in der Luft, profitiert man von einer einmaligen Segelflug-Infrastruktur. Die Landemöglichkeiten sind in Südfrankreich auf über ein Dutzend Segelflug-Zentren verteilt. Meistens sind Schleppflug-Kapazitäten vorhanden. Es reicht, seine Mitglieder-Nummer im Aero-Club de France zu wissen, die Verrechnung der benötigten Schleppminuten erfolgt selbst nach einer Aussenlandung zentral über die Abrechnung des Startplatzes. Die verschiedenen Zentren sind administrativ verbunden.

Caravans habitables…

Anfangs August 2006 wagt sich eine ganze Expedition aus Schänis nach Südfrankreich. Ausgestattet mit den aktuellen Luftraum-Anpassungen, Frequenzen, Lande- und Aussenlandeplatz-Informationen, richten wir uns auf dem trockenen Flugplatz Vinon, seinen ‚caravans habitables’ oder im benachbarten, noch ‚habitableren’ Hotel Olivier häuslich ein. Einige von uns sind mit den Spezialitäten Vinons von früheren Aufenthalten her vertraut, andere sind neu hier. Jene werden auf dem von der SG Lägern netterweise zur Verfügung gestellten Duo Discus von mir während der ganzen Woche durch die Gegend gescheucht, während die andern selbständig mit eigenen Flugzeugen oder mit einem ebenfalls aus Schänis mitgebrachten Gruppen-Ventus oder Discus in eigener Regie die Gegend erkunden.

Fester Tagesablauf

Üblicherweise beginnt der Tag in Vinon mit einer Visite der schönen Bäckerin in der Häuserzeile beim malerischen Platanenplatz mitten im Dorf. Jeweils einer von uns opfert sich, um dort die frischen ‚Baguettes traditionelles’ einzukaufen, welche für das gemeinsame Frühstück vor dem Château roulant von Fridli und Ernst nötig sind. Inzwischen ist dort bereits der Kaffee gebrüht, entsprechender Duft zieht um das Wohnwagen-Museum, es werden grössere Mengen Eier mit Speck zubereitet sowie heimische Käsesorten und verschiedene Confitures aufgetischt. Logisch, dass bei diesem morgendlichen Ritual die fliegerischen Möglichkeiten des Tages erstmals seziert werden.

Multikultitreffen in der Blechbude: ‚Briefing au hangar début’…

Wir teilen uns danach die Arbeit, einige waschen ab, die andern montieren gemeinsam im Nu alles, was fliegt. Teamwork ist wichtig. Danach bildet das Briefing den nächsten Fixpunkt im Tagesablauf. Alles, was in der Gegend (noch) aufrecht gehen und fliegen kann, trifft sich hier. Régis oder Mickey informieren über das theoretisch stattfindende Wetter, darüber, was gestern gut oder schlecht gemacht wurde und weisen auf die Besonderheiten des heutigen Tages hin. Besonders letzteres kann sich bei speziellen Bedingungen bei Gewittern oder Mistral nützlich erweisen. Alles ist hier etwas extremer als zuhause. Die Temperaturen, die Windstärken oder die Grösse des Flugplatzes. Das Briefing ist entsprechend gut besucht. Hans Reis übersetzt am Ende alles in eine uns verständliche Sprache. Die Erfahreneren geben Tipps, wohin man heute fliegen soll. Sitzplätze verteilen ist kein Problem. Jeder von uns ist im Laufe des Aufenthaltes über 30 Stunden in der Luft. Das Wetter ist nett zu uns. Während der Rest Europas im Regen versinkt, können wir praktisch täglich fliegen – sofern man das will.

Thermikbäume und Plastikschlangen.

Die Zeit vor dem Start wird in Vinon verschiedenartig genutzt. Wir beobachten ist eine gewisse Hektik, welche mit dem fliegerischen Ausnahmezustand hier einhergeht. Lange (Boden-) Distanzen, Hitze, Trockenheit und Wind sind nicht jedermanns Sache, die Hirntätigkeit wird bei über 30° sowieso spürbar beeinträchtigt. Organisation ist die halbe Miete. Wir überlegen uns auf dem weitläufigen Fluggelände jeden Schritt und geniessen dank vermiedener ‚Leerfahrten’ entspannt unter dem ‚arbre thérmique’ die letzten Minuten vor dem Start, während alle um uns herumschwirren.

Der ‚arbre thermique’ ist ein praktisches Gewächs. Entdeckt wurde er von Schänner Segelfliegern. Er ist etwa vier Meter hoch, eigentlich die einzige grüne Pflanze weitherum. Sie funktioniert ganz einfach. Man sitzt entspannt darunter und unterhält sich mit seinen Copains über Aktienkurse, Segelschiffe, Hauskäufe oder andere dramatische Lebensabschnitte. Dabei wartet man, bis der Baum seine Blätter bewegt. Macht er das wegen erster Ablösungen länger als eine Minute, wird es spannend. Ist dann der Abstand zwischen zwei ‚Raschlern’ kürzer als zwei Minuten, sollte man starten. Dann sind die Aufwinde in Vinon, einem ansonsten‚thermisch toten Gebiet’, wie es einzelne Schweizer Meister im Segelflug in einer depressiven Phase schon bezeichneten, über zwei Meter pro Sekunde stark. Das reicht natürlich den meisten, um oben zu bleiben. Ausser man mag es sportlich und klinkt 50 m über der Hangkante, um ein paar Minuten später nach dem ersten verpassten Aufwind die grosszügigen Aussenlandefelder zwischen Vinon und Greoux auszuprobieren. Dass man dort sogar an einem ausgezeichneten Segelflugtag unter 3/8 Cumulus mit Basis von 2’500 Meter landen kann, wird der Martin Haller unter Zeugen bestätigen. Offizielle Strafe für derartiges Verhalten ist das öffentliche Leertrinken einer auf 40° angewärmten Dose Guinness-Beer. Brr.

Minirock und Minibandes…

Die lange Plastikschlange, welche sich am Start vor den beiden ‚minibandes’ (Startstreifen) bildet, ist kein Grund zur Sorge. Fünf Schleppflugzeuge plazieren rund 100 Flugzeuge in kürzester Zeit über den nahen ‚Forêt de Vinon’ im Grund genommen eine Ansammlung mannshoher, lockerer Gebüsche (arbres thermiques?), welche sich etwa 100 Meter über den Talgrund erheben. Der Aufenthalt im segelfliegerischen Wartesaal wird durch die äussere Erscheinung der Schlepp-PilotInnen Vinons zusätzlich erleichtert. Manche von uns bleiben auffallend oft freiwillig am Boden. Dieses Infrastruktur-‚Enhancement’ sollte SchänisSoaring bei der nächsten Evaluation neuer Saison-SchleppilotInnen berücksichtigen. Was nicht heisst, dass unsere gestandenen Schleppiloten unattraktiv wären… Aber ein knapper Minirock und das unvergleichlich zart gehauchte ‚Je décolle avec un planeur sur la vingt-huite…’ verfeinern natürlich Optik und Akustik eines Segelflugtages ganz gehörig – um nicht von einer ‚Vernebelung der Sinne’ zu reden.

Segelflug-Vollpackung…

Nach erfolgreichem Start fädeln wir je nach Wetterlage über dem Plateau Valensole, dem Durancetal oder südlich des Lubéron (Mistral) ein. Anfangs ist häufig akkurates segelfliegerisches Handwerk und etwas Geduld gefragt, um eine gehörige Arbeitshöhe aufzubauen und sicher in die Voralpen einfädeln zu können. Täglich erkunden wir eine neue Ecke des Gebietes, Flüge ins Modane-Tal, zum Col de la Croix Haute, an den Monte Viso und in die Ecrins gehören zum täglichen Programm. Alle Vinon-‚Neulinge’ geniessen bei Ernst Willi eine komplette Gebietseinweisung. Mal geht es rechts rum durch die gesamte Geografie, anderntags links rum – Hauptsache, jeder ist überall einmal gewesen. An zwei Tagen stehen Mistral-Einweisungen auf dem Programm. Ich mache dabei auch mal zwei Starts pro Tag, um den Interessierten die Einstiegsmöglichkeiten in die Wellensysteme zwischen Lure und Pic de Bure zu zeigen.

Meteo-Ausnahmezustand…

Das gesamte segelfliegerische Programm kommt während unserer Ferien vor. Bei einem Flug in den Raum Gap werden 1’500 Meter nie überstiegen, ein andermal flieht die ganze Schänner Expedition vor einer nahenden Gewitterfront. Vier Piloten entscheiden sich dafür, in der Luft zu bleiben und müssen nach mehrstündigen Warteschlaufen am Ende sicherheitshalber in St. Auban zu Boden, während die andere Hälfte noch vor dem Gewitter in Vinon landet. Dabei ist zu erwähnen, dass nur dank raschem Eingreifen und viel Teamwork Schäden vermieden werden. Während Ernst seinen ‚5’ dank Fridlis Hilfe noch trocken in den Hänger bringt, hat ein Pilot aus Buttwil kein Glück (vor allem keine Helfer). Die heftige Böenwalze des Gewitters wirft seine für wenige Minuten allein gelassene Pégase auf den Rücken und zerbricht sie. Von der Schänner Expedition sind abends allerdings alle trocken und ohne ein ‚Chribeli im Chassis’ wieder glücklich in Vinon au lac vereint.

Soupe du poisson…

Zu den täglichen Höhepunkten gehört der abendliche Erfahrungsaustausch in der lokalen Gastronomie. Schon die Fahrt zum Restaurant ist ein Erlebnis. Frankreichs AutomobilistInnen scheinen mehrheitlich suizidgefährdet zu sein – kein normaler Mensch würde sich so schnell in so alten Klapperkisten über die ruppigen provençalischen Strassen bewegen. Darüber hinaus sind die Sonnenuntergänge beinahe so farbenprächtig wie im Süden Afrikas. Die kulinarischen Erlebnisse (Fischsuppe) werden nur noch durch die ‚Aussenwerbung’ eines ‚Escort-Services’ an strategisch wichtigen Stellen (T-Shirts der Bedienung) übertroffen. Das reicht zusammen mit der französisch gehaltenen Speisekarte, den erwähnten SchleppilotInnen und den Segelflug-Erlebnissen aus, um unsere Sinne vollends zu vernebeln. Dem lokalen Weinangebot mag dies im Gegensatz dazu trotz unserer mitgebrachten Weinfachleute nicht immer gelingen. Die ausländischen Winzer aus Italien oder Übersee haben während der letzten Jahre einheimische Produkte hinter sich gelassen.

Unserer guten Stimmung tut dies keinen Abbruch. Nach zehn erlebnisreichen und unvergesslichen Tagen in einem der nächstgelegenen Segelflug-Paradiese machen wir uns mit einem breiten Grinsen im Gesicht zufrieden auf den hindernis- und baustellenreichen Heimweg in die Schweiz. Es geht das Gerücht, dass mancher Teilnehmer während der segelflug-abstinenten Wintertage mitten in der Nacht an seinem Computer überrascht wurde. Es heisst, jene blaue CD mit über 500 Photos und einer eigens angefertigten Slideshow tröste während Monaten über die Sorgen des Alltages hinweg. Gewarnt wird vor unerwünschten Nebenwirkungen. Sie mache süchtig…

Einstieg zum ‚Parcours des combattants‘: die Felsrippen des Montagne de coupe.

Teilnehmer

Heinz Brem, Martin Haller, Albert Götz, Walter Götz, Fridli Jacober,  Martin Karrer, Hans Reis, Peter Schmid, Beat Straub, Max Weber, Karl Wickli, Ernst Willi.

Benutzte Aufwinde (Zahl in Klammer = Meter pro Sekunde):

Osten der Region: Greoux, Abfalldeponie, (1.5). Valensole, Südkante alter Flugplatz (1.8). Stausee südlich Puimoisson (2.0). Puimoisson, westliches Flugplatzende (1.2). Plateau vor der Serre de Montdenier, Stonehenge-Steinkreise (2.8). Coupe (2.0). Parcours (2.0). Mont Guillaume (3.0). Tête de Lucy (3.0). Tête d’Amont (3.5). Crête des agenaux (3.5). Crête de peyrolles (2.0). Barrage Rochemolles (1.5). Col d’Etache (1.5). Pic de Rochebrune (3.0), Prachaval (0.0 !). Grand Bérard (3.5). Chapeau Gendarme (3.5).

Westen der Region: Lubéron, Lac des roteurs (4.5). Mourre nègre (3.5). Forcalquier, Sternwarte (2.5). Lure, Steinbruch südlich Lure-Gipfel (2.0). Vallée du Jabron (4.5), Col de Tourettes, Nähe Rosans, (2.5). Montagne de St.Genis, Montrond (2.5). Céuse (2.5). Tête de Jarret, zwischen Veynes und Pic de Bure (2.5). Pic de Bure (3.0). Pic de Chabrières, Skigebiet westlich Guillaume (1.5). Val Gaudemars (1.5). Mont Colombis (2.0). Gache (1.5). Vaumuse (2.5). Crête de Liman (2.5). Blayeul (2.5). Cousson (1.8). Beynes (1.5).

Maximale Höhe: 4’500 Meter, Barrage Rochemolles.

Ungewöhnliche Fliegerferien im ‚Relais des Routiers des airs’, August 2003

Wegen einer fast zwei Monate andauernden Hitzeperiode mit täglichen Temperaturen von über 30° C wäre die lange Autofahrt nach Südfrankreich dieses Jahr eigentlich nicht wirklich nötig gewesen. Bereits während fast des gesamten Monats Juli gelingen ab Schänis täglich Flüge von mehr als 750 km. Der erste Wendepunkt wird dabei meistens ins Wallis oder das grenznahe französische Alpengebiet gelegt, während als zweiter Wendepunkt eine Ortschaft in Tirol/Österreich umrundet wird. Verlängerungen ergeben mehrmals Spitzenstrecken von über 900 km. Es ist ein ungewöhnlicher, heisser Sommer, der uns traumhafte Steigwerte von bis zu 6.5 m/Sek. sowie Basishöhen von nahezu 5’000 M.ü.M. über dem Hauptalpenkamm beschert und uns lange in Erinnerung bleiben wird. Es dürfte der beste Segelflugsommer der letzten 20 Jahre gewesen sein.

Unglaubliche Basishöhen in den Alpen im Sommer 2003:

Vorher und nachher habe ich das Matterhorn (bei Thermikflügen) nie mehr aus dieser Perspektive gesehen. Das unglaubliche Foto ist von Dr. Hans Reis und Martin Haller auf ihrem gemeinsamen Flug von Vinon nach Schänis (und zurück) gemacht worden.

Das Plateau Valensole glüht

Die Tatsache, dass in Vinon jeweils zuerst die Inversion durchgeheizt werden muss, ist dieses Jahr im Vergleich zum Startort Schänis ein ungewohnter Nachteil. Während in anderen Jahren die Nachrichten mit Meldungen von Überschwemmungen auf der Alpennordseite voll waren, sind wir meistens in Vinon trotzdem im guten Wetter südlich der Alpen täglich lange Strecken geflogen. Dieses Jahr treffen wir andere Bedingungen an. Vor 12.30 Uhr sind trotz enormer Hitze vernünftigerweise keine Starts oder vorsichtige Abflüge über das Plateau Valensole möglich, während die Kameraden in Schänis bereits ab 10.00 Uhr über den Glarner Alpen Steigwerte von mehr als 2 m/Sek. und Basishöhen von 3’500 M.ü.M. melden. Häufig hören wir die Kameraden aus Schänis bereits in den Barre des Ecrins auf der Alpenfrequenz am Funk, während wir noch bei 40° C im Cockpit schwitzenderweise die Serre de Montdenier hinaufkriechen. Hat man die Voralpen allerdings einmal erklommen, wird man östlich des oberen Durancetals häufig mit 5.0 m/Sek. bis auf über 4’000 M.ü.M. belohnt, was dann ein schnelles Vorankommen bis ins Oberwallis in kurzer Zeit ermöglicht.

Sturmlandung in den Hangar

Die ersten beiden Flugtage, der 6. und 7. August, sind geprägt von explosiver, feuchtheisser Luft über dem Südosten Frankreichs. Mein erster Aklimatisierungsflug führt mich in der ASW-20-B bis ans Nordende des Nationalparks des Vercors, wobei ich der schlechten Sicht wegen teilweise kaum mehr weiss, wo ich genau bin. Erstaunlich ist, dass ich mich trotz GPS und guten Gebietskenntnissen nicht mehr zurechtfinde. Die Gegend um ‚Die’ ist aus 3’000 M.ü.M. kaum mehr im Detail auseinanderzuhalten, speziell, wenn es rund ums Flugzeug blitzt und donnert und die Schauer verbreitet niedergehen. Beim Flug ostwärts in die Region des Col de la Croix Haute berühre ich mit dem Oberarm einmal kurz den Mikrophon-Schwanenhals und erhalte gleich durch’s Fliegerkombi einen schwachen Stromschlag, wonach ich mich schleunigst aus den Niederschlägen an die Sonne zurückschleiche, um weiteren Viehhüter-Stromstössen zu entgehen. Vermutlich würden die Flugzeug-Instrumente empfindlicher als mein Oberarm auf solche Misshandlungen reagieren.

Den zweiten Flug erlebe ich aus dem Rücksitz des Janus C HB-1899. Vorn kämpft Martin Haller während des Schlepps anfangs mit den Tücken der Wölbklappen, sobald wir uns auf negative Klappenstellungen geeinigt haben, ist der ungemütliche Tanz aber rasch unter Kontrolle. Während des ganzen Fluges folgen und nutzen wir konsequent die verbleibenden Sonnenlicht-Resten, welche die wie schon am Vortag feuchtlabilen Luftmassen übrig lassen. Die Strecke führt bis auf die Höhe von Grenoble. Auf den Weiterflug nordostwärts ins Massif de la Chartreuse verzichten wir der schlechteren Wetteroptik wegen und fliegen südlich der Chaîne de Belledonne in die Region südlich der Alpe d’Huez, wo wir ebenfalls wieder im Regen landen. Der Flugweg führt uns dann weiter zwischen den in die Höhe schiessenden Gewitterwolken südwärts zum Pic de Bure und über Gap und Chateau Arnoux zurück nach Vinon. Ein langer Gleitflug in ruhiger Luft scheint durch eine ebensolche Landung zu Ende zu gehen, als wir westlich von Vinon einen erneuten, aktiven Schauer bemerken, ohne dessen Zugrichtung feststellen zu können. In kurzer Zeit gewinnen wir über der Böenwalze vor dem Gewitter im Geradeausflug Richtung Vinon 500 Meter an Höhe. Jetzt sind klare Entscheide gefragt: Sollen wir unverzüglich landen, um vor dem Regen am Boden zu sein oder wäre es besser, in der Luft das Ende der Schauer abzuwarten? Eine Rückfrage per Funk ergibt rasch einen klaren Befund. Der Cheffluglehrer von Vinon, Tom, empfiehlt uns unmissverständlich, ‚immediatement’ zu landen und stellt uns dafür auch den neu geteerten Hartbelag der Piste 28 Süd in Aussicht. Kaum ist der letzte Funkspruch im Äther verklungen, stellen wir den Janus mit voller Bremsleistung auf den Kopf und setzen nach einer Starkwindlandung punktgenau am Pistenanfang auf. Vinon zeichnet sich dieses Jahr durch eine aussergewöhnliche Gastfreundschaft aus. Das beste Beispiel dafür liefert die ‚Bergung’ des Janus nach dieser Gewitterlandung. Statt uns vom sicheren Hangar aus gemütlich beim Wegschieben des schweren Doppelsitzers zu beobachten, stürmt gleich ein gutes Dutzend französischer Helfer herbei, um uns mitsamt dem Flugzeug unverzüglich unter das sichere Hangardach zu schieben, ohne uns Zeit zum aussteigen zu lassen. Das letzte Hangartor fällt gerade metallisch ins Schloss, als wir das Flugzeug unter Dach verlassen, da fallen die ersten schweren Tropfen eines veritablen Wolkenbruchs. Wir wären ohne die spontane Hilfe unserer Freunde im braunen Vinon-Schlamm mitsamt dem Gruppen-Janus förmlich untergegangen. Den würdigen Abschluss dieser aussergewöhnlichen Landung im Hangar liefert ein kleiner Apéro im Aufenthaltsraum, bis sich der grösste Pulverdampf des nahrhaften Gewitters verzogen hat. Während wir versonnen mit einer Bierbüchse in der Hand den Regentropfen zusehen, landet als letztes Flugzeug für heute die Stemme ‚FS’ auf der Piste 10. Ein sehenswertes Schauspiel. Meterhoch spritzt der Schlamm rund um’s Flugzeug. Anderntags beobachten wir die beiden Piloten, wie sie mit dem Gartenschlauch bewaffnet, die gröbsten Spuren vom Flugzeug abzuwaschen versuchen. Wir füllten dann einfach ebenfalls anderntags der Einfachheit halber die leeren Vorräte in Kühlschrank wieder auf, um dort den gröbsten Schaden gutzumachen.

Dom von oben

Der folgende Flugtag ist der erste einer Serie aussergewöhnlicher Thermiktage, die sich durch flächendeckend gute Aufwindverhältnisse und Basishöhen auszeichnen. Das geflügelte Segelfliegerwort, wonach selber schuld sei, wer bei weniger als 3 m/Sek. kreise, verliert etwas von seiner Arroganz und wird auch für Durchschnittspiloten nachvollziehbar, wenn er die Nase seines Fliegers in den blauen Himmel zieht und beim Eindrehen eine kaum enden wollende Beschleunigung erlebt, bei der das Variometer dann bei 5 m/Sek. oder ab und zu auch mehr stehen bleibt.

Erneut ist der Start nicht einfach und wir kämpfen in brütender Hitze kollektiv mit vollen Wassertanks und schweren Flugzeugen in den ersten schwachen Aufwinden über Greoux, Valensole und Puimoisson gegen das Absaufen. Im Cockpit steigt direkt proportional zur schlechten Laune die Temperatur. Der Schweiss läuft mir während der ersten 90 Minuten buchstäblich nur noch über das Gesicht und das Fliegerkombi wird nasser und nasser. Wie schön wäre es doch jetzt im Swimming-Pool! Die Cockpit-Temperatur bewegt sich im Bereich von 50° C. Der erste Liter Zitronenwasser wird in kurzer Zeit vertilgt, damit die Konzentration nicht der Apathie Platz macht. Die Gefahr eines Zusammenstosses in der Pulkfliegerei ist allgegenwärtig, nicht alle Kollegen pilotieren gleich rücksichtsvoll und vorsichtig. Wenigstens halten sich heute alle an die allgemeine Drehrichtung! Mit etwas Mut und Glück mogle ich mich auch heute wieder nach Norden davon und kann einen Aufwind alleine oder mit wenigen Gschpänli bis auf ca. 1’400 M.ü.M. ausfliegen, was mir die Voralpen entscheidend näher bringt. Insgesamt gelingen alle Abflüge mit etwas Zeitverzögerung ohne wirkliches Aussenlanderisiko oder Rückflugmöglichkeit auf einen der Flugplätze. Eile mit Weile ist mit Sicherheit das bessere Motto als blindwütiges Drauflos- oder Hinterherfliegen. Das Glück der Gambler wechselt öfters die Seite – wer gerade ganz oben war, findet sich im nächsten Aufwind unverhofft ganz unten und umgekehrt.

Thermik ÜBER dem Matterhorn

Im Unterschied zu früheren Jahren benutze ich auch heute den Parcours des Combattants nicht und steige in einem der starken Aufwind über den Voralpen bis spätestens zu den Trois Evéchés auf nahezu 3’000 M.ü.M., was einen direkten Flugweg ins hohe Relief ermöglicht. Die Vorteile sind augenfällig: eine entspannende Operationshöhe, eine bessere Verteilung der Flugzeuge in der Region und damit ein geringeres Risiko gefährlicher Begegnungen. Nicht zuletzt darauf führe ich zurück, dass ich während aller Flüge mehrheitlich alleine auf weiter Flur operieren kann und die andauernden ‚Near-misses’ vorheriger Jahre entfallen. Wie Airliner zischen wir mit wenigen starken Aufwinden ins nördliche Durancetal und finden über den bekannten Aufwindgebieten flächendeckend starkes Steigen. Um ca. 15.00 Uhr überquere ich das Becken von Bardonnecchia, überfliege höher als 4’000 M.ü.M. den Col d’Etaches zum Charbonnel, wo mich eine erfreuliche Wetteroptik erwartet. Von hier aus fliegen Martin Haller und ich zusammen nach Nordosten weiter, wobei die Sprunggeschwindigkeit über dem Val de Rhèmes ins Aostatal und weiter ins Valpelline auf unglaubliche 200 km/h ansteigt, was mir bisher noch gar nie passiert ist… Kaum erstaunlich, können wir um 17.15 Uhr zu dritt über dem Matterhorn einige Kreise ziehen. Obendrauf ist tatsächlich ein kleiner Cumulus, der das ermöglicht. Wir wenden um 17.45 Uhr über der Mischabelgruppe und nehmen den langen Rückweg nach Südfrankreich unter die Flügel.

Charbonnel bis zum Bauch im Wasser

Ist die Wetteroptik vor wenigen Minuten mit Blickrichtung Osten noch wunderbar kompakt gewesen, so zerfällt plötzlich alles mit dem Wechsel der Blickrichtung nach Westen. Obwohl mir bewusst ist, das dies mit dem direkten Sonnenlicht und weniger mit der objektiven Aufwindstärke zu tun hat, bleiben plötzlich die vorher noch so starken Aufwinde scheinbar weg, bis wir schliesslich über dem Val d’Anniviers und später im Valpelline wieder mit mehr als 3 m/Sek. verwöhnt werden. ‚Ende Jahr höre ich mit Segelfliegen auf’ – schiesst mir durch den Kopf – ‚die Bedingungen können nach diesen Flügen ja nur noch schlechter werden und wir werden alle frustriert im Cockpit sitzen’. Es hilft nichts: man muss solche Momente einfach geniessen, wenn man sie erleben kann.

Martin Haller kämpft mit dem unhandlicheren Janus tapfer mit und wir überqueren das Val d’Aoste erneut gemeinsam, um über der Grivola wieder in die Thermik einzufädeln. Inzwischen stellen wir fest, dass das Vallée Modane seit längerer Zeit im Schatten liegt. Verflixt, damit ist die Schlüsselstelle ausser Betrieb! Die verlässlichen Aufwindquellen, die mir sonst den Heimweg in den Raum Briançon ermöglichen, dürften von Minute zu Minute schwächer werden oder bereits verschwunden sein. Ich beginne, auf’s Tempo zu drücken, mogle mich mit meinem wendigen Einsitzer in den letzten Sonnenstrahlen von Gipfel zu Gipfel zum Nivolet-Pass, während Martin bei jedem Einkreisen mit dem schweren, unhandlichen Doppelsitzer etwas tiefer anfangen muss und den Höhenverlust bis nach Bonneval, bzw. zum Charbonnel, auf ca. 300 Meter kumuliert. Der sonst sehr zuverlässige und gerade deswegen von mir so geschätzte Charbonnel ‚steht diesmal bis zum Bauch im Wasser’ und spendet nur noch in der Gipfelregion von der Schulter weg Aufwind – und den nicht zu stark. Max Weber, der über dem Gipfel während beinahe einer Stunde auf uns gewartet hat, dürfte inzwischen fast zum Cockpit hinausgefallen sein, harrt aber trotzdem tapfer aus. Für Martin Haller stehen allerdings inzwischen die Aktien miserabel. Unter der Charbonnel-Schulter, im Schatten, findet er nur noch Abwind und muss sich in Richtung Sollières flüchten, wo er trotz heftiger Gegenwehr über den restlichen Sonnenflecken im Süden des Tales schliesslich aussenlanden muss.

Obwohl der Entscheid unangenehm ist, fliegen wir alleine über den Col d’Etaches weiter und nutzen im Le Rosier den letzten vernünftigen Aufwind, um mindestens den Morgon und damit den Parcours des Combattants erreichen zu können. Von Martin hören wir inzwischen gar nichts mehr am Funkgerät. Erst nach der Landung in Vinon klingelt erlösend das Handy und er meldet fröhlich ein blessurenfreies ‚tombé du ciel’ mit leichtem Rückenwind auf der abfallenden Piste, die glücklicherweise über einen Kilometer lange ist.

Der Endanflug von Max und mir beinhaltet am Ende noch ca. 45 Minuten Reserve, bis die Thermik endgültig aus ist. Wir klettern über dem westlichen Durancetal nochmals bis an die Basis, um danach direkt Vinon anfliegen zu können. Die Basishöhe ermöglicht dies im Gegensatz zu früheren Flügen problemlos. Am Ende verlängern wir im Raum Château Arnoux den Flug mit einem letzten starken Aufwind nochmals. Das Gewissen plagt mich: wir hätten durchaus länger auf Martin warten können, es hätte für uns allemal auch eine gute Stunde später noch nach Hause gereicht. Die Frage, ob wir ihm etwas genutzt hätten, bleibt allerdings damit auch nicht beantwortet.

Mont Blanc

Der kommende Flugtag bringt uns einen ‚normalen’ Flugtag, an dem Hans Reis und ich ‚nur’ bis zum Col d’Iseran und nach Tignes gelangen, weil der Weiterflug nach Nordosten mit allzutiefer Basis und unkonsistenten Untergrenzen über der Region des Col de Nivolet zugesperrt bleibt. Der Start um ca. 13.00 Uhr in Vinon und der erneut nicht ganz einfache Abflug in die Voralpen sind Gründe, weshalb wir es angesichts einer im Nordosten das Gebiet streifenden kleinen Front mit labilisierenden und feuchteren Luftmassen als in den Vortagen wegen vorziehen, frühzeitig den Flug abzubrechen und nach Vinon zurückzukehren. Den Abend beschliessen wir wie in den letzten Tagen öfters im neu eröffneten Fisch-Restaurant von Vinon. Die Stimmung unter den Freunden ist gut, es wird ein fröhlicher Abend, demenstprechend spät kommen wir ins Bett und damit nur zu wenig Schlaf.

Verschwörung

Während des Startprozederes am kommenden Tag beginnt bei meinen Hinterleuten in der Startreihe in der glühenden Hitze über dem Asphalt von Vinon offenbar spontan eine kleine Verschwörung. Das Wort von ‚nach Schänis fliegen’ macht plötzlich leise die Runde und steckt wie ein Virus alle auf der Stelle an. Die Wetteroptik mit aufbauendem Hochdruck, trockeneren Luftmassen und doch leicht labilerer Schichtung sieht vielversprechend aus und in allen von uns steckt der heimliche Wunsch, einmal die Strecke zum Heimatflugplatz in der Schweiz nicht auf der Strasse zurücklegen zu können. Auch in meinem Kopf ist der Virus eingepflanzt, ich beschliesse aber, mich so spät wie möglich zu entscheiden, ob ich geradeaus nach Nordosten Schänis anfliegen werde oder den an sich schwierigeren Rückweg in die Provence unter die Flügel nehme. Wir fädeln wie gewohnt in den letzten Tagen in die Voralpen ein und freuen uns um ca. 15.00 Uhr in der Region Briançon über die ersten wirklich starken Aufwinde. Das Vorankommen ins Modane-Tal ist eine Freude, selten habe ich eine so hohe Wolkenbasis angetroffen. Es läuft wie geschmiert und um ca. 16.00 Uhr befinden sich ‚GC’ mit Hans Reis und Martin Haller an Bord des Gruppen-Janus HB-1899 und ich in meiner vertrauten ASW-20-B über dem Col de Nivolet. Nach Norden sieht die Wetteroptik bombastisch aus. In Richtung Mont Blanc reihen sich die Cumulus in grosser Höhe aneinander. Nach Nordosten, über das Vallée d’Aoste und das Valpelline, ist die Luft trockener. Einzelne, sehr hohe, flache Cumulus zieren den Himmel. Wo sich der Horizont in der blauen Unschärfe verliert, kann ich gar keine Bewölkung mehr erkennen. Meine beiden Freunde sind offenbar von ihrer Verschwörung getrieben, geben Vollgas und rauschen wild entschlossen ab Richtung Valpelline.

Mir fällt der Entscheid wesentlich schwerer. Das ‚blaue Loch’, das sich bis an die Furka abzeichnet, macht mir gar keine Freude. Nach einigen Minuten des Überlegens siegt der Zauderer in mir und ich ergreife trotz nagender Zweifel, eine einmalige Chance zu verspielen, doch lieber die Chance, ein anderes, altes Flugziel von mir unter die Flügel zu bekommen – den Mont Blanc. Während Hans und Martin zuversichtliche Funkkommentare aus der Region Zermatt in den Aether absetzen, kann ich tatsächlich über die Grand Jorasses und das Mer de Glace die Aiguille du Midi überfliegen und setze beeindruckt von der schieren Grösse dieses riesigen Schnee- und Felshaufens zur Umrundung des höchsten Gipfels Europas an.

Wilder Tanz am Peuterrey-Grat

Auf der Westseite ist offenbar wenige Minuten vorher eine Steinlawine ins Tal gedonnert. Eine grosse, graue Staubwolke füllt das Tal, das den Mont Blanc nach Westen verlässt. Diese Felsabbrücke sind ein Phänomen, das wir während dieser Fliegerferien bereits am Matterhorn zweimal bemerkt haben. In Zermatt war gleich das ganze Tal der Schönbiel-Hütte mit einer grauen Staubwolke gefüllt. Den Gipfel kann ich rund 300 Meter unter der Krete umfliegen – höher geht’s heute auch hier nicht mehr. Auf der Südwestseite gerate ich in allerhand Turbulenzen, versuche noch, über dem Peuterrey-Grat einen engen, wilden Aufwind auszuwerten, gebe aber bald einmal auf, obwohl die Kreiserei über den steilen Schluchten an der Aiguille Noire de Peuterrey spannend ist. Über den Petit St.-Bernard erreiche ich in kurzer Zeit wieder die vertraute Gegend von Val d’Isère. Die Aufwinde sind etwas weniger stark, weniger zuverlässig, weniger eindeutig, die Wolken fransen langsam aus – immerhin ist dies für diese Tages- und Jahreszeit noch immer ein bemerkenswerter Flug.

Alles schon Routine?

Der Rest des Fluges ist inzwischen schon bald Routine – so arrogant dies hier auch tönt. Ich nehme noch zwei Aufwinde mit, einen in der Region von Briançon an der Crête de Peyrolles und einen nördlich Gap am Guillaume, um dann anders als in früheren Jahren, den Weg nach Vinon der hohen Arbeitshöhe wegen direkt unter die Flügel zu nehmen. Es ist kaum zu glauben, aber selbst an meinem bestens bekannten Segler entdecke ich noch eine neue Dimension. Die Maschine gleitet und gleitet selbst bei einem Speed von über 150 km/h noch eine Ecke weiter, als ich es mir vorgestellt habe.

Den zwar reizvollen aber in diesen Höhen mehr oder weniger sinnlosen Heimweg über den Parcours des Combattants wähle ich während dieses Fliegerurlaubs eigentlich nie und fliege immer direkt auf Kompass-Kurs in die graublaue Dunstsuppe in Richtung Durance-Tal vor. Auch ins hintere Ubaye-Tal komme ich dieses Jahr höchstens einmal bis zum Grand Bérard und zum Col de Vars. Zu schnell ist der direkte Weg, zu stark die Aufwinde direkt am Durance-Tal, zu verlockend ist die hohe Wolkenbasis über dem Prachaval und dem Col d’Izoard, als dass ich mich zum Monte Viso verfliege. Die höchsten Alpengipfel im Wallis locken zu sehr – an die wunderschöne Aiguille de Chambeyron und den Parc National de Queyras kommen wir in all den folgenden Jahren mit vermutlich viel schlechteren Bedingungen ja noch bis zur Genüge…

Hans und Martin sind kurz vor sieben Uhr abends in Schänis gelandet und melden sich per Telefon, dass alles bestens gelaufen ist. Der Weg war tatsächlich der fehlenden Thermikanzeigen wegen nicht ganz problemlos, die bekannten Aufwindgebieten über dem Matter- und Binntal machen aber ein rasches Vorfliegen über die Furka trotzdem möglich. Der Rest des Weges über das Urnerland scheint auch ohne grössere Hindernisse zu bewältigen gewesen zu sein. Jedenfalls klingen beide sehr fröhlich aus dem Handy, sind stolz auf ihre tolle Leistung und freuen sich des guten Wetterberichtes für den Folgetag wegen zuversichtlich auf den Rückflug nach Südfrankreich.

Vinon-Schänis: später, harziger Abflug

Obwohl ich am Folgetag keineswegs mit der Absicht in meine ASW-20-B sitze, es meinen Kameraden gleichzutun und ebenfalls den Versuch zu wagen, einmal nach Schänis und anderntags zurückzufliegen, muss mich der Virus doch heimlich angesteckt haben. Irgendwie rumort die Idee doch im Hinterkopf herum, auch wenn anfangs keinerlei Aussicht auf einen wirklich weiten Flug besteht – zu schwierig ist heute der Start.

Wie verschiedene Male vorher, ist der Abflug nach 13.00 Uhr auch heute eine ausgeprägte Zitterpartie. Öfters ist in diesem Fliegerurlaub eine Aussenlandung nur durch sehr vorsichtiges, sprich langsames Vorwärtsfliegen über das Plateau Valensole zu vermeiden. Auch heute ‚eile ich mit Weile’ stetig gen Norden. Irgendwann gelingt dann aber in der Region nördlich des Flugplatzes von Puimoisson doch das Einfädeln in einen stärkeren Aufwind. Bis dahin habe ich mich mehr oder weniger alleine über die durchgeglühten Felder der grössten Lavendelplantage vorwärtsgemogelt. Daniel Bosshart mit seinem grossen Vogel ist ebenfalls irgendwo über dem Plateau, ich sehe ihn aber erst in Moustiers – sehr tief um Überleben kämpfen. Der in den letzten Tagen zuverlässige Aufwindspender westlich des Städtchens Puimoisson macht heute Pause, dafür geht in den kleinen, runden Hügeln vor der Serre de Montdenier ‚die Post ab’. Zusammen mit Daniel Bossart, der auf 1’200 M.ü.M. mit seiner ASW-22 scheinbar festsitzt und der unten in ‚meinen’ Aufwind einsteigt, klettern wir auf über 2’000 M.ü.M. hinaus. Nun sieht die Sache doch wieder ganz anders aus! Dieser Aufwind war mit seinen knapp 3 m/Sek. vielversprechend. Meine graues Fliegerkombi – übrigens bereits die zweite Garnitur, ist komplett durchgeschwitzt. Wenn ich heute tatsächlich noch hoch hinauf komme, werde ich kalt bekommen!

Ich lasse erneut den klassischen Weg über den Parcours des combattants links liegen. Der Montagne de coupe und die Region östlich davon scheinen bereits in einem explodierenden CB zu stecken, jedenfalls gehen die ersten schweren Schauer deutlich sichtbar als weisse Vorhänge über die ausgetrocknete Landschaft nieder. Die Tendenz zu Ausbreitungen nimmt meines Erachtens deutlich zu. ‚So rasch es geht, nach Norden’ ist wohl das sicherste Rezept in dieser Situation. Ich entwische der ersten richtigen kalten Dusche gerade noch, indem ich in den Vorgipfeln der Trois Evéchées inmitten der ersten Schauer noch an der Sonne mit guten Steigwerten Höhe gewinne, um endgültig im Ubaye-Tal ans gleissende Licht der Provence und an die starken Aufwinde heranzukommen, die mit einer Wolkenbasis von deutlich über 3’000 M.ü.M. klar markiert sind. Hier höre ich auch das erste Mal die Piloten aus Schänis am Funk. Martin Bühlmann ist mit ‚8T’ in der Gegend von Briançon und wendet über der Barre des Ecrins. Dass er mein Begleiter auf dem Flug nach Schänis werden wird, weiss ich noch nicht, als ich die Flugzeugnase auf den Mont Guillaume richte. Die Westseite des Durance-Tals bietet eine hervorragende Wetteroptik. Weil ich in den vergangenen Tagen öfters über den Col d’Izoard geflogen bin, wähle ich diesmal die Westseite.

Unglaublicher Aufwind an der Tête de Lucy

Die hat diesmal eine angenehme Überraschung für mich bereit. Die Gipfelkreten nördlich des Guillaume sind seit Stunden voll in der Sonne gewesen. Ich fliege sie mit einem langen Gleitflug direkt an, so dass ich ohne Hangfliegerei einkreisen kann. Ich hole tief Luft, als das Vario zu singen beginnt. Die Nase der ASW zeigt in den blauen Himmel, der Flieger steigt und steigt und steigt. Nach endlos scheinenden Sekunden lege ich den Flügel in eine enge Kurve. Das digitale Variometer steht mit 5.7 m/Sek. am Anschlag, wenige Minuten später finde ich mich auf über 4’000 M.ü.M. wieder. Die Optik hat sich völlig verändert, die Gipfel sind unter mir förmlich weggeschrumpft. Die Distanz zum nächsten mutmasslichen Aufwind an der Crête des Agneaux ist leicht überwindbar. Jetzt gilt es, Tempo zu machen, wenn ich trotz des späten Starts und des schwierigen Abfluges noch ins Wallis fliegen will, um mindestens das Matterhorn nochmals zu sehen. Die letzten Minuten haben mich in Trance versetzt. Wie im Traum gleite ich nach Nordosten, den schönsten Wolken nach.

Berauschende Wetteroptik nach Nordosten

Der Blick in die Flugrichtung nach Nordosten jagt mir einen Schauer über den Rücken. So habe ich das Modane-Tal noch überhaupt nie gesehen. Der Charbonnel ist selbst von hier aus klar erkennbar, auch noch überragt von einer Reihe von Cumulus-Wolken mit einer Basishöhe von deutlich über 4’000 M.ü.M., mit schwarzen, dunklen Böden. Einfach unglaublich. Üblicherweise sieht man hier niemals so klare Strukturen, die Wolken hängen oft tief an den Kreten über dem Col du Mont Cenis, wer weiter nach Bonneval fliegt, muss an die Kraft des Charbonnels glauben. So wie heute sollte Segelfliegen eigentlich immer sein, bloss wäre das dann wohl auch irgendwann langweilig…

Ich wähle den direkten Anflug an die Ostseite nach Bardonnecchia, um über der Barrage Rochemolles nochmals Höhe zu tanken und dann in Bonneval oder Val d’Isère nochmals meine Flughöhe zu ‚sanieren’, um weiter nach Nordosten weiterzukommen. Der Flug an den Grand Paradis wird zum reinen Vergnügen. Wie von einem Automaten gesteuert, drehe ich in die Aufwinde ein, zuverlässig kommen immer dieselben unverändert guten Steigwerte auf das Display, die Wolken-Basis ist problemlos hoch, die Perspektive über dem Val Savaranche und weiter im Osten, im Valpelline, ist deutlich besser als am Vortag, wo hier alles in wunderschönem Blau versunken ist. Ich kann mein Glück kaum fassen, einen derart tollen Flug zu erleben, alle Arten von Gefühlen rasen durch meine Körper. Was für ein Privileg, hier wie ein Vogel quer durch Europa sausen zur dürfen!

Der vorher erwähnte Virus bricht schlagartig aus, als ich über dem Val de Rhêmes einen ausgezeichneten Aufwind bis an die Wolkenbasis erwische. Der Blick auf die Uhr und ein Funkspruch mit Martin Bühlmann, der seine SZD-55 aus Polen im Valpelline in besten Bedingungen nach Osten vorantreibt, machen alles in Sekunden klar: heute fliege ich nach Schänis und realisiere damit einen Traum, an den ich selber kaum je wirklich geglaubt habe! Heute packe ich’s! Entschlossen fliege ich den Talsprung nördlich Aostas an, die Nadel des Fahrtmessers steht nie unter 160 km/h. Beim ersten Flug in die Mischabel-Gruppe waren die Sprunggeschwindigkeiten während einer längeren Flugphase in dieser Region sogar noch höher, bei unglaublichen 200 km/h.

Noch nie in den ganzen zwanzig Jahren, in denen ich segelfliege, habe ich derart hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten realisieren können wie in diesem Sommer gleich mehrmals hintereinander.

Ich habe etwas Zeitreserve und gehe die Sache deshalb heute nicht ganz so wild an. Richtig spannend wird der Flug nach problemlosem Queren des Valpelline und des Matterhorns im Mattertal, wo ich auf 3’200 M.ü.M. in der Hoffung auf einen guten Aufwind einfahre.

Kniffliger Endanflug

Die letzten Lift’s waren nicht mehr von der fast brachialen Gewalt jener aus dem Valpelline oder dem Durance-Tal. Die Tageszeit und der Sonnenstand im August müsste sich ja irgendwann im Laufe des späteren Nachmittags auch thermisch bemerkbar machen. Vorsichtig drehe ich über der Schönbielhütte in einen nur zaghaft funktionierenden Aufwind. Im Hinterkopf rumort zwar der ‚Rothorn’-Aufwind herum, ich möchte aber hier an dieser Schlüsselstelle nichts anbrennen lassen. Oft bin ich zu forsch vorgeflogen, um dann mit Hangfliegen tief unter der Krete den ganzen Zeitgewinn wieder zu verspielen. Das soll mir hier nicht passieren. Ich will hier im Wallis die Maximalhöhe gewinnen, um dann im Binntal oder an der Furka oder im Bedretto-Tal die Endanflughöhe für Schänis aufbauen zu können. Und mit zielloser Aufwindsuche geht das bestimmt nicht. Meine Geduld wird dann doch noch belohnt. Ab ca. 3’600 Meter gewinnt der Aufwind an Stärke und spült mich mit mehr als 3 M./Sek. auf 4’300 M.ü.M. hinauf. Das reicht dann auf jeden Fall, um an der Mischabelgruppe, direkt über den höchsten Gipfeln des Dom wie geplant auf 4’600 M. hinauf zu klettern. Mein Endanflugrechner meldet hier bereits genügend Höhe, um Schänis zu erreichen, was allerdings angesichts der hohen Pässe dazwischen kaum realistisch sein wird. Die Furka zu überspringen, ist auf jeden Fall ‚im Fass’, aber ob’s dann mit einem möglicherweise aufwindlosen Flug durch die Urner Alpen noch über den Klausen reicht, möchte ich lieber nicht eins zu eins austesten, auch wenn die Elektronik dies sicher sehr präzise berechnen kann.

Die ASW hat noch eine Dimension, die ich noch nicht kenne…

Die Wolken beginnen langsam zu zerfallen und sich teilweise aufzulösen, was um 17.30 Uhr anfangs August natürlich ihr gutes Recht ist. Martin Bühlmann erlebt offensichtlich im Bleniotal rund um Olivone die Tief- und Höhepunkte des Segelfliegens innert derselben halben Stunde, indem er sich aus aussichtslos scheinender Situation doch wieder befreit und den Flug noch nach Splügen verlängern kann. All diese Eindrücke lassen mich insgesamt vorsichtig weiterfliegen. Im Binntal nehme ich noch ein paar Meter mit, begleitet von zwei Flugzeugen aus Vinon, die auf dem Rückweg sind – etwas spät für meine Begriffe – bis mir bewusst wird, dass wir vor wenigen Tagen um dieselbe Zeit in der gleichen Gegend ebenfalls noch unterwegs waren und den Heimweg ohne Schwierigkeiten zustande brachten.

Ein längerer Gleitflug an die Furka endet mit einem kuriosen Treffen mit einem jungen Adler. Der junge Kerl freut sich offenbar ebenso an der Fliegerei wie wir und turnt wild durch die Luft. Im Aufwind reisst er seine Flügel auf, wenn er beschleunigend in den Sturzflug übergeht, legt er seine Flügel knapp an seinen Körper. Mit seinem wilden Spiel zeigt er mir den Aufwind, der mich dann sorglos nach Schänis bringt. Zuhinterst am Nufenen-Pass kann ich mit mehr als 2.5 m/Sek. nochmals ein paar Hundert Meter dazugewinnen, am Ende auch noch begleitet von einer DG-400, die mit mir zusammen in sehr engen Kreisen in die Höhe steigt, überwacht von unserem gefiederten Kollegen. Beide verschwinden beim Abflug in die Urner Alpen plötzlich aus meinem Gesichtsfeld. Der Adler wird sich anderswo vergnügt haben, die DG dürfte aus Münster oder Ambri gewesen sein.

Über Andermatt rufe ich zuhause an. Brigitte staunt nicht schlecht über die Neuigkeit, dass ich mitten in meinem Südfrankreich-Urlaub zuhause übernachte, sie wird mich aber in Schänis abholen.

Die Provence ist plötzlich auf die Alpennordseite gewandert

Der Anflug über die Urner Alpen ins Klausenpass-Gebiet erinnert mit stark an die Endanflüge, die ich sonst in die Provence hinein mache. Die Gipfel sind bis in hohe Regionen hinauf schneefrei, was das Gestein in seiner ganzen Farbenpracht zeigt. Die flache Sonne verzaubert die Berge mit einem unwirklichen Licht, die Aufwinde – allerdings meist nahe an den Felsen – sind unvermindert stark, der Anflug ins Voralpengebiet führt ebenfalls über trockene Wiesen und Felder. Eine auch für mich etwas überraschende Erkenntnis – aber der optische Eindruck ist tatsächlich verwandt mit jenem, der entsteht, wenn man aus dem Ubaye-Tal über den Parcours des combattants hinaus in die Ebene des Plateau Valensole fliegt. Bloss die Sonne steht auf der falschen Seite – aber was etwas Phantasie so alles ausmachen kann…

Etwas ungewohnt für einen Segelflieger-Urlaub in Südfrankreich beschliesse ich diesen Flugtag zuhause im mir heute extrem kalt scheinenden Swimmingpool, um anderntags wieder um 06.00 bereits im Molliser Büro meine Internet-Seite zu aktualisieren. Nach knapp zwei Stunden haben sich meine MitarbeiterInnen an den Chef mit Migros-Tasche als Reisegepäck und die kurzen Hosen gewöhnt und Petra Müller chauffiert mich wieder auf den Flugplatz Schänis, wo ich den Rückflug in Angriff nehme.

Modernes Bergsteigen am Weissmies

Nach dem Schlepp auf die Südwestseite des Murgtals klettere ich über den glatten Felsen mit ordentlichen Steigwerten die ersten paar Hundert Meter in die Höhe. Am Foopass wiederholt sich das Spiel, dann aber bereits mit besseren Steigwerten und einer Operationshöhe von über 3’000 M.ü.M., was natürlich ein leichtes Fortkommen direkt über den Kistenpass erlaubt. Am Bifertenstock klettere ich den Bänderweg hoch, im Val Russein nehme ich die Maximalhöhe mit, um gleich an den Lukmanier zu wechseln. Am Ritomsee steht der erste aussergewöhnlich starke Aufwind, der mich an den Nufenen transportiert. Dort gewinne ich ein paar Meter an der Passstrasse, um im Binntal dann wieder richtig in die Thermik einfädeln zu können. Von hier weg fliege ich den Weissmies an, quere eine LS-4, die auf Westkurs meinen Kurs schneidet und tauche tief an den Grat, der nach Saas Fee hinunterführt. In wenigen Minuten klettere ich dem Felsgrat auf der Westseite entlang weit über den Gipfel hinaus. Die Bergsteiger auf dem Weissmies werden sich am Kopfe kratzen, wenn sie mich dabei beobachtet haben, wie leicht man heutzutage bergsteigen kann.

Der Weiterflug läuft dann wieder ab wie in einem Traum, von dem man sich wünscht, er ende nie. Am Matterhorn schwebe ich lockeren Fusses vorbei, um ganz am Ende des Valpellines beim kleinen Seelein in die Felsen hineinzutauchen. Nach einigen Minuten Suchens entdecke ich doch noch den Grund für den hohen Cumulus über mir. Ein Aufwind von sagenhaften 6.7 m/Sek. lässt mich im Cockpit jauchzen. Einen stärkeren habe ich noch überhaupt nie gefunden, sieht man von den dynamischen Rotorwolken-Steigwerten einmal ab.

Nach zwei Stunden am Mont Blanc

Die Wetteroptik nach Westen sieht hervorragend aus. Ein kleiner Umweg über den Mont Blanc liegt locker drin. Eigentlich hätte ich vor meinem Weg nach Südwesten durchaus vorher noch nach Österreich oder zumindest ins Engadin fliegen sollen, um die Möglichkeiten dieses aussergewöhnlichen Tages richtig zu nutzen – aber ich wollte eine Transportübung vermeiden, die entsteht, wenn man irgendwo aussenlandet, das Material in Südfrankreich, das Flugzeug im Engadin und den Piloten in der SBB irgendwo dazwischen platziert. So umrunde ich kurz vor halb zwei bereits den Gipfel des höchsten Berges Europas. Auf der Westseite beobachte ich erneut eine Steinlawine, welche mit ihrem Staub das ganze Tal ausfüllt, bevor ich die Flugzeugnase südwärts Richtung Val d’Isère richte.

Im Süden kocht die Luft wieder. Sie ist deutlich feuchter als nördlich des Modane-Tales. So muss es die letzten Tage wohl immer gewesen sein, was erklärt, warum die Piloten von Schänis aus nach ihrem frühen Start um 10.00 Uhr bereits in St. Crépin ihre Kreise zogen, während wir mit der erst aufbauenden Thermik um 13.00 Uhr noch in den südlichen Voralpen kämpften. Ich bin glücklich, dass ich trotz der improvisierten Hilfsmittel in Schänis mein Flugzeug noch mit 40 Litern Wasser gefüllt habe. Es wäre zu schade gewesen, die ASW heute ohne zu fliegen.

Back to paradise

Der Rückweg nach Vinon gestaltet sich natürlich mehr als einfach. Ich war auch noch nie so früh am Nachmittag in Bonneval. Normalerweise erreichen wir das Hochtal erst am späteren Nachmittag. Die Aufwinde sind auch heute ausgesprochen stark, zuverlässig und hochreichend, so dass ich hoch über dem Guillaume mitten im Nachmittag Kurs auf Vinon nehmen kann. Nach einem endlosen Gleitflug aus den Hochalpen kann ich eingangs Val d’Asse einer grossen, schönen Cumulus-Wolke doch nicht widerstehen und drehe auf 1’000 M.ü.M. in einen Fünfmeter-Aufwind ein, den ich aber dann doch auf halber Höhe verlasse, um den Flug nicht weiter zu strecken. Was ich in den letzten beiden Flugtagen erlebt habe, ist nicht mehr zu toppen. Auch wenn ich die sonnendurchglühte Provence, den Luberon, die Lure, den Lac de Ste. Croix noch so unvergleichlich finde. Nach einer langen Schlaufe über die Ebene von Brignoles tauche ich ein in die Hitze der Provence. Einige weite Kreise über der Durance warte ich, bis der letzte Tropfen Wasser aus den Flügeln gerauscht ist, drehe ein in den Downwind, lande kurz auf der stoppeligen, dürren Graspiste und klettere knapp vor 17.00 Uhr überglücklich, aber etwas hakelig aus meinem Flugzeug.

Es riecht nach Lavendel.
Wer will denn noch in den Himmel – wir sind ja schon im Paradies.

Die Protagonisten

Im neu getauften Château des routiers des airs sind dieses Jahr Max Weber und ich einquartiert und teilen uns den schlichten Komfort des in die Jahre gekommenen Wohnwagens. Im deutlich bescheideneren Blockhaus logiert Martin Haller, wenn er überhaupt in Vinon ist und sich nicht gerade nach Sollières oder Schänis verfliegt. Möglicherweise hat seine nicht zu bändigende Lust an der Flucht auf andere Landestellen doch etwas mit der Kargheit seiner Unterkunft zu tun? Ein paar ‚Relais’ weiter hausen wie seit Urzeiten die Familie Wickli und Hans Reis, während die sportlichen Brüder Albert und Walter Götz in einem der ‚Reihenhäuser’ von Thomas Badum nächtigen. Wir harmonieren ausgezeichnet, während der ganzen Ferienzeit kommen wir ohne laute Worte aus und geniessen alle die sorglose Zeit unter der dieses Jahr besonders heissen provençalischen Sonne.

Vinon – Matterhorn – Vinon

Die Segelflug-Ferien von Mitte bis Ende August 1993 bilden damals den Höhepunkt meiner bisherigen Segelflug-Unternehmungen. Täglich legen wir dank homogenen Wetters über den Hautes-Alpes de Provence, der Dauphiné und der Haute-Savoye mehr als 400 km zurück und bleiben mindestens sechs Stunden in der Luft.

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Den Höhepunkt des neuntägigen Aufenthaltes mit acht Flügen und 50 Flugstunden im Land des Lavendels bildet aber neben den ausgedehnten Ausflügen an den Monte Viso, Mont-Blanc, Barre des Ecrins und meinem ersten akzeptierten FAI-500er der Flug ans Matterhorn. 1993 gelang es mir zweimal, den Gipfel dieses berühmtesten Berges zu umrunden, einmal ab Schänis und einmal ab Vinon.

Pünktlich wie vorausgesagt beginnt die Thermik mit den gewohnten, immer schneller und stärker erscheinenden Ablösungen direkt in unserem Warteraum unter dem Bäumchen beim Hangar. Wir haben heute Grosses im Sinn und die Schweizerkreuze leuchten hintereinander von den Heckflossen der Segler in der Startreihe. Es ist heiss, beinahe 35° C. In den Tragflächen meiner ASW-20 schwappen 40 l Wasser. Markus von der Crone, Beat Gassmann, Martin Bühlmann und ich wollen so weit nach Norden, wie die Flügel tragen. Norden heisst heute Matterhorn.

Ueber dem Plateau de Valensole zieht sich unser Feld bereits in die Länge. Markus und Martin gewinnen mit Tom Badum zusammen schneller Distanz als Beat und ich. Trotzdem sausen auch wir nach knapp einer Stunde beim Cheval Blanc vorbei. Immerhin 80 km/h. Kein schlechter Anfang. Die Aufwinde greifen in der uns in dieser Woche liebgewordenen Intensität unter die Flügel und heben uns in grossflächigen Kreisen mit 4 m/sec. in die Höhe. Ein unvergleichlicher Flug beginnt sich abzuzeichnen, als über dem nördlichen Teil des Parcours des Combatants die Cu’s zu kondensieren beginnen. Wie im Schnellzug-Fenster flitzt die Landschaft beim Lac de Serre-Poncon unter uns vorbei.

Der Flug wird beim Eindrehen am Guillaume zum Rausch, als ich in wenigen Minuten in einem 5.5 m-Lift mehr als 1’200 Höhenmeter hochklettere. Nur wenig später überquere ich die Passstrasse zwischen Briancon und dem Col du Gali­bier und nehme Kurs auf die Tête de Siguret. Vor der Ueberquerung des Modane-Tales quetsche ich den Aufwind bis zum letzten Meter aus und fliege in 4’100 m ab nach Norden. Tom hat im Val de Rhêmes bereits fotografiert und ist auf dem Weg zu seiner zweiten Wende Moustiers. Alle Stimmen aus der Region Briancon – Bardonecchia – Modane tönen zuversichtlich. Beat hält prächtig mit, wir tauschen die Steigwerte in kurzen, präzisen Meldungen aus. Er fliegt weiter östlich, ausser Sichtweite, tastet sich gerade durch die thermisch miserable Landschaft bei Bonneval.

Napoleon-Schotter

Inzwischen habe ich an die Nordkreten des Modane-Tales angehängt und fliege praktisch kreislos über den Col d’Iseran nach Val d’Isère hinüber. Gott im Himmel, ist das eine verlassene Gegend hier! Die Strassen hat wohl Napoleon gebaut. Seither haben die Franzosen nur noch den Schotter nachgefüllt…

Zuhinterst im Tal von Val d’Isère hangle ich mich nahe an den Felswänden durch ein Couloir bis auf 4’000 m hinauf. Damit kann ich gerade die Berggipfel überfliegen. Ich blicke das erste Mal in meinem Leben in die drei Parallel-Täler, die von dieser Hochebene nördlich nach Aosta hinunterführen. Das V-Tal ist hier erfunden worden. Federico Blatter erscheint geistert mit seinen Nordföhn-Flügen durch meine Gedanken. Hier hat er jeweils gewendet, nachdem er am morgen Obervellach im Mölltal umrundete. Verrückt! Gigantische Bergtäler, wildromantische Passwege, praktisch keine menschliche Behausung prägen das Bild. Ueber den spitzen Kreten nach Norden hängen die schönsten Cu’s, die ich mir vorstellen kann.

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Management bei Känguruh

Die Zahnbürste, der Pass, das Portemonnaie mit den Credit Cards sind eingepackt. Begleitet von einem mir bisher unbekannten, unbändigen Willen, Strecke zu fliegen. Ich sehe das Matterhorn weit entfernt am Horizont vor mir! Zeitlich liegen wir nicht schlecht, wir sind nach Fahrplan unterwegs. Bis hierhin wollte ich mich vortasten und entscheiden, ob ich gemütlich nach Vinon zurückkehre oder das Wagnis eingehe, mir völlig unbekanntes Gelände zu erfliegen. Ich brauche nicht lange für meinen Entscheid. Wenn es mir gelingt, bis ins Valpelline vorzustossen, kann ich heute segelfliegerisch den gesamten Alpenbogen von Zeltweg bis Marseille aneinanderhängen. Das höchstes Segelflugziel scheint in Griffnähe zu rücken. Ein Schauer jagt über meinen Rücken, als ich meine ASW über den Pass ins Val de Rhême fallen lasse. Nach 30 km mache ich über einem etwas tiefer liegenden Bergsattel den ersten Kreis und drehe unter einer Wolke mit sattem, dunklem Boden in den Aufwind ein.

Es ist nicht zu fassen! Auf mehr als 4’300 m erst kann ich nach 1’200 erklommenen Höhenmetern die Kreiserei abbrechen und westlich Aostas eine Krete anfliegen, die zum Grand-Saint-Bernard hinauf­führt. Da erwartet mich wieder dasselbe Vergnügen! Ich kann meine Begeisterung kaum unterdrücken und habe Mühe, Beat sachlich Position, Höhe und Steigwert durchzugeben.

Der Aufwind des Tages

Den Höhepunkt bildet dann aber der Taleingang ins Valpelline, nördlich des Flugplatzes Aosta. Ein weiterer 30-km-Sprung hat mich in wenigen Minuten hierhergeführt. Auf 2’800 m komme ich über der Krete an und ziehe meine ASW aus voller Fahrt sanft hoch. Ueber mir erscheint ein dicker Cumulus. „Cinque“ steigt und steigt und steigt. Sanft senke ich den Flügel und beginne zu zentrieren. Ich erschauere erneut. Das Vario muss ich auf die 10-m-Skala umstellen, um Beat den Steigwert durchgeben zu können! „Beat komm sofort hierher, alles andere ist Zeitverschwendung… ich steige mit 5.8, nein, 6.5, jetzt rundherum 7.0 m/sec!!!“ schreie ich ins Mikrophon. Das Capot zerspringt fast unter meinem Urjauchzer, den ich nicht mehr zurückhalten kann. Nördlich von mir glitzern die Walliser Vier­tausender, das Matterhorn lockt am Ende des Valpelline. Ich steige in wenigen Minuten auf unglaubliche 4’450 m. Martin und Markus lehnen sich bereits zurück, unsere Wege kreuzen sich, beide sind auf dem Heimweg. Es ist noch nicht vier Uhr durch. Ich setze mir eine Deadline auf 16.30 Uhr. Dann werde ich umkehren, egal wo ich gerade bin. Damit müsste ich sogar nach Hause kommen. Aber das ist noch ganz weit weg…

Beat ist nur ca. zehn Minuten hinter mir. Ich gleite die Kreten des Valpelline bis zum Ostende des glitzernden Stausees hoch und versuche beim Uebergang nach Cervinia etwas Höhe zu gewinnen, um das Matterhorn von der Schweizer Seite aus ansehen zu können. Am Zmuttgrat breche ich genau um halb fünf die Uebung ab, ich kann nicht mehr höher steigen als 4’500 m.

Formel-Eins-Rennen am Grand-Paradis

Im Eilzugstempo gleite ich zusammen mit einem französischen Janus und einem Ventus – beide scheinen aus Vinon zu sein – den gleichen Weg zurück an den Superaufwind am Taleingang des Valpelline. Er hievt uns alle drei wie Blätter im Wind auf Maximalhöhe. Beat ist jetzt am Matterhorn und wendet ebenfalls. Ich hänge mich den beiden Frenchies an und fliege überhaupt nur noch geradeaus. Zuerst bis zum Grand Paradis, wo wir nochmals auftanken bis zur Maximalhöhe von 4’300 m. Die Sonne wird flacher. Die Aufwinde aus den isolierten Bergtälern sind noch immer stark, beginnen aber nachzulassen. Ich folge den Franzosen im Formationsflug rund um die 4’000er-Gipfel des Grand Paradis. Ein faszinierendes Rennen knapp über Grund oder direkt an den Hängen beginnt. Kein Kreis wird verschwendet, raumgreifend gleiten wir geradeaus bis zur „meiner“ Passhöhe nach Val d’Isère hinüber.

Mir wird das ewige Geradeausfliegen bald unheimlich. Ich beginne, gedanklich wieder meine eigenen Wege zu gehen, zumal die beiden Kameraden leicht nach Osten abdrehen und ins hinterste Maurienne-Tal einfliegen. Die direkteste Linie führt zurück über den Col d’Iseran, über Modane zum Lac de Mont-Cenis und von da nach Bardonecchia. Nur ist der kürzeste Weg nicht immer der schnellste… 30 Minuten später hätte ich einiges dafür gegeben, den beiden einfach blind gefolgt zu sein, statt meinen eigenen Weg zu suchen, aber nachher ist man immer gescheiter.

Bergwandern am Grand Roc Noir

Im hintersten Teil des Val d’Isère versuche ich von Gipfel zu Gipfel erfolglos, Höhe zu machen. Ich kriege die turbulenten Aufwinde einfach nicht in den Griff. Müdigkeit macht sich bei mir bemerkbar. Beat ist im Val de Rhême. Bis ich begreife, was hier mit der Luft passiert, finde ich mich 200 m über dem Col d’Iseran am Hangsegeln und überlegen. Die Trikolore auf dem Pass zeigt knatternd nach Süden. Also das ist es!!! Die Ortschaft Val d’Isère liegt ähnlich wie Andermatt hinter einem tiefen, schmalen Taleinschnitt, der wie eine Düse die Luft beschleunigt und an die südlichen Talhänge bläst. Vorhin bin ich im Lee herumgeturnt. Jetzt entschliesse ich mich schweren Herzens, das Wasser abzulassen. Bei Steigwerten um einen halben Meter lohnen sich die höheren Flächenbelastungen nicht. Ich will nur noch soweit wie möglich nach Süden kommen. Ich hangle mich an den flachen Berghängen immer über den Kreten bleibend, vorsichtig immer weiter nach Westen. Wie ein schwebender Velofahrer. Meine Theorie geht auf, ich kann mehr als 400 m steigen und immer weiter westwärts den Gipfeln entlangfliegen, südlich von mir erscheint bereits Bonneval vor dem Flügel. Beat hat grosse Mühe und flieht tief über den Iseran und an den Südhang des Modanetals. Vielleicht kommt er dort im Talwind wieder weg.

Gegen die Uhr

Mir stellt sich jetzt der Grand Roc Noir in den Weg. Ich muss mich für das Modanetal oder die Vanoise entscheiden. Da ich in der zweiten Gegend zu ungenau weiss, wohin die Täler genau führen, entschliesse ich mich für einen Sturz nach Süden durchs Lee, in der festen Hoffnung, im Talwind und in der Abendsonne beim Grand Roc Noir an der Westseite wieder hochzukommen. Mit viel Nerven, Herzklopfen und nassen Händen gelingt die Turnübung im Lee soweit, dass ich an die Südseite des Modanetales wechseln kann und dort erst noch knapp unterhalb der Krete ankomme. Im Hangwind östlich der Aiguille de Scolette nutze ich das schwache Steigen konsequent und ruhig aus und schiele bereits über den Col d’Etache in Richtung Bardonecchia. Wenn ich mich jetzt noch etwas beeile und hier nochmals wegkomme, schaffe ich es mindestens noch bis St.Crépin, überlege ich. Tief unter mir kreist der Discus von Beat und Reini Rychener mit seiner DG-400 in den Tannenwipfeln. Reini lässt sehr sportlich seinen Motor drin und versucht, gemeinsam mit Beat nochmals wegzukommen. Es sieht sehr spannend und nervenaufreibend aus, aber die beiden scheinen hochzukommen.

Geradeaus, geradeaus…

Ich gleite knapp über den Kreten ins Tal von Bardonecchia und steige dort nochmals auf ca. 3’700 m hinauf. Anschliessend gleite ich hinüber Richtung Plampinet. Die Namen werden bereits wieder etwas geläufiger für mich, meine Zuversicht beginnt zu steigen. Beat hat uns verlassen und ist in Sollières aussengelandet, um sich noch bis St.Crépin zurückschleppen zu lassen. Schade, es wäre zu schön gewesen, mit ihm gemeinsam das Plateau Valensole im Sonnenuntergang zu überfliegen. Aber so kann er morgen wenigstens wieder fliegen, statt den Discus auf der Strasse sinnlos herumzutransportieren.

170 km kreisloser Endanflug

Mir geht es schon wieder besser. In Plampinet mache ich nochmals ein paar Kreise und gleite mit ca. 140 km/h weiter an die Tête du Peyron zwischen Briancon und St.Crépin. Mit etwas Glück schaffe ich es doch noch nach Hause! Ich kann es kaum fassen, obwohl die Sonne flacher als flach scheint und die Täler kaum noch Licht kriegen, wirft es mich hier nochmals hoch bis auf 3’900 m. Damit müsste ich ja bis an den Parcours kommen. Wenn der schön trägt, reicht es vielleicht? Ich mache am Funk eine kleine Meinungsumfrage. Tom meldet sich und gibt mir knappe, klare Anweisungen. Ich soll direkt zum Morgon fliegen und ihn dort um halb acht treffen. Auf Kretenhöhe. Alles andere wäre Zeitverschwendung, meint er. Ich gebe mir alle Mühe, pünktlich und tief genug da zu sein…

Martin ist ebenfalls noch in der Gegend. Die letzte Stunde verlief unwahrscheinlich schnell und hektisch. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz schwacher Steigwerte bin ich erstaunlich schnell vorangekommen und habe dank der konsequenten Geradeausfliegerei eine Riesenstrecke zurückgelegt. Vielleicht war die Methode meiner beiden Begleiter vom Grand Paradis doch ganz gut. Mit Kreisen verliert man bei diesen Bedingungen wirklich nur Zeit und Höhe. In Bodennähe oder Kretennähe geradeausfliegen bringt hier am meisten. Es benötigt aber auch eine gewisse Angewöhnungszeit.

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Schnellzug am Parcours

Pünktlich und 150 m zu hoch treffe ich Tom am vereinbarten Ort. Aus dem Lautsprecher kommen seine knappen Anweisungen: „Fliege 20 m hinter mir, genau gleich hoch, gleich schnell. Nicht höher, nicht tiefer. Häng Dich an meine Heckflosse und bleibe dran. Auf keinen Fall abhängen lassen…“ Genau das mache ich nun. Ein himmlisches Vergnügen beginnt. Ich entspanne mich und geniesse die folgende Stunde wie im Kino. Jetzt bin ich sicher, nach Hause zu kommen, der Parcours trägt wunderbar. Im Formationsflug, immer mit ca. 120 bis 140 km/h fliegen Tom, Martin und ich im Konturenflug bis zum Coupe. Wir sind noch immer auf 2’200 m Höhe, gleich hoch wie beim Einstieg in diesen Express-Zug am Morgon. Jetzt fächern wir uns auf und suchen die tragenden Linien. Dummerweise habe ich seit dem Iseran kein Wasser mehr drin, diese letzte Phase des Fluges wäre noch schöner und optimaler zu fliegen gewesen.

Die letzten 20 Minuten rasen wir alle drei mit knapp 200 km/h über der Kante des Plateau Valensole entlang nach Vinon zurück. Wir verschenken keinen Meter Höhe. Mit Höchstgeschwindigkeit erreichen wir die den nördlichen Einflugpunkt und ziehen alle drei hintereinander hoch. Nach der Landung bleibe ich einen Augenblick sitzen und versuche, die Stimmung in mir aufzusaugen und diesen grossen Moment festzuhalten. Es gibt derzeit keinen glücklicheren Menschen als mich! Der heutige Tag wird mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben. Es war ganz einfach unbeschreiblich schön!

In passender Atmosphäre – im Dörfchen Ginasservice – geht unter den Platanen spät in der Nacht ein herrliches, fröhliches Fest aller Vinon-Piloten und Begleiter/innen zu Ende. Jeder hat viel zu erzählen. Die Begeisterung schlägt beim Erzählen immer wieder durch. Alle sind wir uns einig. Wir werden nach Vinon zurückkommen. Immer und immer wieder…