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Leewellen und Luftraumfallen (2)

Lokale Windsysteme verstehen: Das Régime des Brises

Autor: Ernst Willi

Während der Mistral als dominanter Nordwind Schlagzeilen macht, ereignet sich in den südwestlichen Alpen ein subtileres, aber nicht weniger faszinierendes meteorologisches Phänomen: das Régime des Brises. Diese lokalen Windsysteme, die durch Temperatur-Unterschiede zwischen verschiedenen Oberflächen entstehen, beeinflussen die Flugbedingungen maßgeblich und können zu erstaunlichen Aufwind-Linien führen.

Der klassische Blick an einem „normalen“ Thermiktag vom Col d’Etaches aus nach Südosten in Richtung Italien. Erkennbar ist eine deutlich tiefere Thermikobergrenze (Wolkenbasis) als auf der französischen Seite der Konvergenzlinie entlang der Grenze zwischen Italien und der Grande Nation.

Wenn das Mittelmeer in die Berge fliesst

Die Seebrise des Mittelmeers ist ein wichtiger Akteur. Wenn sich das Land tagsüber schneller erwärmt als das Meer, entsteht über dem Land ein Unterdruck, der kühlere Luft vom Meer ansaugt. Diese kühlere und feuchtere Luft strömt landeinwärts und kann in Küstennähe oder in Tälern, die zum Meer hin offen sind, bis weit ins Landes-Innere spürbar sein. In den südlichen Alpen dringt die Seebrise tief in die Täler ein und bildet dort Konvergenzlinien, die für Segelflieger interessant sind.

Seebrisen-Systeme in Südostfrankreich. Skizzen z.Vf. gestellt von Soaring Adventures, Gabriel Briffe.

Lokale Brisen: Topographie als Windmacher

Neben der großräumigen Seebrise existieren lokale Brisen, die durch die Topographie der Alpen geformt werden. Diese Brisen können je nach Tageszeit und Sonnen-Einstrahlung unterschiedliche Richtungen und Stärken aufweisen. Sie wirken oft zusammen mit klassischer Thermik und können erstaunliche Aufwind-Linien bilden, die dem unvorbereiteten Piloten als Zufallstreffer erscheinen, tatsächlich aber meteorologisch erklärbar sind. Beispiele für das Brisen-Phänomen können Sie anhand der folgenden Skizzen und Flugbilder erkennen.

Gesamt-Übersicht über das Régime des Brises in Südostfrankreich. Skizzen z.Vf. gestellt von Soaring Adventures, Gabriel Briffe.
Das Régime des Brises über dem Plâteau Puimichel, dem Val d’Asse und dem Bléone-Tal. Die Talwinde konzentrieren sich am und südlich des ersten „Riegels“, des Cousson.
Übersicht der Talwind-Systeme zwischen Durance und Mgne de Coupe, Mgne de la Blanche (Parcours) sowie dem Lac de Serre-Ponçon.
Das Talwindsystem im Kessel von Gap. HIer zusätzlich unbedingt den kontrollierten Luftraum des Fallschirm-Betriebes über dem Flugplatz Gap beachten.
Brisen-System zwischen Aspres, Col de Cabre und dem Col de la Croix Haute
Und hier noch die Übersicht des Talwindsystemes nördlich des Col Bayard, des Talkessels des Trièves und Grenoble.

Konvergenzlinien: Wo Brisen aufeinandertreffen

Das Zusammentreffen verschiedener Brisen-Systeme führt zur Bildung von Konvergenz-Linien – jenen unsichtbaren Autobahnen des Segelflugs, die erfahrene Piloten zielsicher ansteuern, während andere ratlos in der Umgebung kreisen. Die Seebrise vom Mittelmeer, lokale Tal- und Hangwinde, und die großräumigen Systeme wie Mistral oder Marin schaffen ein dreidimensionales Puzzle aus Luftbewegungen.

Konvergenzlinien sind nicht statisch. Sie verschieben sich mit der Tageszeit, der Sonneneinstrahlung und der großräumigen Wetterlage. Am Vormittag können sie noch schwach ausgeprägt sein, um am Nachmittag zu kraftvollen Aufwindstraßen zu werden. Der erfahrene Pilot lernt, diese Entwicklung vorherzusehen und seine Flugplanung anzupassen.

«Le Marin»: Feuchtigkeits-Transport aus dem Süden

Der Südost-Wind, auch als Marin bekannt, transportiert feuchte Luft vom Mittelmeer und kann zu Wolkenbildung und Niederschlägen führen. Für den Segelflieger ist der Marin ein zweischneidiges Schwert: Einerseits bringt er die für Leewellen wichtige Feuchtigkeit, andererseits kann er die Sicht verschlechtern und zu unvorhersagbaren Wetterbedingungen führen. Interessant ist der «Marin» z.B. an den südöstlichen Flanken der Lure, wo im Durance-Tal die Feuchtigkeit aufläuft.

Genau hinsehen lohnt sich: An den südöstlichen Flanken der Lure läuft (im Durance-Tal) die Feuchtigkeit auf.
Der Nordost-Wind beeinflusst die Regionen St. Genis, Aspres und Serres.
  • Im dritten Teil des Berichtes gehen wir morgen auf die neue Realität bei Alpenquerungen in der Vanoise und am Gran Paradiso ein.
  • Und hier finden Sie den ersten Teil des Berichtes von gestern über die Mistral-Autobahnen Südostfrankreichs.

Quellen

[1] flieger.news: “Kein Durchkommen mehr (Teil 1)
[2] flieger.news: “Gran Paradiso: kein Durchkommen (Teil 2)
[3] flieger.news: “Lufträume der französischen Alpen respektieren
[4] flieger.news: “Überflug-Vorschriften der Nationalparks in Frankreich