Lokale Windsysteme verstehen: Das Régime des Brises

Während der Mistral als dominanter Nordwind Schlagzeilen macht, ereignet sich in den südwestlichen Alpen ein subtileres, aber nicht weniger faszinierendes meteorologisches Phänomen: das Régime des Brises. Diese lokalen Windsysteme, die durch Temperatur-Unterschiede zwischen verschiedenen Oberflächen entstehen, beeinflussen die Flugbedingungen maßgeblich und können zu erstaunlichen Aufwind-Linien führen.

Wenn das Mittelmeer in die Berge fliesst
Die Seebrise des Mittelmeers ist ein wichtiger Akteur. Wenn sich das Land tagsüber schneller erwärmt als das Meer, entsteht über dem Land ein Unterdruck, der kühlere Luft vom Meer ansaugt. Diese kühlere und feuchtere Luft strömt landeinwärts und kann in Küstennähe oder in Tälern, die zum Meer hin offen sind, bis weit ins Landes-Innere spürbar sein. In den südlichen Alpen dringt die Seebrise tief in die Täler ein und bildet dort Konvergenzlinien, die für Segelflieger interessant sind.

Lokale Brisen: Topographie als Windmacher
Neben der großräumigen Seebrise existieren lokale Brisen, die durch die Topographie der Alpen geformt werden. Diese Brisen können je nach Tageszeit und Sonnen-Einstrahlung unterschiedliche Richtungen und Stärken aufweisen. Sie wirken oft zusammen mit klassischer Thermik und können erstaunliche Aufwind-Linien bilden, die dem unvorbereiteten Piloten als Zufallstreffer erscheinen, tatsächlich aber meteorologisch erklärbar sind. Beispiele für das Brisen-Phänomen können Sie anhand der folgenden Skizzen und Flugbilder erkennen.






Konvergenzlinien: Wo Brisen aufeinandertreffen
Das Zusammentreffen verschiedener Brisen-Systeme führt zur Bildung von Konvergenz-Linien – jenen unsichtbaren Autobahnen des Segelflugs, die erfahrene Piloten zielsicher ansteuern, während andere ratlos in der Umgebung kreisen. Die Seebrise vom Mittelmeer, lokale Tal- und Hangwinde, und die großräumigen Systeme wie Mistral oder Marin schaffen ein dreidimensionales Puzzle aus Luftbewegungen.


Konvergenzlinien sind nicht statisch. Sie verschieben sich mit der Tageszeit, der Sonneneinstrahlung und der großräumigen Wetterlage. Am Vormittag können sie noch schwach ausgeprägt sein, um am Nachmittag zu kraftvollen Aufwindstraßen zu werden. Der erfahrene Pilot lernt, diese Entwicklung vorherzusehen und seine Flugplanung anzupassen.
«Le Marin»: Feuchtigkeits-Transport aus dem Süden
Der Südost-Wind, auch als Marin bekannt, transportiert feuchte Luft vom Mittelmeer und kann zu Wolkenbildung und Niederschlägen führen. Für den Segelflieger ist der Marin ein zweischneidiges Schwert: Einerseits bringt er die für Leewellen wichtige Feuchtigkeit, andererseits kann er die Sicht verschlechtern und zu unvorhersagbaren Wetterbedingungen führen. Interessant ist der «Marin» z.B. an den südöstlichen Flanken der Lure, wo im Durance-Tal die Feuchtigkeit aufläuft.


- Im dritten Teil des Berichtes gehen wir morgen auf die neue Realität bei Alpenquerungen in der Vanoise und am Gran Paradiso ein.
- Und hier finden Sie den ersten Teil des Berichtes von gestern über die Mistral-Autobahnen Südostfrankreichs.
Quellen
[1] flieger.news: “Kein Durchkommen mehr (Teil 1)”
[2] flieger.news: “Gran Paradiso: kein Durchkommen (Teil 2)”
[3] flieger.news: “Lufträume der französischen Alpen respektieren”
[4] flieger.news: “Überflug-Vorschriften der Nationalparks in Frankreich”

