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Ab ins gute Wetter – und zurück ins schlechte (3)

-> Rückblick auf die erste und zweite Pfingst-Wandersegelflug-Etappe.

Für den Heimflug am Pfingstmontag gab es verschiedene Varianten. Westlich um Stuttgart oder östlich? Wenn östlich, dann auch östlich um Frankfurt. Westlich um Stuttgart führte zur nächsten Weggabelung, und der Frage, westlich oder östlich um Frankfurt? Hier westlich zu bleiben, eröffnete wiederum die Wahl westlich oder östlich um Köln zu fliegen. 

Autor: Martin Knops

Ich entschied mich für den Schwarzwald und dafür westlich von Stuttgart zu bleiben. Weiter sollte es bei Mannheim über den Rhein, östlich am Hunsrück vorbei und über den Westerwald und das Siegerland nach Hause gehen.

Kein Anschluss vor 13 Uhr
Alb und Schwarzwald würden mit hochreichender Wolkenthermik gesegnet sein, der Rest war blau und tief prognostiziert. Mit zügigem Vorankommen war nicht zu rechnen, vielmehr müsste mich nach dem Ausflug aus dem Schwarzwald vorsichtig und langsam nach Hause tasten. Knapp 500 km lagen einschließlich der unvermeidlichen Umwege vor mir. Machbar trotz allem. Meine erste Sorge war, zu früh zu starten, damit zu früh aus dem Schwarzwald ins Rheintal abzugleiten und dort keinen Thermikanschluss zu finden. 13 Uhr war hier die kritische Marke. Vor 13 Uhr sollte ich nicht mit Thermik außerhalb von Alb und Schwarzwald rechnen. 

Eilig hatte ich es am Morgen entsprechend nicht. Gemütlich Frühstücken, Flieger fertig machen – und dann konnte ich mich gar nicht dagegen wehren, auf Startplatz 1 gestellt zu werden. Ich hätte ja noch so einen weiten Weg vor mir… und so war ich sogar acht Minuten vor der frühesten angepeilten Startzeit in der Luft. Um 10:52 um genau zu sein. Abgesehen von der Tatsache, dass die Flügel-Vorderkanten sofort anfingen, sich zu schwärzen: es konnte ja kein Fehler sein, früh in die Luft zu kommen. Langsam tastete ich mich nach Südwesten Richtung Albstadt vor. Der Thermikbeginn lag schon hinter uns und es bildeten sich bereits Flusen, etwas später auch ausgewachsene Cumulanten. Direkt neben dem ED-R132 Meßstetten stieg ich unter einer herrlichen Wolke auf 2600 m. Ich blickte auf den großen Truppenübungsplatz Stetten am kalten Markt und dachte an meinen Vater, der immer nur von „Stetten am kalten Arsch“ sprach – klassischer «Telling name». 

Knüppel nach vorn im Schwarzwald
Von hier hieß es erstmal Gleiten. Weit Gleiten! Der Weg in den Schwarzwald ist lang und zwischendurch war ich nicht sicher, ob ich die ersten Wolken bei Musbach erreichen würde. Schließlich kam ich in 600 m über Grund an. Eigentlich komfortabel, aber zwischenzeitlich schwer einzuschätzen. Nun ging es in jedem Fall wieder mit Verve hinauf. Der Schwarzwald brannte und bald musste ich den Knüppel nach vorne drücken, um nicht in die Wolkenstrasse hineingesaugt zu werden. Leider währte das Vergnügen nicht lang und bald wurde ich aus dem Paradies verstoßen. Wölbklappe auf 3, Trimmung nach hinten und langsam Vortasten in die tote Luft über Kraichgau und Rheintal.

Dümpeln im Spessart
Irgendwann erkannte ich in weiter Ferne wie eine Fata Morgana Cumuluswolken über dem Odenwald. Die sollten dort laut Wetterbericht gar nicht sein! Nehmen wir gerne mit! Tatsächlich erreichte ich die Wolken knapp und entschied mich, ihnen nach Osten zu folgen, und somit meinen ursprünglichen Plan, westlich um Frankfurt zu fliegen, aufzugeben. Das Glück währte allerdings nicht lang und bald dümpelte ich im Spessart in schwacher niedriger Blauthermik. Hier kam ich erstmals auf meinem Wandersegelflug auf die Idee, die Copilot App zu öffnen – Nein, nicht die KI von Microsoft, sondern die App von Weglide. Böse Zungen behaupten, damit könne nun jeder Depp fliegen.

Sichtbare Thermik
Neben vielen anderen Features ermöglicht die App – Mobilfunkempfang vorausgesetzt – aktive und vor kurzem aktive Aufwinde auf einer Karte zu sehen. Einschließlich Steigwerten! Der lang gehegte Segelfliegertraum wird damit wahr: endlich kann man die Thermik sehen! Wie alles, so ist auch dies natürlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits besteht mittlerweile im Cockpit die Gefahr des Informations-Overflows. Man muss aufpassen, dass man von all den Helfern, all den digitalen Informationen nicht vom Fliegen abgelenkt wird. Was ist gerade wirklich hilfreich? Was unterstützt mich bei wichtigen Entscheidungen? Und was ist unnötige Zusatzinfo, nice to have und nur ablenkend? Andererseits: Copilot sammelt die Live-Daten aller Segelflieger. Da, wo ich nun unterwegs war, gab es aber keine anderen Segelflieger. Allein das hätte mir zu denken geben sollen 🙂 Die anderen werden schon wissen, warum sie heute nicht über den Spessart flogen… in jedem Fall: ohne Segelflieger keine Daten und ohne Daten keine angezeigten Aufwinde. Die App brachte mir also gerade wenig. So kämpfte ich mich alleine weiter. Von Aufwindchen zu Aufwindchen. Über dem Vogelsberg lockte in weiter Ferne eine Dunstkappe. Mir war aber klar, dass ich diese nicht oder nur äußerst knapp erreichen würde. Also versuchte ich, auf dem Weg jedes Lüftchen mitzunehmen, kreiste hier, kreiste dort, letztlich ohne signifikanten Höhengewinn – und so erreichte ich den wunderbar am Hang des Vogelsbergs gelegenen Segelflugplatz Hoherodskopf knapp über Landehöhe. Hier schien es tatsächlich hoch zu gehen. Aber ich packte es irgendwie nicht, brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um irgendwann doch an Höhe zu gewinnen. Endlich wieder in luftiger Höhe ließ ich mich vom „Copilot“ nach Marburg locken. Hier wurde mir ein Aufwind angezeigt. Doch als ich den Auslösepunkt nach langem Anflug erreichte, war dieser Aufwind längst Geschichte und ich musste den Motor ziehen. Wie war das noch mit dem zweischneidigen Schwert… «hätte, wäre, wenn» hilft nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich auf dem ursprünglich von mir favorisierten Flugweg bessere Chancen auf Anschluss gehabt hätte… 

Aufwindige Kalamitätsflächen
Zu allem Überfluss drohte sich jetzt zu rächen, dass ich mit halbleerem Tank gestartet war: ohne weitere Thermik würde ich es nicht nach Hause schaffen! So fuhr ich nach einigen Minuten im Jet-Modus den Motor wieder ein. Da drüben kreisten zwei Bussarde. Hier würde es wieder hochgehen – leider veräppelten mich die beiden Kameraden aber – Grrrr. Also weiter: dahinten über der Kalamitätsfläche – davon gibt es im Sauerland leider viel zu viele – da muss es doch hochgehen! Und tatsächlich: der Bart des Tages! Rund, stark und bis in ungeahnte Höhen reichend. Plötzlich hatte ich Endanflughöhe und schwebte eine Dreiviertel Stunde später glücklich in Langenfeld ein. Drei wundervolle Flugtage voller Eindrücke und Erlebnisse lagen hinter mir. In Langenfeld hatten sie derweil nur gestöhnt über Hitze und fehlende Thermik. Wie gut, dass ich mich auf das Abenteuer eingelassen hatte!

-> Flugdaten.

Ab ins gute Wetter – und zurück ins schlechte (1)

Wandersegelflug ist eine wunderbare Sache! Aber es ist auch eine Wundertüte, auf die man sich einlassen muss. Wer das Unvorhergesehene, das Unplanbare und die damit verbundenen Überraschungsmomente liebt, der wird Wandersegelflug lieben. Derjenige, für den jede Planabweichung Stress bedeutet, bleibt lieber zu Hause. 

Autor: Martin Knops

Offensichtlich gehöre ich zu der ersten Fraktion und liebe es zwei, drei oder wie letztes Jahr acht Tage von Flugplatz zu Flugplatz zu fliegen und am Ende wieder am Startplatz einzuschweben. 

Vom Wetter zur Packliste
Auch wenn so eine Reise angesichts der vielen Unbekannten nicht planbar ist – Planung gehört dazu, Planung ist sogar essentiell! Wer nicht plant, der wird kaum erfolgreich sein. Das fängt bei der Wetteranalyse an, geht mit der wetterangepassten Flugroute und den Landeoptionen weiter und hört bei der Packliste noch nicht auf.

Pfingsten sollte es für mich mal wieder losgehen: langes Wochenende und passendes Wetter – wobei letzteres bei näherer Betrachtung leider nicht so eindeutig gut war. Nach einer ungewöhnlich kalten ersten Maihälfte schwitzte Deutschland mittlerweile unter einer hochsommerlichen Hitzeglocke. Temperaturen über 30 Grad versprachen späten Thermikbeginn und abseits der bekannten Rennstrecken entlang der Höhenzüge von Thüringer Wald, Bayerwald, Schwarzwald und Schwäbische Alb zähe Blauthermik mit niedriger Arbeitshöhe. Für die Alpen sah es dagegen mal wieder fantastisch aus. Also nichts wie hin – dachte ich mir. 

Der Plan sah vor, Samstag durch die zähe Blauthermik an den Thüringer Wald ins gute Wetter zu kommen und dann entlang der Rennstrecken über den Bayerwald bis Ybbsfeld östlich Linz zu fliegen. Samstag sollte es dann durch die Alpen bis Reutte, dort aus den Alpen raus und östlich an Memmingen vorbei bis auf die Schwäbische Alb gehen. Hier hätte ich – so meine Kalkulation – einen guten Ausgangspunkt, um mich nach Hause zu kämpfen. Aller Voraussicht nach auf den letzten 300 km wieder durch schwache Blauthermik. 

Insgesamt bestand also keine Aussicht auf drei Tage Hammerwetter. Vielmehr sollte es aus schwachen Bedingungen ins gute Wetter und wieder zurück durchs schwache Wetter nach Hause gehen. Sicher nicht jedermanns Sache – aber mich reizte es!

Langer Hals
Letztes Jahr war ich bereits einmal an den östlichen Alpenrand geflogen. Damals nach Scharnstein südwestlich von Linz. Ybbsfeld sollte nun die optimierte Variante werden. Meine Spekulation: der Bayerwald und dessen österreichische Ausläufer im Linzer Norden gehen abends noch, wenn der Thermik überall sonst bereits der Stecker gezogen wurde. Entlang dieses Höhenrückens würde ich auch um 19 Uhr noch Thermik bis in den sicheren Gleitflugbereich von Ybbsfeld finden und am nächsten Morgen bequem in die Alpen einsteigen. Scharnstein bot einen ähnlich guten Einstieg in die Alpen, aber das vorgelagerte Donautal war hier sehr breit und aus dem Bayerwald musste man mindestens 60, vielleicht auch 80 km gleiten – mit Mücken, Gegenwind und mäßiger Basishöhe bekam man da gerne mal einen langen Hals!

Etwas Wichtiges fehlt
Also Ybbsfeld. Luftlinie gut 670 km von Langenfeld entfernt. An einem guten Tag eigentlich kein Problem. – Pfingtsamstag war aber kein guter Tag. Zumindest nicht über Langenfeld, nicht im Bergischen Land, nicht im Sieger- und Sauerland. Als sei dies noch nicht genug, musste ich beim Einräumen des Cockpits feststellen, dass ich Entscheidendes im 100 km entfernten Aachen vergessen hatte: meine Laptoptasche samt Portemonnaie, Ladekabeln und Powerbank. Danke nochmal an alle, die mir spontan ausgeholfen haben!

Aber der Wurm blieb drin. Vielleicht wegen der ganzen Aufregung um die Laptoptasche vergaß ich das Tank-Equipement einzupacken, was angesichts des ohnehin nur halbvollen Tanks und der mäßigen Wetterprognosen recht fahrlässig war. Nach dem Windenstart brauchte ich dann den Jet. Besser gesagt: Ich hätte ihn gebraucht. Er kam nämlich nicht auf Leistung. 58’000 Umdrehungen reichen nicht! Also Umdrehen und Landen mit laufendem Triebwerk. Erst nach dem Aufsetzen fiel mein Blick auf die linke Bordwand: Brandhahn zu – wie auch immer das passiert war.

Mittlerweile war es Viertel vor Eins und von Thermik keine Spur. Ich war kurz davor, das Vorhaben aufzugeben – so ein langes Hitzewochenende am  Badesee hat schließlich auch was für sich!  

Im Schneckentempo nach Südosten
Einen weiteren Versuch wollte ich dann doch wagen. Diesmal reichte es zumindest zu einem Abflug gen Osten. Allerdings in bescheidenen 700 Metern Höhe. Und hinter Wipperfürth hieß es erstmal Umdrehen, um die einzige Landeperspektive nicht zu verlieren. Mittlerweile war zu allem Überfluss ein dichtes Cirrenband aufgezogen, welches die thermische Entwicklung zusätzlich bremste. Erst knapp über Landehöhe ging es wieder hoch – ganz langsam und auch nur wenige 100 Meter. So tastete ich mich weiter vorsichtig und im Schneckentempo gen Südosten vor. Beobachtete in Hünsborn das am Boden stehende Wettbewerbsfeld – ohne den schrecklichen Unfall, der sich hier vor eine Stunde ereignet hatte, zu erahnen. Mittlerweile lockten am Horizont einzelne hohe Cumuluswolken. Zunächst unerreichbar, aber doch motivierend. Bei Hirzenhain erreichte ich endlich die Wolken, stieg auf galaktische 1600m – und glitt wieder ins Blaue. Die Wolken blieben zunächst Eintagsfliegen, das Cirrenband blieb mir auf den Fersen und so ließ ich mich weit nach Süden abtreiben bis unter den Frankfurter Luftraum. Ab dem Vogelsberg wurde die Perspektive dann besser. Es ging erst auf 1700 und dann sogar auf 2000 m, die Rhön sah gut aus und diesmal sollte sie mich auch nicht abstreifen wie einige Wochen zuvor.

Wo landen?
Ab Suhl rannte es dann so richtig! Und obwohl die Uhr mittlerweile auf Viertel vor Fünf stand und es noch 400 km bis Ybbsfeld waren: So ganz hatte ich den Traum heute dort zu landen nicht aufgegeben. Warum nicht mit Rückenwind noch drei Stunden mit 130 km/h fliegen? Auf der Route, die vor mir lag, schien mir das möglich. Und tatsächlich blieb ich bis Cham, dem Tor zum Bayerwald, im neu gesteckten Zeitplan. Mittlerweile zeigte die Uhr Zwanzig nach Sechs, aber weiter im Süden stand noch die Konvergenz über der ersten Rippe Richtung Donautal. Trotzdem versuchte ich per Funk Kontakt zu möglichen Landeplätzen aufzunehmen. Weiter südlich im Bayerwald gibt es schließlich keine Lande-Optionen (bzw. keine Startoptionen) mehr, was meinen Enthusiasmus merklich bremste. Entweder Ybbsfeld (oder ein anderer Platz in Österreich) oder einer der umliegenden Plätze Cham, Arnbruck, Deggendorf. Cham hieß mich direkt willkommen! Arnbruck meldete sich nicht – und als ich gerade dabei war, den Gleitflugbereich von Cham Richtung Deggendorf zu verlassen – unsicher, ob ich die Konvergenzlinie noch erreichen würde – da meldete sich Deggendorf: „F-Schepp-Maschine kaputt und Winde gibt es nicht“. Nach einer kurzen Schrecksekunde machte ich auf dem Absatz kehrt und nahm Cham ins Visier. Nochmal kurz den Jet gezündet – 100 m Ankunftshöhe schienen mir etwas knapp – und dann schön in Cham vor die Halle rollen. Was für ein Flug!

-> Flugdaten.