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Kreuz und quer durch Mitteleuropa (3)

Hier finden Sie die Berichte über die bisherigen Etappen der Luftwanderung:
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Autor Holger Leicht

27.6. Nach Frankreich mit dem Solo
Die anfängliche Hoffnung, südlich um Zürich ins bessere Wetter zu kommen, hielt nicht lange. Eigentlich hatte es ganz gut angefangen – sogar mit persönlicher Skyguide-Betreuung durch Bastian. Leider war dann die Abschirmung zu stark für Thermik, aber der Wind zu schwach für den rettenden Hangwind. Also – Vögel flattern ja auch mal…..

Aber nicht genug, es gab ungeklärte Missverständnisse mit dem Controller von Emmen, worauf der nicht mehr mit sich reden ließ und wir den rettenden Bart verlassen mussten. Naja…. Wenn die Vögel auch ab und zu flattern….

Anschließend trafen wir zu viel Nordwind im Jura. Naja, Vögel – flattern ja auch mal.
Und zu guter Letzt war auch noch Belfort wegen einer Veranstaltung geschlossen (neben dem Platz, am Platz selbst war weit und breit nix zu sehen), und die Motor-Flieger, die wir im Funk erreichten, waren auch nicht sonderlich kooperativ. Sehr schade….

Deshalb weiter über den Grand Ballon (der höchste Berg in den Vogesen heißt wirklich so) nach Colmar. Dort wurden wir von Jutta sehr freundlich betreut, zum Essen gefahren und begleitet. Und konnten dann im Vereinsheim schlafen. Doch noch ein versöhnlicher Tagesausgang. Und dank ihres Hinweises, besser auf Gras zu landen, haben wir uns die Landegebühren gespart. Der Rückweg mit den Fliegern an den Start war dann aber am nächsten Morgen doch ganz schön mühsam. Nur mit Freigabe vom Tower über Funk und auch erst, wenn weit und breit kein Verkehr in Sicht ist. Da war die erste Stunde des Tages schon fast rum…

28.6. Durch Frankreich nach Nidda
Am nächsten Tag dann ab in die Vogesen, bzw. darüber hinweg Richtung Nancy. Bis nach Luneville, einem (scheinbar) sehr schönen Städtchen, sogar mit Flugplatz, Die Vogesen entschuldigten sich quasi für die schlechte Thermik und die Turbulenz am Tag davor. Und von da ging’s nach Norden durch das Saarland und die Pfalz inklusive Querung der TMA Hahn bis an den Luftraum von Köln-Bonn und dann nach Westen an die Nordostecke des Frankfurter Luftraums bei Fulda. Das Panorama auf die Skyline von Frankfurt gab’s bei klarer Sicht gratis.

In Gedern war zwar der Flugplatz neu eingesät und tabu, aber Nidda war die Alternative (auf dem Helmsberg – der Name kommt nicht von ungefähr, der Platz liegt ganz schön am Hang). Dort hatten wir schon eine Lande-, Übernachtungs und Abendessen-Möglichkeit vereinbart. Voller Schlaf- und Shuttle-Service von Marcus inklusive Abendessen beim Polterabend von Thomas. Wir also quasi als Party-Crasher.

29.6. Durch Sauerland und Bergisches Land nach Belgien
Tags drauf dann schön vorsichtig bei tiefer blauer Basis nach Norden an die schönen Wolken und dann durch den Sektor zwischen Köln-Bonn und Düsseldorf nach Westen.
Über extrem besiedeltes oder wegen viel Wald unlandbares Gelände mit zahlreichen Stauseen und Städten wie Marburg, Attendorn, Lüdenscheid, Meinerzhagen, Hagen, Wuppertal, Radevormwald, Remscheid, Hilden, Solingen, Dormagen dann zwischen Leverkusen und Düsseldorf in Richtung des nicht zu übersehenden großen Lochs (Braunkohletagebau Hambach). Vorbei an Aachen auf direktem Weg nach Belgien in die Ardennen und vorbei an Malmedy, Spa (inklusive Rennstrecke), Stavelot und La Roche nach St. Hubert. Ein Ziel, dass schon allein wegen des komplexen Luftraums eine Herausforderung ist. Aber Vorbereitung ist ja bekanntlich alles – und natürlich die richtigen Karten.

Auf dem Weg dahin viele kleine Städtchen mit vielen kleinen Schlösschen, die eine ganz andere Architektur haben, als man es von uns kennt. St. Hubert ein sehr schöner Platz (Sitz des Belgischen Segelflugverbandes CNVV) mit nem wunderschönen, kleinen, typisch belgischen Städtchen, in das wir zum Abendessen mitgenommen wurden. Auch hier waren wieder alle sehr sehr gastfreundlich, nett und hilfsbereit. Phil, der mir schon seit Jahren die Tücken des Luftraums vermittelt, hatte uns sogar zwei Zimmer zum Übernachten organisiert. Und im Landeanflug wusste der Tower schon Bescheid. Toll!

30.6. Ans Meer – oder doch lieber Pirmasens?
Leider war das Wetter am Tag danach nicht so gut wie vorhergesagt und wir mussten den Plan, an den Atlantik zu kommen, schon ein gutes Stück vor Lille begraben und drehten dann mit Ziel Pirmasens um. Vorbei an Aulnoye-Aymeries, Maubeuge und Mitten durch die TMA von Luxemburg, was wieder mal kein Problem war. Die Controller dort kennen sich mit Segelfliegern wohl gut aus. In der Pfalz stand uns dann das Luxus-Vereinsheim mit kompletter Infrastruktur zur Verfügung und es mangelte an nichts. Markus fuhr mit uns Essen und Manfred brachte tags drauf sogar das Frühstück. Ein Traum. Nur die Thermik am nächsten Tag, hat irgend jemand vergessen zu bestellen…

1.7. Jojotag nach Aachen
Bis die Thermik dann aus dem Quark kam, war es schon halb 2 und die Wolken entwickelten sich – wie sollte es anders sein – in der ganz falschen Richtung. Also Planänderung und einfach den Wolken hinterher Richtung Aachen. Die Luft brannte dann förmlich und das Wetter war schon fast afrikanisch. Um nicht zweimal am gleichen Platz aufzuschlagen, war der Plan, bei Jannis auf der DM in Lachen-Speyerdorf vorbeizuschauen. Bei Gösta hatte allerdings Aalen erhöhte Gravitation entwickelt und er flog direkt nach Hause. Der Sprung über die letzten Buckel des Pfälzerwald wurde dann aber doch noch bissl knapp. Und mit jedem Meter tiefer ins Rheintal stiegen die Temperaturen ins Unermessliche. Bestens versorgt wurde ich dann vom EP-Team und bei den Temperaturen (die auch afrikanisch waren) habe ich dann einfach vor dem Wohnwagen im Freien geschlafen. Wunderschön….. Und das allerbeste: Es gab einen kleinen Pool…

2.7. Heimflug mit Umweg über den Nordosten
Am Tag, bevor das Wetter richtig schlecht wurde, wollte ich trotzdem nicht nur die paar Kilometer nach Malmsheim fliegen. Schließlich galt es ja auch noch die Rangliste im Wandersegelflug zu erobern. Also einfach nochmal die beste vorhergesagte Linie nach Nordosten. Bei Basishöhen bis 3000m bis kurz vor Jena und wieder heim. Ein toller Abschluss einer großen Runde.

4./5.7. Pilsen zum Zweiten
Nach einem Tag Pause daheim dann doch nochmal eine Verlängerung. Was am Tag davor noch komplett blau aussah, war morgens in Skysight plötzlich ohne Fragezeichen mit bester Wolkenthermik und hoher Basis vorhergesagt. Und weil die Vorhersage förmlich dazu einlud und Stefan unbedingt auch mal nach Letkov wollte, ging der Wandersegelflug also weiter (und nein, nicht wg. des Biers). Morgens spontan die Wandersegelflug-Sachen wieder eingepackt und los gings. Stefan bei Blumberg eingesammelt und dann im DG-Geschwader mit schnellem Schnitt nach Tschechien.
Und zur Krönung ließ uns Praha Radar sogar noch weit in die TMA bis an den Stadtrand von Prag. In Pilsen waren dann Stadt und Leute auch beim zweiten Besuch wieder superklasse. Und der Heimflug lief fast so gut wie der Hinweg – bis auf die letzten Kilometer. Langen liess ausnahmsweise auch nicht mit sich reden, also auch noch um den Luftraum von Stuttgart rumgezirkelt. Aber trotzdem ohne Motor heimgekommen.

10./11/12.7. Über die Alpen nach Reims
Nach einer weiteren Pause sah dann das Wetter Richtung Alpen ganz gut aus. Also aufs Neue los übers Allgäu in die Bayrischen Alpen. Selten so gut und schnell hin und rein gekommen. In den Bergen selbst sah es eher nach tiefer Basis aus. Aber je weiter man reinkam, desto weiter stieg sie an. Die Qualität der Thermik lies aber weiter zu wünschen übrig.

Wind und Sonne aus gegensätzlichen Richtungen wird irgendwie nicht mehr meine bevorzugte „Konfiguration“ in den Bergen. Schön war es trotzdem und ich konnte abends dann bei Ebi in Hilzingen im Vereinsheim sehr gemütlich übernachten. Obwohl er nicht mehr so ganz überzeugt war vom Städtetrip nach Reims, lief morgens dann fast alles nach Plan, nur der Jura war leider zu spät dran für uns (oder wir zu schnell?). Vom Schwarzwald aus waren da keinerlei Quellungen erkennbar. Im Gegenteil sogar noch ne schöne Inversion. Also umentschieden und lieber den (vermeintlich) viel näher liegenden Wolken im Rheintal Richtung Vogesen gefolgt. Jura wäre ja eh nur Umweg gewesen.

Leider war die Rheinebene mal wieder viel breiter als gedacht, die Wolken standen doch erst hinter den ersten Bergen in Frankreich. Zum Glück war die Freigabe auf kürzestem Weg rüber bei Bale Information kein Problem. Und schon kurz vor bzw. dann an den ersten Vorbergen südlich Colmar kam sachtes Steigen. Das reichte aber, um sich im Blauen ins höhere Relief reinzubasteln – und an die Wolken ran.

Ab da war alles ganz einfach. Je weiter man nach Frankreich reinkam, desto homogener wurde das Wetter. Kein Hammer-Steigen, aber jede Wolke hat funktioniert und immer vernünftiges Steigen geliefert. So gleichmäßiges Wetter erlebt man in Deutschland mit den ganzen Mittelgebirgen und unterschiedlichen geologischen Verhältnissen selten (eigentlich nie).

Je weiter man nach Westen kam, desto flacher (und eigentlich auch langweiliger) wurde die Landschaft. Aber architektonisch immer wieder spannend. Und das Beste: der ganze Luftraum im Grand-Est schreckt wohl fast alle anderen ab. Erst ab der Champagne gab’s wieder ein paar Segelflieger, meist lokal von Reims und den umliegenden Plätzen. Aber sonst weit und breit kein VFR-Verkehr. Und die Überraschung nach der Landung: auf Gras keine Landegebühren. Die Stadt selbst war dann in 10min per Uber erreichbar und wunderschön. Wirklich eine Reise wert. Nur den versteckten Pool haben wir erst beim Gehen bemerkt…

Der Rückweg war dann zäher, ging aber trotzdem problemlos. Je weiter man nach Westen kam, desto weiter stieg die Basis. Die Militärplätze St. Dizier, Ochey, Etain und der Flughafen Metz-Nancy-Lorraine und Co nicht aktiv. Das macht es deutlich einfacher…

Zusammenfassung:
20 Tage Wandersegelflug, 18 Tage davon mit Flugplan.
9.000km zurückgelegt (mit nem Spritverbrauch von 0,75l/100km).
7 Länder (und das achte durchquert) und fast alle Ziele wie geplant erreicht.
Bis auf zwei Tage immer da angekommen, wo wir morgens hin wollten.
Von Hotel über Pension, Wohnwagen, Matratzenlager, Vereinsheim-Tisch, Boden, bis hin zum Schlafen im Freien, war alles dabei. Zelt nie gebraucht, aber es war ein gutes Gefühl, eines dabei zu haben.

Das Wetter hätte kaum besser sein können. Auch wenn die Wetterplanung für mich bei solchen Unternehmungen das schwierigste überhaupt ist. Beim Wandersegelflug erlebt man Dinge, die mit Geld nicht zu kaufen sind. Wahnsinnige Gastfreundschaft, endloses Vertrauen. Vereinsheime, die einem zur Verfügung gestellt und offengelassen werden. Autos und Fahrräder, die man nutzen darf. Bilder und Eindrücke, die unvergesslich sind.

Menschen, die man kennenlernt und Freundschaften, die daraus entstehen. Zusammengefasst, das Schönste, was man im Segelflug erleben kann.

Was beim Wandersegelflug aus meiner Sicht extrem wichtig ist:
Möglichst vorher herausfinden, ob es Sprit, Abendessen, Übernachtungsmöglichkeit und Frühstück gibt. Möglichst einen Platz wählen, auf dem es viel Segelflug gibt oder man persönliche Kontakte hat. Anflugblätter und Notams der Zielflugplätze prüfen. Wetter so weit wie möglich im Voraus im Blick behalten, ggf. auch mit längerfristigen „Fußgänger-Wetterberichten“.