Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) hat den Untersuchungsbericht zum Unfall eines Ultraleichtflugzeugs vom Typ TL 96 Star in Wesel veröffentlicht. Der Unfall ereignete sich am 25. Juli 2020. Nach Auslösung des Rettungssystems riss es vom Luftfahrzeug ab. Das Flugzeug stürzte in ein Wohnhaus. Drei Personen kamen ums Leben, das Flugzeug wurde zerstört und das Gebäude schwer beschädigt.
Ereignisse und Flugverlauf
Das Ultraleichtflugzeug startete um 14:38 Uhr vom Flugplatz Wesel-Römerwardt mit zwei Insassen an Bord. Ziel war Marl-Lohmühle. Der Pilot meldete im rechten Gegenanflug das Verlassen der Frequenz. Kurz darauf wurde das Rettungssystem ausgelöst. Zeugen beobachteten, wie sich der Fallschirm vom Flugzeug ablöste. Er wurde später vom Wrack abgetrennt und auf einem Privat-Grundstück gefunden. Das Flugzeug stürzte daraufhin in ein Wohnhaus. Die beiden Insassen sowie eine Bewohnerin des Hauses wurden tödlich verletzt. Es kam zu einem Brand im Gebäude.
Aus den Flugdaten geht hervor, dass das Flugzeug in einer Rechtsplatzrunde aufstieg. Um 14:40 Uhr kam es zu einem abrupten Absinken der mechanischen Energie, was auf das Auslösen des Fallschirms zurückzuführen war. Es folgte ein starker Geschwindigkeits-Abfall bei gleichzeitigem Höhengewinn. Das Flugzeug ging in einen Steigflug über und kippte anschließend ab. In der letzten Phase führte das Ultraleichtflugzeug vermutlich eine Drehung um die Längsachse durch und schlug in Rückenfluglage ins Gebäude ein.
Auslösen des Rettungssystems ungeklärt
Der Auslösegrund des Rettungssystems konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden. Der Steigflug und die unauffällige Funkmeldung deuteten nicht auf ein technisches Problem hin. Ein plötzliches gravierendes Problem, eine Einschränkung der Handlungsfähigkeit des Piloten oder eine versehentliche Auslösung können nicht ausgeschlossen werden. Hinweise auf ein Versagen eines Propellerblatts im Flug oder auf Vogelschlag wurden nicht festgestellt.

Schäden am Rettungsgerät und Versagen der Verbindungsseile
Das Rettungsgerät wies Spuren hoher Belastung auf, insbesondere an den Fangleinen und am Slider. Die Fallschirmkappe zeigte Einrisse, die vermutlich durch die gerissenen Verbindungsseile entstanden waren.
Die Untersuchung ergab, dass die Verbindungsseile durch Bruch unter Gewalt gerissen waren. Die Festigkeit der eingebauten Litzenseile (19×7) hätte theoretisch ausgereicht, um die bei der Entfaltung des Fallschirms erwarteten Belastungen aufzunehmen. Die BFU geht davon aus, dass die aufgetretene Belastung zu hoch war.
Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass sich der Fallschirm aufgrund der Aufwärts-Bewegung des Flugzeugs zunächst nicht vollständig entfaltete. Beim anschließenden Abkippen des Flugzeugs wurden die Leinen plötzlich gestrafft. Die Kappe öffnete sich schlagartig, was zu einem unkontrollierten Entfaltungsstoß führte. Die Füllungskräfte wurden dadurch höher als üblich, was die Verbindungsseile überlastete. Die Verwendung von Stahlseilen wirkte sich negativ aus, da sie nur geringe Dehnungen zulassen und keine Energie aufnehmen können.
Musterzulassung und Bauvorschriften
Die BFU stellte fest, dass die Nachweise für die Erhöhung der maximalen Abflugmasse auf 472,5 kg fehlerhaft waren. Die Berechnung erfolgte mit einem anderen Seiltyp als dem eingebauten. Zudem wurde ein anderes Rettungsgerät zur Berechnung herangezogen, und die bei den Fallversuchen verwendete Masse war geringer als die beantragte maximale Flugmasse. Dies führte zu einem falschen Sicherheitsfaktor.
Zudem entsprachen die Seillängen am Unfallflugzeug nicht den Vorgaben. Dies führte vermutlich zu einer einseitigen Belastung der Seile beim Ausstoß des Rettungsgeräts. Die Anleitung zur Umrüstung enthielt keine ausreichenden Hinweise zu Toleranzen der vorgeschriebenen Längen.
Die BFU merkt an, dass der in der Bauvorschrift geforderte Sicherheitsfaktor von 1,3 für Seilkonstruktionen in Rettungssystemen möglicherweise nicht ausreicht. Aerodynamische Kräfte, die vom Luftfahrzeug erzeugt werden, könnten den Öffnungsablauf beeinflussen und zu höheren Lasten führen als bei Versuchen mit einer kompakten Masse.
Schlussfolgerungen und Sicherheitsempfehlungen
Die BFU folgert, dass der Unfall wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass sich der Fallschirm nicht wie vorgesehen entfaltete. Der Entfaltungsstoß war höher als erwartet, was zu einer Überlastung der Verbindungsseile führte.
Als Sicherheitsempfehlung fordert die BFU, dass der Deutsche Aero Club e.V. (DAeC) den Einbau von Verbindungsseilen, die den Bauvorschriften entsprechen, am Luftfahrzeug TL96 vorschreiben sollte. Eine weitere Empfehlung zielt darauf ab, dass Fixierungen der Seile nur erfolgen dürfen, wenn nachgewiesen ist, dass sie die Entfaltung nicht beeinträchtigen. Quelle/Vollständiger Bericht: ‘BFU, Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung’.

