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Surfen auf der Morgenröte

Die Morning Glory Cloud ist ein beeindruckendes atmosphärisches Phänomen, das sich durch die feuchte Luft über dem Golf von Carpentaria im Norden Australiens bewegt. Meteorologen bezeichnen sie als Gravitationswelle, doch fälschlicherweise wird sie oft als Rollwolke bezeichnet. Sie ist der einzige Ort weltweit, an dem sich diese Wolken regelmäßig und vorhersehbar bilden.

Barry und Phil’s Plan ist es, in Burketown zu campen, dann morgens als erstes loszufliegen, den Motor abzuschalten und die nächsten paar Stunden zu gleiten, während sie auf dieser riesigen Welle bis auf über 6’000 Fuß surfen.

Dies ist ein Highlight-Youtube-Video von Barry’s Reise im letzten Jahr (2023) mit seinem Freund Phil. Sie hatten das Glück, drei Tage lang große Glory Clouds zu sehen. Ein Jahr später (2024) kehrte Barry mit seinem Freund Andreas zurück, um ihr Glück erneut zu versuchen.

Für Abenteurer und Naturbegeisterte bietet Burketown eine seltene Gelegenheit, dieses beeindruckende Phänomen hautnah zu erleben, das Surfen auf der Morgenröte bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

Rollwolke in Portugal

Anfangs Juli traf im Portugiesischen Badeort Figueira da Foz an der Atlantik-Küste eine eindrückliche, 150 km lange Rollwolke auf den Strand. Rollwolken sind in Europa ein seltenes Natur-Phänomen. Bekannt ist ihr Auftreten hingegen aus Nordaustralien, wo Rollwolken im Golf von Carpentaria häufig vorkommen.

Frühere Berichte in den flieger.news:
-> Die Suche nach der „Morning Glory“
-> Final Surf of the Rolling Clouds

Die Suche nach der Morning Glory

Der Flug mit der Morning Glory war für John Riedl ein außergewöhnliches Erlebnis – selten, anspruchsvoll und beeindruckend. Die Reise führte durch das entlegene, raue Australien und offenbarte ein Land jenseits bekannter Pfade. Für Segelflieger ist die Glory eine fliegerische Herausforderung.

Am dritten Morgen machten sich die Piloten um 04:15 Uhr im Dunkeln auf zum Flugplatz, quer durch unwegsames Gelände. Die Milchstraße spannte sich leuchtend über den mondlosen Himmel. Per Funk aktivierten sie die Pistenbeleuchtung und bereiteten die Stemme für den Start vor.

Tidal Flats am dritten Tag, beim Aufbruch von Burketown zum Golf von Carpentaria

Um 06:06 Uhr, bei ersten Lichtstrahlen, stiegen acht Segelflugzeuge dem Horizont entgegen – auf der Suche nach der sagenumwobenen Morning Glory. Einige Piloten trugen Schwimmwesten, andere verließen sich auf ihre Gebete: In Küstennähe tummelten sich 20-Fuß-Salzwasserkrokodile und 12-Fuß-Haie, die den Barramundi nachstellten – und potenziell auch den Piloten.

Entwässerungs-Muster auf Gezeitenplatten an einem der Flüsse bei Burketown

Riedl und Hanbury flogen 50 Kilometer weit über das Meer hinaus, noch vor Sonnen-Aufgang, begleitet von beruhigenden Spot-Trackern und Notsendern. In 8’000 Fuß Höhe bereiteten sie sich auf den Gleitflug zurück ans Festland oder nach Sweers Island vor – mit dem beruhigenden Wissen um die 50:1-Gleitleistung ihrer Maschine. Der Motor schnurrte. Kein Drama, kein Glück, kein Ruhm, dafür ein langer Endanflug und ein leckerer Barra-Burger in der Konditorei. Die Re-Hydrierung erfolgte dann im Laufe des Tages mit Bier.

Wand aus Wolken

Am nächsten Morgen hatten John Riedl und Rob Hanbury mehr Glück: Die Segelflugzeuge am Flugplatz waren von Tau überzogen – ein verlässliches Zeichen für die bevorstehende Entstehung der Morning Glory. Um 06:16 Uhr hoben sie ab, das Ziel: eine schwache Linie am Horizont, rund 50 Kilometer entfernt.

Einstieg in den Lift vor der ersten Morning Glory am vierten Tag

Jenseits von Bentinck und Sweers Island erstreckte sich die Wolkenformation in voller Pracht – eine mächtige, kumulusartige Welle von Horizont zu Horizont, mit einer Basis bei 500 Fuß und einer Oberkante bei 2’500 Fuß. Ihre steile Vorderkante erhob sich im 75-Grad-Winkel, deutlich größer und weiter entfernt, als zunächst angenommen. Erst nach 15 Minuten erreichten sie die Front.

Mit der Wolkenwand zu ihrer Rechten näherten sie sich vorsichtig dem Aufwind, schalteten den Motor ab, zogen den Propeller ein – ab diesem Moment waren sie im reinen Segelflug unterwegs. Das Vario jammerte zunächst, bis sie in den stärkeren Auftrieb an der Frontkante der Glory einflogen. Mit Wölbklappen auf -10 und 140 Knoten in ruhiger, aufsteigender Luft durchflogen sie die Formation – ein eindrucksvolles Schauspiel, das nach 25 Minuten am Ende der Wolkenwand ausklang.

Die Aufwinde reichten wohl noch weiter, mitunter weit vor der sichtbaren Wolke – doch sie blieben lieber bei dem, was sie sehen konnten.

Wie Skifahren auf Wolken

Nach dem Wendepunkt flogen John Riedl und Rob Hanbury entlang der abgeflachten Vorderkante der Morning Glory – wie auf einem makellosen Skihang. Im dynamischen Aufwind glitten sie knapp über der Wolkenoberfläche, bei 1’000 Fuß, bei 2’500 Fuß mit sanften 60 Knoten – echtes Kamm-Segeln.

Man kann das Ausmaß auf dem Foto nicht erkennen, aber es ist gewaltig, wie der „Atem Gottes“.

Wie ein Skifahrer, der dem Gelände folgt, hielten sie Kurs entlang der Kontur, so nah, dass die Flügelspitze die Wolke streifte oder kurz darin verschwand. Wolkenfetzen ragten senkrecht nach oben – das Gegenteil herabhängender Cumulusreste. Das Segelflugzeug zitterte in der aufgewühlten Luft, das Variometer jubelte, der Rumpf vibrierte, sang, dröhnte – an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit.

Nach sechs energiereichen Durchgängen waren sie über 150 Kilometer von Burketown entfernt, die Sonne stand hoch, das Team am Boden wartete hungrig auf das Frühstück. Die Morning Glory löste sich langsam auf, ihre Energie war erschöpft. Sie glitten weiter zur nächsten Welle in Richtung Küste, nahmen nochmals ein Stück Aufwind mit – dann „Motor an“, Rückflug über unlandbares Gelände, ein letzter 50-Kilometer-Gleitflug.

451 Kilometer in weniger als drei Stunden – und das alles vor dem Frühstück. Ein Erlebnis, das bleibt. Ein stilles Privileg. Und das Gefühl: Es ist gut, am Leben zu sein.

Der Klang der Brolgas

Am zehnten Tag starteten acht Motorsegler bei Morgengrauen. Während das Kondens-Wasser noch von den Tragflächen tropfte, hallte aus dem sumpfigen Gelände hinter dem Flugplatz der Klang von Brolgas – ein vielversprechendes Zeichen für eine bevorstehende Morning Glory. Adler kreisten misstrauisch über den Segelflugzeugen, und als die Sonne die Küstenlinie überflutete, stiegen sie in 3’000 Fuß Höhe in den Tag.

Diese Morning Glory war größer als jede zuvor – ein massives, wolkenweißes Band von Horizont zu Horizont. Mit eingeklapptem Propeller segelten die Piloten an ihrer Krone entlang, 200 km/h schnell, später nah an der Wolkenbasis, getragen von ruhigem Aufwind. Die Piloten hielten Funkkontakt – bei Annäherung mit über 250 Knoten war Sichtkontakt oft nicht genug.

Über einer großen Insel verlor die Wolke an Energie, spaltete sich, hinterließ eine klare, turbulente Brücke. Als sie auf das Land traf, saugte es ihre Kraft auf, ließ sie schrumpfen – Zug um Zug wurde sie kürzer. Zehnmal flogen sie an ihr entlang, doch am Ende blieb nur ein Schatten ihrer einstigen Majestät. Einige dieser Formationen erstrecken sich über 1’000 Kilometer – diese aber war dabei, sich aufzulösen. Im langen Gleitflug kehrten die Piloten zurück nach Burketown – gestartet über einem tintenblauen Meer, gelandet über sonnenverbranntem Land.

Rodeo und Gemeinschaft

Burketown war kaum wiederzuerkennen: Cowboys, Stiere, Pferde – das jährliche Rodeo zog Hunderte an. Weiße und indigene Kinder spielten gemeinsam, frei und ungezwungen. Die Musik war Geschmackssache, das Gemeinschaftsgefühl überragend.

Rodeo in Burketown

Erfahrene Stiere warfen ihre Reiter souverän ab und trabten von selbst zurück in die Gatter – alte Profis. Die Pferde, weniger kooperativ, machten es ihren Reitern schwerer. Rund um die Bar war dreimal so viel Betrieb wie an der Arena, während sich die Menge in geselliger Trägheit der Hitze und dem Bier hingab.

Die Piloten trafen sich in der besten Adresse der Stadt – einer kleinen Bäckerei, bekannt als das inoffizielle „Wartezimmer der Flieger“. Dort tauschten sie ihre Erlebnisse aus – bei Kaffee, Kuchen und einem Gefühl von echter Zugehörigkeit. Burketown – ein Ort, den man erlebt haben muss.

2 Billionen Tonnen Luft

In der Nacht vor dem elften Tag veränderte sich das Wetter dramatisch. Über der Cape-York-Halbinsel lag eine gewaltige Luftmasse – rund zwei Billionen Tonnen. Als ein Drittel davon durch Sonneneinstrahlung aufstieg, entstand ein Tiefdruckgebiet, das kühle Meeresluft von beiden Seiten ansog. Diese Luftmassen trafen in der Dunkelheit aufeinander, kollidierten frontal und erzeugten eine gigantische atmosphärische Schockwelle – eine Morning Glory von außergewöhnlicher Größe.

Aufkommende Morning Glory am elften Tag.

Als die Piloten im Morgengrauen starteten, näherte sich die Wolkenwalze bereits bedrohlich – tief, gewaltig, aber überraschend ruhig. Eine zweite, höhere und unruhigere Welle folgte dicht dahinter. Die erste Morning Glory sog den am Boden liegenden Nebel auf – ein atemberaubender Anblick. Die freigesetzte latente Wärme der kondensierenden Feuchtigkeit war der Motor dieser Naturgewalt.

Der perfekte Hang

Für einen Skifahrer wirkte die Szene wie eine himmlische Piste. Mit bis zu 270 km/h glitten die Piloten nahe der strukturellen Belastungsgrenze ihrer Segler, als sie in nur 800 Fuß Höhe auf die stärkste Auftriebszone zusteuerten – tief genug, um unter normalen Bedingungen über eine Landung nachzudenken.

Die „Meringue Pie“ entstand, als die sekundäre Welle die primäre Morning Glory einholte

Notstart und Meringue-Wolke

Ein Moment der Ablenkung – ein Videoversuch im Sonnenlicht – brachte sie gefährlich nahe an die Leeseite der Wolke. Bei nur 60 Knoten in schwachem Aufwind verbrauchten sie beinahe ihre gesamte kinetische Energie. Ein Notstart des Motors verhinderte das Absinken, und sie retteten sich knapp über die Kante zurück in den kräftigen Aufwind.

Kurz darauf verschmolz die zweite, turbulente Welle mit der ersten – aus der einst majestätischen, glatten Formation wurde eine chaotische, zerklüftete Masse, die an eine überzuckerte Meringue erinnerte. Der Versuch, sich in ihrer Nähe zu halten, glich einem Flug durch einen Tumbler – sie zogen sich rasch zurück.

Frühstück auf Sweers Island

Nach 400 Kilometern und fünf Etappen in nur zwei Stunden wechselten die Piloten zur sekundären Welle – ohne Erfolg. Die Glory schwächte sich ab, der Aufwind verebbte. Sie verließen die Formation, die seit ihrem Einstieg 80 Kilometer gegen den Wind zurück gelegt hatte, und flogen 110 Kilometer nordwärts nach Sweers Island. Nach einer Seitenwind-Landung auf einer schmalen Schotterpiste erwarteten sie Frühstück, Ruhe – und die nächste Entdeckung.

Richtig groß

Am zwölften Tag starteten zwölf Segelflugzeuge kurz vor Sonnenaufgang – alle mit dem Ziel, eine mächtige Morning Glory zu erwischen, die parallel zur Küste ins Landesinnere zog. Die Feuchtigkeit war extrem, die Flugzeuge beschlagen, der Horizont diffus. Am Himmel zeichnete sich eine Szene wie aus den Rocky Mountains ab: keine glatten Konturen, sondern dramatische, wolkenartige Gebirgsketten.

Südlich davon zeigte sich eine klassische, glatte Morning Glory – gefolgt von zwei weiteren, zunehmend turbulenten Wellen. Es wirkte wie ein rollendes Massiv, das sich langsam, aber unerbittlich über das Land schob. Die Piloten hielten sich an den weniger wilden südlichen Abschnitt und überließen die brodelnden Nordgipfel anderen.

Selbst die vermeintlich glatte Zone war komplex strukturiert und deutlich breiter als üblich – verbunden mit der sekundären Welle und durchzogen von innerer Dynamik. Wer dafür noch Superlative übrig hatte, konnte sie hier verwenden: Diese Formation war schlicht überwältigend.

Ein vorsichtiger Flug

Mit abgeschaltetem Motor und eingefahrenem Propeller suchten sie den stärksten Auftrieb an der vorderen, „blauen“ Linie – tief und stabil, aber nicht mehr spektakulär. Wahrscheinlich entzog die sekundäre Welle der primären etwas Energie. Die Piloten flogen defensiver, tasteten sich dicht an der Oberfläche entlang, folgten der welligen Topografie der Wolken wie Skifahrer einer anspruchsvollen Piste – das Fluggefühl war fließend, beinahe körperlich.

Als sich das Wetter südlich zunehmend verschlechterte und die drei Wellen zu einer chaotischen Struktur verschmolzen, zogen sich die Piloten aus dem unruhigen Bereich zurück.

Letzter Flug, stiller Abschied

Nach vier Nord-Süd-Durchgängen und 370 Kilometern in 2 Stunden und 20 Minuten näherten sie sich Burketown. Dichte Bewölkung zwang sie, unter dem aufziehenden grauen Band durchzufliegen – ein Abstieg als einzige Rückkehr-Möglichkeit.

Vorbeiflug an Lizard Island an der Ostküste von Queensland auf dem Weg zurück nach Lake Keepit.

Vorbei an Wasserlöchern und Rinderherden endete eine eindrucksvolle Serie: 25 Flüge entlang der Morning Glory in nur vier Tagen. Die Rückreise führte über Lizard Island und die Küste Queenslands entlang.

Quelle:‘glidingaustralia.org‚. Autor: John Riedl

Fazit: Was John Riedl auf seiner Reise zur Morning Glory erlebte, war weit mehr als ein Flugabenteuer. Es war eine Begegnung mit Naturgewalten, mit der eigenen Entschlossenheit – und mit einem Australien, das nur wenige kennen. Ein stilles Privileg, getragen von Wind, Mut und der Liebe zum Fliegen.

Teil 1: Mit der Stemme zur Morning Glory

Der Flug mit Morning Glory war für John Riedl eine eindrucksvolle Erfahrung seines Lebens – ein seltenes, nahezu magisches Erlebnis, das sich unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hat. Weltweit haben vermutlich nur 200 bis 250 Menschen dieses Natur-Phänomen aus der Luft erlebt – weniger, als den Gipfel des Everest erreicht haben.

Doch es ist nicht nur die Glory selbst, die dieses Abenteuer so besonders macht. Es ist die gesamte Reise dorthin – durch abgelegene, raue Landschaften im Herzen Australiens, bis hin zur sich entfaltenden Weite des Gulf Country und entlang der Küste Queenslands zurück.

John Riedl und Rob Hanbury reiten auf der Morning Glory-Welle zu den Wolken auf 6’500ft, während eine weitere Stemme unter ihnen vorbeizieht.

Diese Reise zeigte ein Australien, das vielen Einheimischen verborgen bleibt – ein visuelles Abenteuer mit wechselnden Landschaften, erlebt in niedriger Flughöhe, intensiv und unmittelbar. Wer die Chance bekommt, sollte sie ergreifen.

Für Segelflieger ist das Fliegen mit der Glory ein einmaliger Nervenkitzel – aber auch eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie erfordert akribische Vorbereitung, sowohl des Flugzeugs als auch des Piloten. John Riedl hatte vor dem Flug gerade einmal 120 Stunden Erfahrung und war noch nie allein mit der Stemme unterwegs. Er kehrte als zertifizierter Pilot zurück.

Die Route führte John Riedl und Rob Hanbury (links) durch das Landesinnere von NSW und QLD und über die Küste von QLD zurück zum Lake Keepit

Wo die Reise begann

John Riedls fliegerische Laufbahn begann 1986 mit einem einwöchigen Segelflugkurs in Camden. Sein Fluglehrer war Ray „Rope-Break“ Morton, ein ehemaliger RAF-Pilot mit Hang zum Abenteuer – und zur Anekdote: Seine spätere Partnerin lernte er nach einer unerwarteten Übernachtung am Burrinjuck Damm kennen, verursacht durch ein mysteriöserweise gerissenes Schleppseil.

Unter Mortons Anleitung absolvierte Riedl 19 Flüge in einer ASK13, darunter zwei Allein-Flüge. Danach legte er – bedingt durch berufliche Verpflichtungen – eine 35jährige Flugpause ein. Erst im November 2021 kehrte er zurück in die Luft, um das Segelfliegen über ein inzwischen stark verändertes Camden erneut zu erlernen. Inspiriert von dem Bildband Australia – The Greatest Island, in dem eine Umrundung des Kontinents aus der Luft dokumentiert ist, fasste er den Entschluss, diese Reise zu unternehmen. Im Dezember 2021 erwarb er dafür ein Reisemotorsegelflugzeug vom Typ Stemme S10V.

Die umstrittene Stemme

Das Flugzeug, eine Stemme S10V aus dem Jahr 1995, ist mit 23 Metern Spannweite, Klappflügeln, Einziehfahrwerk und einer beeindruckenden Gleitzahl von 50:1 ausgestattet. Angetrieben wird der einklappbare Verstell-Propeller von einem 2,4-Liter-Limbach-Motor, der über eine Kohlefaserwelle zwischen den Sitzen mit dem Propeller verbunden ist. Der Kraftstoffverbrauch liegt bei 14 Litern pro Stunde, die Reise-Geschwindigkeit bei 85 bis 90 Knoten.

Der Kauf sorgte für Diskussionen – nicht nur in Riedls Umfeld. Mit 77 Jahren galt er als fliegerischer Wiedereinsteiger ohne aktuelle Lizenz. Viele warnten ihn: zu alt, zu riskant, die Stemme sei viel zu anspruchsvoll für ein erstes eigenes Flugzeug. Die Spannweite sei für Seitenwind kritisch, das Handling komplex.

Riedl ließ sich nicht beirren

Er begann mit einer erneuten Ausbildung in einem konventionellen Segelflugzeug – ein Weg, der sich als lang und mühsam erwies. Immer wieder wurde er durch äußere Umstände zurückgeworfen: schlechtes Wetter, Überschwemmungen, Covid-bedingte Unterbrechungen. Nach jeder Pause wartete ein neuer Fluglehrer, der ihn wieder von vorne einwies. Trotz aller Rückschläge hielt Riedl an seinem Traum fest. Seine Geschichte steht sinnbildlich für die Überzeugung: Es ist nie zu spät, neue Wege zu gehen – oder alte Träume Wirklichkeit werden zu lassen.

Re-qualifiziert und startbereit

Bis 2023 hatte John Riedl sämtliche fliegerischen Qualifikationen erneut erworben – von A-, B- und C-Zertifikaten bis hin zu GPC-, DI-, Passagier- und Streckenflugberechtigungen sowie der Zulassung als unabhängiger Betreiber. In dieser Zeit flog er verschiedene Segelflugzeuge wie den PW5, die ASK21, den Duo Discus, die Ximango und die Dimona. Die Stemme S10V, die er bereits 2021 erworben hatte, blieb zunächst am Boden – ein Fluglehrer war Voraussetzung, und nur wenige in Australien waren für dieses Flugzeug qualifiziert. Zudem war die Maschine in Lake Keepit stationiert, da ein geeigneter Hangar für die 23-Meter-Spannweite in Camden unerschwinglich war.

Dank der Unterstützung zahlreicher Helfer konnte Riedl die Stemme Mitte 2023 sicher fliegen – wenngleich noch nicht allein. Am 24. September 2023 begann er schließlich mit Fluglehrer Rob Hanbury die Reise zur Morning Glory. Ziel: 8’000 Kilometer durch Australien, verteilt auf rund 60 Flugstunden.

Aufbruch ins Ungewisse

Die erste Etappe führte über fruchtbares Ackerland und klaren Himmel von Lake Keepit nach Walgett – einer Stadt mit „sichtbaren“ sozialen Problemen und menschenleerer Umgebung. Von dort ging es weiter nach Charleville, wo der Himmel diesiger wurde und das Land zunehmend trockener erschien. Nach kurzem Zwischenstopp erreichten sie Longreach – die historische Heimat von Qantas.

Einsamkeit und Thermik

Die Route führte nun über weite, trostlose Ebenen – flach, trocken, kaum landbar. In 6’500 Fuß Höhe war die Luft kühler, der Flug ruhiger. Der Wechsel zwischen Auf- und Abwinden bestimmte das Tempo: im Steigflug 55 Knoten, im Sinkflug 110 – ein Schnitt von rund 170 km/h. Satellitentelefone und reichlich Wasser an Bord boten ein Gefühl von Sicherheit in einer Region, in der man oft stundenlang kein Anzeichen menschlicher Präsenz entdeckt.

Im Herzen des Outbacks

Longreach beeindruckte mit seinem Qantas-Museum und der schieren Weite – samt Motel-Anlagen und Vogel-Massen am Morgen. Der Weg führte weiter über das sogenannte Kanalland mit entlegenen Viehzuchtstationen, trockenen Flussläufen und verlassenen Minen. 500 Kilometer später erreichten sie Cloncurry – wie üblich mit einem langen Gleitflug zum Abschluss.

Thermik, Hitze und Elefantentanz

Die Temperaturen stiegen am Boden auf über 40 Grad, die Luft war dünn. Der Start verlief schleppend, doch ein starker Aufwind hob das Flugzeug von 500 auf 9’000 Fuß – in kühlere Luft. Die Stemme, schwerfälliger als leichtere Segler, erinnerte im Handling eher an einen tanzenden Elefanten als an ein wendiges Sportflugzeug. Doch an diesem Tag belohnte sie die Crew mit einem ruhigen Steigflug und einem Vario, das bis jenseits der Skala ausschlug.

Trotz der kargen, nahezu lebensfeindlichen Umgebung vermittelte das Land eine stille Erhabenheit. Nur vereinzelt tauchten Rinderstationen auf, bevölkert von zähen Brahman-Rindern – geschaffen für das harsche Klima und widerstandsfähig gegen nordaustralische Zecken.

Im Land der Serpentinen-Flüsse

Im grünen, wasserreichen Gulf Country näherte sich John Riedls Reise einem Höhepunkt. Mit 200 km/h im Gleitflug erreichten er und Rob Hanbury Burketown – Ausgangspunkt ihres Abenteuers zur Morning Glory.

Drei mäandrierende Flüsse prägten hier die Landschaft, schlangen sich durch Watt-Flächen und Mangroven-Wälder, während zahllose Nebenarme wie Adern ins Land griffen. Am Horizont loderten Buschfeuer, und direkt vor ihnen lag Burketown – benannt nach ihrem Entdecker Burke, dessen Expedition hier ihr nördlichstes Ziel erreichte, bevor die Mangroven sie stoppte.

Die selbsternannte „Barramundi-Hauptstadt“ lag an einem Billabong, nur durch eine neu entstandene Flussschleife vom Hauptstrom getrennt. Der Ort selbst war überschaubar: eine Lodge, ein Wohnwagenpark, ein Bäcker, ein Pub – und sonst wenig. Unter den Toilettensitzen lebten Frösche, im Garten wucherten Rohrkröten, und Wallabys huschten mit erstaunlicher Geschwindigkeit vorbei.

Quelle: ‚glidingaustralia‚ Autor: John Riedl

-> 2. Teil von John Riedl’s Reise zur ‚Morning Glory‘ folgt in Kürze.

Flying the Morning Glory Cloud

For the second day in a row, the weather Gods gave us a beautiful Morning Glory Cloud. This one was over land, went right down to the ground ( early on) and gave us 2.5 hrs flying on a beautiful smooth cloud. The Phoenix Motorglider performed beautifully, the perfect aircraft for this type of flying. Source: ‚Youtube‚.