Mehr Vorschriften bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit. Das zeigt eine Analyse zur Allgemeinen Luftfahrt, die das Konzept der «regulatorischen Unsicherheit» untersucht.

Autor des französischsprachigen Original-Artikels: Jean-Gabriel Charrier, Mentalpilote
In risikobehafteten Tätigkeiten gilt Regulierung als zentrales Sicherheits-Instrument. Normen, Verfahren und Kontrollpflichten setzen einen verbindlichen Mindeststandard und begrenzen gefährliche Improvisation. Doch eine Regel erzeugt Sicherheit nur dann, wenn sie von den Betroffenen verstanden, akzeptiert und im Alltag gelebt wird.
Die französische Studie *Icare enchaîné ou l’insécurité réglementaire* am Beispiel der Allgemeinen Luftfahrt zeigt, dass Regulierung auch gegenteilige Effekte haben kann. Wird eine Vorschrift als bürokratisch, praxisfern oder von oben auferlegt empfunden, verliert sie ihre eigentliche Funktion. Statt Risikobewusstsein zu fördern, erzeugt sie formale Konformität: Die Regel wird eingehalten – oder umgangen –, ohne dass die Verbindung zum realen Risiko noch hergestellt wird.
Zwei Sicherheitskonzepte
Die Autoren unterscheiden zwei grundlegende Ansätze. Die regelbasierte Sicherheit setzt auf externe Vorgaben, Kontrolle und Pflichten. Die angeeignete Sicherheit hingegen entsteht, wenn die Akteure das Risiko selbst verstehen, konkrete Situationen diskutieren und Anomalien zurückmelden. In diesem Fall wird die Regel nicht abgeschafft, sondern sinnvoll eingebettet: Sie unterstützt Entscheidungen, anstatt sie zu ersetzen.
Regulatorische Unsicherheit entsteht genau im Zwischenraum: Die Vorschrift existiert, wird aber von den Anwendern nicht mehr mit dem tatsächlichen Risiko verknüpft. Konformität verdrängt Wachsamkeit.
Gegenseitiges Misstrauen
Eine Begleitstudie beleuchtet die Perspektive der Regulierungsbehörden. Auch dort besteht Unsicherheit – nämlich darüber, ob die Akteure in der Lage sind, sich selbst zu regulieren. Die Folge ist eine klassische Spannung: Piloten und Betreiber empfinden die Vorschriften als zu komplex und praxisfern; die Behörden befürchten, dass Lockerungen die Sicherheit gefährden. Beide Seiten misstrauen einander, und in diesem Raum verliert die Regel ihre primäre Funktion.
Relevanz über die Luftfahrt hinaus
Die Schlussfolgerung gilt nicht nur für die Aviatik. In allen sicherheitskritischen Bereichen stellt sich dieselbe Frage: Erzeugen die geltenden Vorschriften tatsächlich Sicherheit – oder nur Konformität?
«Regulatorische Unsicherheit entsteht, wenn die von Institutionen vorgeschriebene Sicherheit mit der Sicherheit in Konflikt gerät , die von den Akteuren vor Ort gelebt, verstanden und praktiziert wird.»
Die Antwort liegt nicht in mehr Regeln, aber auch nicht in deren Abschaffung. Entscheidend ist, ob Vorschriften praxisnah, verständlich und glaubwürdig genug sind, um von den Betroffenen wirklich übernommen zu werden.

