Zehn Zentimeter fehlten

Jeder Sportler hat Wettkämpfe, die ihm in Erinnerung bleiben. Wir erzählen diese Geschichten in unserer Serie „Die sportliche Leistung meines Lebens“. Heute: Segelflieger Andreas Wagner aus Eschwege. Wie der Vater, so der Sohn. Dieser Spruch bringt es auf den Punkt, wenn Andreas Wagner von seinem größten sportlichen Hobby, dem Segelflug, erzählt. Denn Vater Heinz, einer der Pioniere des Eschweger Luftsports, vermittelte seinen Kindern schon früh die Begeisterung am Fliegen. „Ich bin praktisch auf dem Staufenbühl aufgewachsen“, erinnert sich der 61-Jährige gern an seine Jugendzeit, während der er viele Wochenenden und Stunden mit seinen Geschwistern Martin und Sabine auf dem Vereinsgelände des 1950 gegründeten Eschweger Luftsportverein (ELV) verbrachte.

Mit dem Erreichen des Mindestalters von 14 Jahren war es endlich soweit, die Ausbildung zum Erwerb des Luftfahrerscheins für nichtmotorgetriebene Luftsportgeräte konnte beginnen. Fluglehrer wie Kalli Reinl, Fritz Koch, Hans Bräutigam und der eigene Vater begleiteten den flugbegeisterten Teenager auf seinem Weg durch die Ausbildung. Diese gliederte sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Die theoretische Ausbildung umfasst dabei: Luftrecht, einschließlich Durchführung des Sprechfunkverkehrs, Navigation, Meteorologie Aerodynamik, allgemeine Luftfahrzeugkenntnisse, Technik und pyrotechnische Einweisung, Verhalten in besonderen Fällen und menschliches Leistungsvermögen. In der praktischen Prüfung musste der Flugschüler nachweisen, dass er die notwendigen Verfahren und Manöver beherrscht. Mit einem 50 Kilometer Alleinflug von Eschwege nach Dörnberg-Zierenberg wurde dann die letzte Hürde genommen, bevor der begehrte Schein in Empfang genommen werden konnte. „Es war ein toller Augenblick und ich erinnere mich noch genau, als ich das erste Mal allein geflogen bin. Das war ein Herzklopfmoment“, hat er auch 45 Jahre später den Moment noch genau vor Augen.

Andreas Wagner wurde am 25. September 1959 in Eschwege geboren. Der waschechte Dietemann ist mit Ehefrau Ute verheiratet und dreifacher Vater. Die SV 07 Eschwege, in der er heute noch für die Alten Herren gegen den Ball tritt, und der Eschweger Luftsportverein prägen das Leben des Sparkassenfachwirts, der seit vielen Jahren bei dem heimischen Kreditinstitut beschäftigt ist. Handballspiele des ETSV und Wandern gehören zu den weiteren Hobbys des eingefleischten HSV-Fans. Noch stärker ist jedoch seine Erinnerung an die Teilnahme zur Endausscheidung des Manfred-Formhals-Gedächtnispokals der hessischen Luftsportjugend. Die Teilnehmer des Landesentscheides in dem bis heute existierenden Wettbewerb, deren Beste sich für den Bundesentscheid qualifizierten, wurden dabei zunächst in mehreren Vorentscheiden ermittelt. In Sontra sicherte sich Wagner mit einem ausgezeichneten zweiten Platz die Qualifikation zum Landesentscheid, der auf seinem Heimatgelände, dem Eschweger Staufenbühl, ausgetragen wurde. Und auch hier lief es für den Flugbegeisterten zunächst perfekt. „Auf drei Flüge verteilt, musste jeder Teilnehmer verschiedene Programmpunkte wie Ziellandung, Kreiswechsel, Slip absolvieren, die von den Punktrichtern bewertet wurden. Ich hatte einen Supertag erwischt, lag nach zwei von drei Durchgängen in Front und war dem Bundesentscheid ganz nah“, so der Dietemann, ehe die letzte Ziellandung des Tages ihn zum Verhängnis werden sollten. „Eigentlich hätte ich nur im Zielfeld landen müssen, doch ich wollte es wohl zu genau machen“, schmunzelt er heute über sein Missgeschick. Damals war ihm weniger zum Lachen zumute, als er das Zielfeld um zehn Zentimeter verfehlte und dadurch von Platz eins auf Platz neun zurückgeworfen wurde. Bundesentscheid ade, doch die Liebe zum Segelflug blieb.

Nicht nur als Pilot, sondern seit 1982 auch als Kassierer und seit nunmehr 15 Jahren auch als erster Vorsitzender ist er einer der Motoren des Vereins, der heute 47 aktive und 92 passive Mitglieder umfasst. „Möglich ist so etwas nur, wenn auch die Familie mitzieht“, adressiert Andreas Wagner einen großen Dank an Ehefrau Ute, auf deren Unterstützung er immer bauen konnte und auch die Kinder Jonas, Jana und Lea haben mehr als ein Wochenende auf dem Segelflugplatz verbracht und sich von der Faszination anstecken lassen. „Jeder Flug ist etwas Besonderes, immer wieder erlebt man etwas Neues“, will der das Fliegen nicht missen. Genauso wenig wie die Geselligkeit die im Leben des in der Heimat verankerten Vereins großgeschrieben wird, der zudem – worauf er besonders stolz ist – über eine große Jugendgruppe verfügt.

Aber nicht nur beim Fliegen, sondern auch im heimischen Fußball machte sich Wagner einen guten Namen. „Das erste Mal vor den Ball getreten habe ich mit 21 Jahren. Manfred Lister hat mich damals mitgeschleppt, weil in der zweiten Mannschaft der SV 07 Eschwege Spieler gefehlt haben“, verzeichnete Wagner einen ungewöhnlichen Start als Fußballer. Und die Faszination packte ihn schnell. Nach wenigen Wochen debütierte er in der „Ersten“ der Dietemänner und war fortan über viele Jahre hinweg als Leistungsträger und Spielführer auf der Torwiese aktiv. Und auch hier ist ihm ein Erlebnis in besonderer Erinnerung geblieben. „1989, direkt nach der Wende, haben wir gegen Union Mühlhausen gespielt vor knapp 900 Zuschauern. Die Unioner waren zu dieser Zeit in die 2. Liga aufgestiegen, wir haben uns allerdings beim 2:3 hervorragend verkauft. Es war eine fantastische Stimmung auf dem Sportplatz unter Flutlicht und bereits vor dem Anpfiff war das Bier alle. Die Union- Fans haben einfach alles aufgekauft und ihre Trabbis bis unters Dach vollgepackt“, erinnert er sich auch gerne an diesen zweiten sportlichen Höhepunkt in seinem Leben zurück. Quelle: ‚HNA‚.

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