Eine Fernflug-Dokumentation von Hans Schreck und Peter Stahl (Segelfluggruppe Siemens München e.V.)
Unterwössen, 17. September 2026 – Mit dem vollwertigen Beitritt Rumäniens zum Schengenraum im Jahr 2025 haben sich für die Allgemeine Luftfahrt neue Möglichkeiten eröffnet: Direktflüge zu kleinen, oft privaten Landeplätzen sind nun ohne die bisher üblichen „Airport of Entry“-Auflagen möglich. Diese Chance nutzten Hans Schreck und Peter Stahl mit der D-KYSI, einer Dimona der Segelfluggruppe Siemens München, für eine mehrtägige Reise von Bayern bis an die Schwarzmeer-Küste – durch die Karpaten, Siebenbürgen (Transsilvanien) und die Walachei.





Motorsegler-Reise durch Siebenbürgen und die Walachei
Reiseroute: Neun Etappen, 18,5 Flugstunden und 3.000 Kilometer
Die Route führte über neun Landeplätze in sechs Ländern (Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien) und umfasste folgende Stationen:
Unterwössen (D) → Prievidza (SK) → Hajdúszoboszló (H) → Sibiu/Cisnădie (RO) → Brașov/Corona (RO) → Tuzla (RO) → Drobeta (RO) → Siófok (H) → Unterwössen (D).
Erste Etappe: Von Bayern in die Slowakei
Am Sonntag im Juli 2025 startete das Duo bei CAVOK-Bedingungen von Unterwössen am Chiemsee. Die erste Etappe führte ostwärts durch die Kontrollzone Salzburg und das Salzkammergut ins Donautal, vorbei am Kloster Melk. Nach drei Flugstunden landeten sie in Prievidza (Slowakei), wo sie Mogas tankten und eine Seltenheit genossen: ein Flugplatzrestaurant. Nach der Meldung eines Flugplans ging es weiter in Richtung Ungarn, wo sie nach Überquerung des Bükki-Nationalparks und der Theiß-Seen in Hajdúszoboszló landeten – einem Segelfluggelände mit angeschlossener Campinganlage direkt neben Ungarns größtem Aquapark, dem HungaroSpa. Hier verbrachten sie den Abend im Thermalbad, bevor es am nächsten Morgen weiter nach Sibiu (Hermannstadt) ging.
Kulturelle Highlights: Sibiu und Brașov
In Sibiu, dem historischen Zentrum der Siebenbürger Sachsen, erkundeten Schreck und Stahl die mittelalterliche Altstadt, die von ungarischen Königen, deutschen Siedlern und der Habsburger Monarchie geprägt wurde. Besonders beeindruckt zeigte sich das Duo von der Vielfalt der Architektur und der lebendigen Geschichte der Stadt. Nach einem Zwischenstopp in Cisnădie Magura, wo sie dank der Hilfe von Ben und Andrea (Betreiber des Fallschirmsprungzentrums BENZOI) sogar Superbenzin organisieren konnten, ging es weiter nach Brașov (Kronstadt). Die Stadt am Fuße der Karpaten besticht durch die Schwarze Kirche – die größte gotische Pfarrkirche südöstlich von Wien – und die Befestigungsanlagen aus dem 16. Jahrhundert. Ein Aufstieg auf den Tâmpa-Berg (per Seilbahn oder zu Fuß) bot einen panoramischen Blick über die Stadt.
Am Schwarzen Meer: Tuzla und die Dobrudscha
Nach einem Weiterflug über die Karpatenausläufer erreichten Schreck und Stahl Tuzla, einen Landeplatz südlich des Regionalflughafens Constanța Mihail Kogălniceanu – der aktuell zur größten NATO-Luftwaffenbasis Europas ausgebaut wird. Hier erlebten sie eine Überraschung: Nach dem Tanken war das rechte Hauptrad der Dimona platt. Dank der Hilfsbereitschaft der ansässigen Air Service Maintenance (die auch die DA20-Flotte der Flugschule betreut) konnten sie den Schlauch flicken und die Reise fortsetzen.
Die nächste Station war Eforie Sud, ein Badeort mit einem der schönsten Strände am Schwarzen Meer. Hier genossen sie die Adria-ähnliche Wasserqualität und die sozialistisch geprägte Strand-Promenade, bevor sie einen Tagesausflug nach Constanța unternahmen. Die Hafenstadt mit ihrer römischen Geschichte, der Carol-I.-Moschee und dem Casino im Stil der Belle Époque (erst kürzlich nach jahrzehntelangem Verfall wiedereröffnet) bot einen Einblick in Rumäniens vielfältige Vergangenheit.
Rückflug: Durch die Walachei und zurück in die Alpen
Nach einem Gewitter in Drobeta, wo sie am jährlichen „Drobeta Fly-In“ teilnahmen, ging es über die Große und Kleine Walachei (Muntenien und Oltenien) zurück in Richtung Westen. Die turbulente Westwindkomponente nach einem Kaltfrontdurchgang reduzierte ihre Ground Speed um 30 km/h, doch die atemberaubende Landschaft der Karpaten und des Eisernen Tors (einem 100 km langen Durchbruchstal der Donau) entschädigte für die Herausforderungen.
Die letzte Etappe führte sie über Siófok (Ungarn) am Plattensee zurück nach Unterwössen. Nach 18,5 Flugstunden und 3.000 Kilometern landeten sie wohlbehalten am Chiemsee – mit unvergesslichen Eindrücken einer Region, die für europäische Piloten noch immer ein Geheimtipp ist.
Praktische Erfahrungen und Tipps für Piloten
- Kraftstoff: In Rumänien bieten viele Verkehrslandeplätze nur Jet A1 an. Ein Motorsegler oder UL ist daher ideal, um auf kleinere, private Landeplätze ausweichen zu können.
- Flugpläne: In Rumänien besteht Flugplanpflicht für fast alle Flugbewegungen, da oft Kontrollzonen tangiert werden. Die Aktivierung und Schließung von Flugplänen bei unbesetzten Plätzen sollte beachtet werden.
- Funk: Die FIS-Funkabdeckung ist in Zentralrumänien und über den Karpaten in niedriger Höhe nicht zuverlässig.
- Hilfsbereitschaft: Trotz bürokratischer Hürden (z. B. nicht reagierende AIP-Kontakte) fand das Duo stets Unterstützung durch das lokale Pilotennetzwerk.
- Ausrüstung: Neben Notfallausrüstung (Signalraketen, Warnwesten) empfiehlt sich Campingausrüstung (Zelt, Schlafsäcke, Erdanker), da viele Landeplätze keine Unterkünfte anbieten.
Fazit: Ein Abenteuer mit Pioniercharakter
Die Reise von Unterwössen ans Schwarze Meer zeigte, dass Rumänien für Motorsegler ein lohnendes Ziel ist – besonders seit dem Schengen-Beitritt 2025. Die Kombination aus atemberaubender Natur, kulturellen Highlights und der Gastfreundschaft der lokalen Fluggemeinschaften machte den Trip zu einem unvergesslichen Erlebnis. Gleichzeitig unterstrich die Reise die Bedeutung von Flexibilität und Vorbereitung, insbesondere in Regionen mit begrenzter Infrastruktur für die Allgemeine Luftfahrt.
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