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Ab ins gute Wetter – und zurück ins schlechte (2)

-> Rückblick auf die erste Pfingst-Wandersegelflug-Etappe.

In Cham zu landen war ein Glücksgriff. Es gibt dort eine sehr aktive Segelfluggruppe, tolle Infrastruktur einschließlich sanitärer Einrichtungen und Schlafräume und an diesem Pfingstsamstag wurde gemeinschaftlich gegrillt, gefachsimpelt und gefeiert – einfach ein toller Abend! Gleich mehrfach wurde ich angesprochen: „wir kennen uns doch – woher nur?“ Bei mir klingelte jeweils nichts und die Auflösung war immer die Gleiche: Mein Name, mein Gesicht oder wahlweise mein Flugzeug waren aus der Lektüre von Artikeln wie diesem hier hängengeblieben – auch schön!

Autor: Martin Knops

Heute nach Schwaben?
Irgendwann begann ich den aktualisierten Wetterbericht zu studieren. So schön wie es in Cham war – meine Pläne schienen erstmal durchkreuzt und ich wusste nicht recht wohin. Der Bayerwald sollte laut TopMeteo schon am Vormittag von Schauern durchsetzt sein. Den Flug durch die Alpen hatte ich eh schon abgeschrieben und auch ein direkter Rückflug war wettertechnisch am Sonntag unmöglich. Blieb eigentlich nur direkt nach Westen auf die Schwäbische Alb überzusetzen. Dort vielleicht ein wenig Jojo fliegen und dann auf einem schönen Flugplatz die Nacht verbringen. 

Natürlich teilte ich meine Gedanken mit den Lokalmatadoren. „TopMeteo versteht den Bayerwald nicht, nie und nimmer wird das morgen Vormittag im Bayerwald regnen“.  Also doch erstmal Bayerwald-Rallye und dann erst Richtung Schwäbische Alb. 

Ungetestete Tips
Gerd und Jonas bestätigten auch die Sinnhaftigkeit meiner ursprünglichen Idee, über Ybbsfeld in die Alpen einzusteigen. Morgens von Cham startend gäbe es aber noch eine andere, westliche Variante. Man könne aus dem Bayerwald Richtung Ried-Kirchheim fliegen und über die dortigen bewaldeten Hügel in die Alpen einsteigen. Klang gut! „Wie oft hat das denn schon geklappt?“ – „noch nie!“ – „oh

Die Verwunderung stand mir in diesem Moment sicher ins Gesicht geschrieben. Die beiden warben für einen genialen Plan, der noch nie funktioniert hatte!? – Ich war dennoch dankbar für die Tipps und die Saat war gesät.

Ich würde versuchen, aus dem Bayerwald  in die Alpen zu springen; ich würde versuchen, entlang des Alpenhauptkammes bis ins Unterengadin zu fliegen und von dort nicht nur ins Alpenvorland zu gleiten, sondern weiter bis auf die Schwäbische Alb zu kommen. Sollte dies nicht gelingen, dann stünden die Chancen auf Heimkehr am Montag schlecht – mit halbleerem Tank in schwierigem Wetter – und doch wollte ich es unbedingt probieren! Wer nicht wagt, gewinnt nicht!

Das breite Donautal
Zum Start des Unterfangens gönnte ich mir einen hohen Schlepp, der mir den direkten Einstieg in die bereits gut entwickelte Thermik am Arber erlaubte. Diesen bequemen Start hatte ich mir nach all den Mühen des Vortages wahrlich verdient  – so empfand ich es auf jeden Fall und genoss den flotten und völlig problemlosen Ritt durch Bayer- und Böhmerwald – in der Tat keine Spur von den angekündigten Schauern. Bevor ich mich versah, musste ich bereits zum Sprung über das breite Donautal ansetzen. Nochmal maximale Höhe tanken und gaaanz langsam vorgleiten! – So schlecht sah es allerdings gar nicht aus. Der Weg war sogar durch einzelne Wolken gezeichnet. Starke Thermik fand sich zwar nirgendwo, aber tief abgleiten musste ich auch nicht. Ich schaltete bewusst drei Gänge zurück und nahm jedes Steigen mit, um meine Chancen nicht zu verspielen. Zwischendurch nahm ich Kontakt zu Linz Radar auf. Durchflug genehmigt, kein Problem. Diese Freigabe gab mir etwas mehr Flexibilität und aufgrund des besseren Wolkenbildes entschied ich mich tatsächlich für einen etwas östlicheren Weg als von Gerd und Jonas empfohlen.

Hohes Gelände, dafür tiefe Basis

Letztlich war der Einflug in die Alpen problemlos. Aus sicherer Höhe scannte ich die wunderbare Landschaft rund um Scharnstein und den Traunsee, rekapitulierte nochmal, wie ich vor einem Jahr hier zwei Etagen tiefer kämpfte und schließlich das Tote Gebirge östlich im Tiefparterre umfliegen musste. Heute wollte ich es nicht um-, sondern überfliegen und auf direktem Weg zwischen Niederöblarn und Dachsteinmassiv ins Ennstal gelangen. Ganz so einfach wie zunächst gedacht gestaltete sich die Umsetzung dieses Plans aber dann doch nicht. Verdammt hohes Gelände, vergleichsweise tiefe Basis, starkes Fallen zwischendrin und dann noch dieser unangenehm starke Nordwind – dieser sollte mich im weiteren Verlauf des Tages noch öfter zur Verzweiflung treiben.

Gemein versteckte Aufwinde
Kein Bart stand, wo er stehen sollte und während „knapp über Grat“ üblicherweise die ideale Einstiegshöhe in die Thermik ist, so kämpfte ich in diesem Höhenband heute immer wieder mit extrem zerrissenen Aufwinden – waren es überhaupt Aufwinde? Einen halben Kreis ging es hoch, einen halben Kreis runter – hatte ich das Fliegen verlernt? Hatte ich wohl nicht. Schuld war der Nordwind… Aber bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: soooo schlecht war es dann auch nicht. Benjamin Bachmaier flog an diesem Sonntag immerhin 1000 km und kommentierte „Ein ziemlich schwacher aber extrem langer Thermiktag. Die 20-40 km/h Nordnordostwind haben die Bärte gemein versteckt.“ Da war er also wieder, der fiese Nordwind.

Für mich ging es weiter ins Ennstal. Hier muss man sich üblicherweise zwischen Nordseite und Südseite entscheiden – angesichts des Windes heute eine einfache Wahl. Mich zog es nach dem Talwechsel sogar weiter nach Süden Richtung Alpenhauptkamm. Eine Zeitlang liebäugelte ich mit der Idee, Richtung Lienz und damit auf die Alpensüdseite zu wechseln, das Pustertal hinunter zu fliegen und über den Brenner oder gar den Ofenpass und das Engadin zurückzukommen. Hätte ich ruhig machen sollen! Aber getraut habe ich mich doch nicht. Abgeschreckt hat mich weniger das unbekannte Terrain. Vielmehr trieben mich Sorgen um den Zeitplan um. Ich wollte, ich musste schließlich noch auf die Schwäbische Alb kommen. Konsequenz zahlt sich in der Regel aus. Ich hätte entweder nach Lienz fliegen oder im Ennstal bleiben sollen. Mein Flugweg war das Ergebnis einer Nicht-Entscheidung bzw. eines Hin- und Hers. Alpensüdseite ja, nein, ja – Nein! Das kostete nur Zeit, bescherte mir aber immerhin tolle Eindrücke und auch entsprechende Bilder. Aber am Ende landete ich am Kapruner Gletscher und wieder im Ennstal. Hätte ich auch einfacher haben können!

Vier-Länder-Flug
Ab hier ging es zunächst auf der klassischen Route über den Gerlospass ins Zillertal und weiter über den Brenner. Die Variante über die Nordkette bei Innsbruck sah nicht sehr verlockend aus. Vermutlich spielte auch hier der Nordwind den Spielverderber. Am Brenner machte ich notgedrungen noch einen Schwenk nach Italien. So wurde es nebenbei noch ein Vierländerflug Deutschland-Tschechien-Österreich-Italien-Österreich-Deutschland. Aber dies war nicht die Motivation für meinen Ausflug nach Italien. Vielmehr konnte ich nur so die notwendige Höhe für den Weiterflug Richtung Ötztal gewinnen. Die Berge und die zu überfliegenden Grate sind halt auf dieser Passage sehr hoch. Und es blieb schwierig, bzw. niedrig. So musste ich schließlich nach Norden in den Innsbrucker Luftraum ausweichen. Für einen direkten Einflug ins Ötztal war ich zu tief. Zum Glück bekam ich problemlos die benötigte Freigabe. Die Innsbrucker Lotsen sind sehr kooperativ und ein Transponder vereinfacht die Sache zusätzlich.

Hoch aus den Alpen hinaus
Das Ausweichen in etwas niedrigeres Gelände half mir ungemein. Und nun waren die Perspektiven plötzlich wieder vielversprechend. Über dem Venetberg, diesem bei Segelfliegern recht berühmten, einsam im Inntal stehenden Berg, stand eine schöne Wolke und endlich mal war der Bart genau da, wo ich ihn erwartete. Er überzeugte vom ersten Kreis an mit sattem, zuverlässigen Steigen. So ging es im Fahrstuhl hinauf auf 3’300m, einen Moment später im Anflug aufs Lechtal unter einer schönen Wolkenstrasse sogar auf über 3’400m. Mit dieser Höhe glitt ich nun aus den Alpen heraus in tote, schlechtsichtige Warmluftpampe. So sah es aus, so fühlte es sich an und für mich war völlig unklar, ob sich in unteren Etagen beim weiteren Vorflug thermisch noch etwas tun würde oder ob ich einfach meine Höhe abgleiten und bspw. in Bad Wörishofen landen müsste. Nicht, dass es eine Strafe wäre, in Bad Wörishofen zu stranden. Aber am Folgetag sollte hier die Thermik deutlich später starten als auf der Schwäbischen Alb und ich war mir fast sicher, von hier nicht nach Hause zu kommen. 

Kreisen nicht vorgesehen
Bald schöpfte ich aber neue Hoffnung. Ganz vereinzelt gab es noch Cumuluswölkchen – sogar mit recht ordentlicher Basishöhe. Und auch der Segelflieger aus Bad Wörishofen, den ich angefunkt hatte, um zu klären, ob ich nötigenfalls dort übernachten könnte, berichtete von weiterhin ordentlicher Thermik. Eine besonders ansehnliche Wolke stand mitten im Memminger Luftraum. Problemlos erhielt ich die Freigabe zum Durchflug desselben nach Norden. Kaum hatte ich die Freigabe, fragte „EZ“ (Erwin Ziegler wie ich später feststellte) die exakt gleiche Freigabe mit der exakt gleichen Höhe an. Auch er kam offensichtlich gerade aus den Alpen. Und kaum hatte sich Erwin in den von mir angerührten Aufwind eingereiht, wurden wir auch schon beide vom Radarlotsen angezählt: „was machen sie denn da? – Sie haben eine Freigabe zum Durchflug nach Norden erhalten und nicht zum stationären Kreisen“ – „Entschuldigung, wir sind Segelflieger und brauchen dringend diesen Aufwind hier – können wir denn hier bleiben?“ – „Ja, aber machen sie bitte zukünftig genau das, wofür sie eine Freigabe erhalten haben und nicht selbstständig etwas anders!“ – „Ok…“ 

Irgendwann verlagerte ich „selbständig“ um einen Kilometer und Erwin war so verunsichert, dass er lieber um entsprechende Freigabe bat, bevor er es mir nachtat. So stiegen wir zusammen auf 2’500 m Höhe und glitten praktisch die ganze Höhe nach Norden ab. Ziel Schwäbische Alb. Ganz würde es allerdings nicht bis zu einem der dortigen Flugplätze reichen. Die Luft war nun tot – kein Lüftchen rührte sich mehr.

Warmer Empfang in Oppingen
Aber genau über der Donau östlich Ulm stand noch ein einsamer Congestus und er sah aktiv aus! In 500 m über Grund kam ich an – und es tat sich zunächst nichts! Aber am Nordrand der mächtigen Wolke, da kreisten tatsächlich noch andere Segelflieger und dort ging es auch für mich wieder nach oben! Nun war es geschafft, nun waren alle Plätze auf der Alb für mich erreichbar. Nun hätte ich bequem auch noch 50 km weiter fliegen können. Aber nun hatte auch ich genug. Ziel erreicht. Wahnsinn! In die Alpen, durch die Alpen und aus den Alpen raus auf die Alb. Hammer! Schon einen Moment länger hatte ich Oppingen im Funk. Einfach weil ich diesen Platz mit minimalem Jeteinsatz auch ohne den segensreichen Congestus erreicht hätte. Ähnlich wie Tags zuvor in Cham wurde ich wärmstens eingeladen! Und ich hatte Lust, einen der vielen kleinen Plätze auf der Alb zu erkunden und nicht wieder in Aalen zu landen. So schön es dort ist. Also Oppingen. Und was soll ich sagen? –  Volltreffer! Ein richtig schöner Platz, richtig was los, gemeinsames Spaghetti-Kochen für 30 Leute, gesellige Runde, tolle Gespräche! Ok: die beiden Aussenduschen nebst Aussenwaschbecken sind vielleicht nicht jedermanns Sache. Bis vor zwei Jahren gab es keinen Strom am Platz. Aber mich hat das nicht gestört. Urig, gesellig, schön! 

-> Flugdaten.