-> Den ersten Teil des Berichtes über das Frühlings-Segelfluglager in Sisteron finden Sie hier.
Der Alltag der Helden: Zwischen Gache, Talquerung und Hinkelsteinen
Natürlich besteht ein Fluglager nicht nur aus heroischen Höhenflügen und perfekt gewählten Linien. Es besteht auch aus sehr menschlichen Episoden.

Zum Beispiel aus Tagen, an denen man 70 Kilometer von Sisteron entfernt herumkrebst und hinterher feststellt, dass man die richtige Variante gewählt hatte. Oder aus Momenten am Gache, in denen alles in dir drin im Grunde sagt: Jetzt wäre der Augenblick, um wegzufliegen. Nur ist der Mut gerade noch nicht ganz mitgekommen.
Oder aus einer tiefen Talquerung mit Motor-Unterstützung, nach der man sehr ungern feststellt, dass es vermutlich auch ohne gegangen wäre.
Oder aus zwei Stunden an der Vaumuse, in denen man mit jedem Hinkelstein langsam per Du wird.
Das Schöne daran ist: Genau diese Szenen machen das Lager erinnerungswürdig. Nicht nur die grossen Flüge, sondern auch die kleinen Ehrenrunden, Umwege, Denkfehler und Rettungsaktionen der eigenen Würde.
Auch das ist Sisteron: Matterhorn von unten, Viso von oben, Nizza irgendwo im Kopf
Landschaftlich ist Sisteron eine Zumutung: im besten Sinne.

Man sieht Dinge, die man von unten nie so sieht. Linien, Ketten, Schneefelder, Solar-Fflächen, bizarre Felsformationen, Grenoble im Norden, Nizza als gedanklicher Sehnsuchts-Ort, den Viso von oben und das Matterhorn gefühlt von unten. Diese Gegend hat die wunderbare Eigenschaft, gleichzeitig Ehrfurcht und Unternehmungslust auszulösen.




Sie sagt dem Piloten ununterbrochen: Dort drüben wäre eine schöne Linie. Hier wäre es taktisch schlau. Und genau da hinten beginnt wahrscheinlich das Abenteuer oder der Fehler. Dies weiss man aber erst im Nachhinein.
Kulinarik und Bodenprogramm: Auch am Boden wurde gearbeitet
Natürlich spielte sich das Lager nicht nur in der Luft ab.

Das Essen am Flugplatz war erfreulich gut, was unter Segelfliegern fast schon als hochrelevante Infrastruktur gilt. Gleichzeitig gab es diesen denkwürdigen Abend vor der verriegelten Tür einer reservierten Pizzeria. Besonders tragisch war das für jene, die sich davon eine kurzfristige Rettung vor tageweisem Fleischkonsum versprochen hatten. So lernt man in Sisteron: Auch kulinarische Endanflüge gelingen nicht immer.
Dazu kamen Flieger-Gespräche, Nachbesprechungen, gemeinsames Kartenstudium, kleine Cockpitphilosophien und dieser typische Lagerhumor, der nur dann entsteht, wenn mehrere Leute dasselbe erleben und es abends unterschiedlich schildern.
Cockpitgold
Was bleibt, sind oft nicht nur die Flüge, sondern die Sätze. Sisteron hat auch dieses Jahr wieder einige davon produziert:
„Komm, wir drehen um.“
„Nein, wir sind zu hoch. Geh unter die Kante, dann geht’s weiter.“
„Hey, wir sind inzwischen mit jedem Hinkelstein per Du. Lass uns endlich weiterfliegen.“
„Siehst du über den Parcours, dann bist du zu hoch.“
„Am Parcours wird nicht gekreist – basta!“
„Noch etwas höher und wir können die Crew der Artemis grüssen.“
Mehr muss man über Segelfliegen manchmal gar nicht sagen.
Zahlen, die auch eine Geschichte erzählen
Damit niemand meint, wir hätten in Sisteron nur gut gegessen, klug geredet und dem Wind beim Arbeiten zugeschaut, hier noch ein paar Zahlen:
Unsere Clubflieger kamen zusammen auf 139 Stunden und 40 Minuten.
Die Privatflieger legten noch einmal 187 Stunden und 16 Minuten drauf.
Auf Weglide summierte sich die Flüge in Sisteron auf beeindruckende 20’295 Kilometer. Darunter waren 12 Flüge mit mehr als 500 Kilometern. Und der Spitzenreiter, intern ab jetzt nur noch als „Boeing“ bekannt, brachte es auf stolze 737 Kilometer.

Mit anderen Worten: Es wurde nicht nur philosophiert. Es wurde auch ordentlich geflogen.
Fazit: Sisteron fliegt nicht nur mit dir, es schult dich auch
Mein persönliches Fazit nach diesem Lager ist einfach: Sisteron ist kein Ort für gemütliche Illusionen. Und genau deshalb ist es so gut.
Man lernt dort Wetter. Gelände. Timing. Luftraumdisziplin. Taktik. Mut. Demut. Geduld. Und hin und wieder auch ganz praktische Dinge wie Lastverteilung am Anhänger. Man erlebt diese besondere Mischung aus Anspannung, Freiheit, Kameradschaft und trockenem Humor, die ein gutes Fluglager ausmacht.
Vor allem aber wird einem wieder sehr bewusst, warum Segelfliegen so faszinierend ist. Weil es eben nie nur ums Fliegen geht. Es geht ums Entscheiden. Ums Spüren. Ums Dranbleiben. Ums Umkehren. Ums Weiterfliegen. Und manchmal auch darum, über eine sehr lange Piste noch 300 Meter im Bodeneffekt zu gleiten und das für einen kurzen Moment für die einzig richtige Art zu halten, unten sicher anzukommen.
Oder kurz gesagt:
Sisteron ist streng. Schwesterlich ist dort wenig. Aber grossartig ist es allemal.


























