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Vom Schnupperflug zum Linienpiloten

Wenn Alessandro Rizzo heute im Cockpit einer Embraer von Helvetic Airways sitzt, hat er Hunderte Flugstunden Erfahrung – doch seine Reise in die Lüfte begann ganz unscheinbar: mit einem Geschenk seiner Familie.

„Mein erster Schnupperflug war ein Geburtstagsgeschenk von meiner Schwester – 2011,im Birrfeld“, erinnert er sich. „Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Ich kannte Fliegen nur vom Flugsimulator am Computer.“ Geflogen ist er damals mit Guido Pelliccioli, einem erfahrenen Fluglehrer des Birrfelds. „Er erklärte mir alles im Detail, vom Cockpit bis zur Flugkarte – und plötzlich war ich in der Luft.“ Der Flug dauerte nur 20 Minuten, doch das Erlebnis blieb hängen. Nach der Schule absolvierte Alessandro eine Ausbildung zum Automechaniker und bildete sich zum Diagnostiker weiter. Fliegen? Das rückte in den Hintergrund. Bis er Jahre später wieder zufällig auf die Website des Flugplatzes Birrfeld stiess. „Die Kostenaufstellung für die Pilotenausbildung war immer noch dieselbe wie damals“, erzählt er lachend. „Ich schaute auf mein Konto und dachte mir: Komm, mach’s einfach!“ Er meldete sich an – ohne grosse Ambitionen, einfach aus Leidenschaft. Die Theorie absolvierte er abends, nach der Arbeit, und bald sass er wieder im Cockpit – diesmal mit Fluglehrer Olivier Zumstein.

Obwohl Alessandro aus Zürich stammt, stand für ihn schnell fest, dass er im Birrfeld fliegen lernen wollte. Ihn habe die Fliegerschule sofort überzeugt, sagt er. „Hier gibt es viele erfahrene Fluglehrer, eine grosse Flotte und damit viel mehr Möglichkeiten. Und der Flugplatz selbst bietet eine Freiheit, die man an grösseren Plätzen schlicht nicht hat.“ Während man in Zürich jedes Mal einen Flugplan einreichen und Slots abwarten müsse, könne man im Birrfeld „einfach einsteigen und losfliegen“. Auch die Atmosphäre spielte eine Rolle: „Hier ist es familiär, sympathisch, man kennt sich – das ist eine ganz andere Welt.“

Während der PPL-Ausbildung (Private Pilot License) wurde Alessandro klar, dass Fliegen mehr als ein Hobby war. „Ich wollte das zu meinem Beruf machen“, erzählt er.

Doch der Weg war kein leichter. Er bewarb sich bei Swiss – und fiel am ersten Tag durch. „Ich bin am Mathe-Test gescheitert. Ich war überall überdurchschnittlich – ausser beim Kopfrechnen.“ Statt aufzugeben, fand er bei der Horizon Swiss Flight Academy die passende Lösung: eine modulare Ausbildung bis hin zum ATPL (Airline Transport Pilot License).

„Vierzehn Fächer, Tausende Multiple-Choice-Fragen – das war die intensivste Zeit meines Lebens.“

Nach monatelangem Lernen und Prüfun gen stand fest: Alessandro war bereit für den nächsten Schritt. Das Airline-Training bei Helvetic Airways war der Sprung in die grosse Welt der Aviatik. „Das erste Mal im Jet – das war überwältigend. Du realisierst, dass du jetzt Teil dieser grossen Welt bist.“ Die Simulator-Ausbildung absolvierte er in msterdam – meist nachts. „Unsere Sessions gingen von zehn Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Das war hart, aber eine gute Vorbereitung auf den Linienbetrieb.

Nach rund 50 Simulatorstunden folgte dasLandetraining in Châteauroux (Frankreich) –Alessandros erster echter Jetflug. „Sechs Landungen, leerer Flieger, perfektes Wetter – das war pure Gänsehaut. Der Moment, in dem du merkst: Ich bin wirklich Pilot.“ Nicht jeder Flug ist ruhig. Besonders in Erinnerung blieb Alessandro ein Anflug auf Zürich während eines Sturms: „Zwei Passagiere haben sich übergeben – einer hat es in‘s Säckchen geschafft, der andere nicht. Wir mussten durchstarten und beim zweiten Versuch landen.“ Gefragt nach Lieblings-Destinationen nennt Alessandro keine Grossflughäfen wie Frankfurt oder Amsterdam. „Ich mag kleine Plätze. Heringsdorf auf Usedom, Dubrovnik oder Tirana – dort spürst du das Fliegen. Nicht diese Riesen-Terminals, sondern echte Aviatik. Quelle: ‚Birrfelder Flugpost‚.

„…wäre ich heute kein Pilot“.

Airlines wie die Swiss suchen Piloten. Die Ausbildungsklassen sind nur spärlich gefüllt. Woran liegt das? Ein Gespräch mit einem langjährigen Piloten und einer angehenden Pilotin.

Herr Ammann, warum wollten Sie vor 30 Jahren Pilot werden?
Ammann: Das war ein Kindheitstraum. Ich wusste schon in der fünften Klasse, dass ich Pilot werden will. Die Fliegerei hat mich fasziniert. Aber auch die Technik, die Geschwindigkeit, die unbegrenzten Möglichkeiten.

Und Sie, Frau Feuser. Warum wollen Sie 2024 Pilotin werden?
Feuser: Meine Tante hat als Flugbegleiterin bei der Lufthansa gearbeitet und mich als junges Mädchen auf einen Flug mitgenommen. Ich war sehr fasziniert vom Fliegen und habe schnell gemerkt, das will ich auch machen. Nach dem Abitur habe ich als Flugbegleiterin gearbeitet und konnte mir so ein realistisches Bild vom Job des Piloten machen. Aus verschiedenen Gründen habe ich mich dann für die Ausbildung entschieden. Ich bekomme als Pilotin Einblicke in unterschiedliche Themenbereiche wie beispielsweise Technik, Luftrecht oder Meteorologie. Das macht es für mich zu einem sehr spannenden und abwechslungsreichen Beruf. Ausserdem gefällt mir, dass man mit Menschen zusammenarbeitet.

Ammann: Ein sehr wichtiger Punkt. Die Zusammenarbeit mit Menschen wird als Kapitän nochmals intensiver. Ich führe Menschen, ich kann sie motivieren. Mein Führungsstil prägt das Team für einen Flug. Und es schafft Möglichkeiten, Probleme zu lösen oder – im schlechten Fall – neue zu kreieren.

Da spricht ein Kapitän. Ist das auch Ihr Ziel?
Feuser: Theoretisch habe ich die Wahl. Ich bin nicht verpflichtet, Kapitänin zu werden. Ich glaube aber, dass das das Ziel von jedem und jeder ist. Alle möchten eines Tages vorne links sitzen, ich auch.

Ist das Ihr inneres Verlangen nach Führung?
Feuser: Nein, mir geht es nicht darum, zu führen. Mir geht es ums Fliegen und ums Arbeiten im Team.Ammann: Wenn du Chef werden willst, suche dir einen Beruf im Management. Wenn du die Faszination Fliegen erleben möchtest und dich das fesselt, werde Pilotin. Ich habe mir nie solche Gedanken gemacht. Ich wusste, ich will fliegen. Ob ich Kapitän werde, habe ich mir nicht überlegt.

Sie haben sich weniger überlegt, und Sie haben weniger Erfahrung im Gepäck gehabt. Ist das der Unterschied zu den heutigen Anwärterinnen und Anwärtern?
Ammann: Ich bin einfach meiner Passion gefolgt und habe alles dafür gegeben, dies zu erreichen. Heute müssen die Jungen mehr finanzielle Mittel einbringen, was zu einer vertiefteren Beurteilung des Berufes führt. Hätte ich mit 20 Jahren so viel für die Ausbildung bezahlen müssen, wäre ich heute kein Pilot. Insofern verstehe ich, wenn heute viele Leute mit Berufserfahrung die Ausbildung beginnen, da sie Ersparnisse mitbringen müssen.

Gemäss Schätzungen der Branche werden etwa 42 Prozent der derzeitigen Piloten innerhalb des nächsten Jahrzehnts in den Ruhestand gehen. Der Swiss fehlen bald noch mehr Piloten als ohnehin schon. Dazu kommt die teure Ausbildung.
Ammann: Das ist ein Problem, welches die Swiss beurteilen muss. Die Ausbildungskosten haben aber auch positive Aspekte, man setzt sich dadurch ernsthaft mit dem Beruf auseinander, bevor man sich anmeldet. Persönlich würde ich es begrüssen, wenn die finanzielle Beteiligung tiefer wäre, ähnlich wie bei Studierenden.

Feuser: Ich finde es schade, dass der finanzielle Hintergrund ein ausschlaggebendes Kriterium dafür ist, ob man sich für diese Ausbildung entscheiden kann oder nicht. Dadurch müssen die Airlines auf qualifizierte Bewerber verzichten, die einen Mehrwert bieten könnten. Gleichzeitig verstehe ich, dass das Training an einer Flugschule hohe Kosten mit sich bringt.

Entschuldigung, aber welcher junge Mensch kann nebenbei mal 35 000 Franken zahlen?
Feuser: Ohne eigene Ersparnisse ist das sehr schwierig, das stimmt. Da ist man auf finanzielle Hilfe angewiesen.
Ammann: Die Frage ist schwierig zu beantworten. Natürlich verhindern die Ausbildungskosten, dass eine 18-Jährige eine Pilotenausbildung beginnen kann. Sie kann vielleicht erst mit 26 Jahren starten. Das finde ich schade, auch aus Unternehmenssicht, weil so der Einstieg erst später erfolgen kann und einige Jahre eines Talentes ungenutzt verschwendet werden.

Neben der teuren Ausbildung bringt der Job auch den Ruf als Klimasünder mit. Könnte der Mangel an Piloten damit zusammenhängen?
Feuser: Nein, das glaube ich nicht. Vor allem, weil die Swiss sehr viel für nachhaltigeres Fliegen unternimmt. Die Flotte wird laufend erneuert, wir bekommen den Airbus A350-900. Dieser ist sparsamer und ökologischer. Auch nachhaltiger Treibstoff ist für die Swiss ein grosses Thema.

Sie beide müssen sich im Freundeskreis nie für Ihren Beruf rechtfertigen?
Feuser: Bisher nicht.
Ammann: Ab und zu ist dies in Diskussionen ein Thema. Doch schliesslich befriedigen wir ein Bedürfnis von Menschen, die fliegen wollen. Die heutige Technik ist das Beste, was uns zur Verfügung steht. Doch natürlich beschäftigt mich das Thema.

Würden Sie anders auf Ihren Beruf schauen, wenn Sie am Anfang Ihrer Karriere stehen würden?
Ammann: Nein. Ich akzeptiere, dass das Leben von uns Menschen auf der Erde irgendwo einen Abdruck hinterlässt. Wir können uns bemühen, diesen so klein wie möglich zu halten. Ich versuche mit meinen Möglichkeiten Positives zu bewirken. Ich bin Pilot und habe deswegen kein schlechtes Gewissen.

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Salär? Seit dem neuen Gesamtarbeitsvertrag verdienen Sie sogar noch etwas mehr.
Ammann: Ich finde, es ist ein angemessenes Salär, das den Aufgaben und der Verantwortung entspricht.
Feuser: Das sehe ich genauso. Gerade im Hinblick darauf, dass die Ausbildung kostenintensiv ist, kommt man mit dem Gehalt nach der Ausbildung gut zurecht. Quelle / vollständiger Bericht: ‚NZZ, Neue Zürcher Zeitung‚.