Luftwanderung, Tag 3, Berner Oberland, Wallis, Surselva, Ostschweiz

Die Begrüssung zum Frühstück mit einem breiten „Güetä Morgä“ hat uns sofort daran erinnert, in welch herrlicher Gegend wir gestern gelandet sind. Unser Entscheid, einem komfortablen Hotel-Zimmer den Vorzug gegenüber einer staubfreien Ecke in einem Flugzeug-Hangar zu geben, stellt sich erneut als goldrichtig heraus. Wenn schon Wandersegelflug, dann bitte mit Stil.
Obwohl erst seit zwei Tagen unterwegs, stellt sich schon ein bisschen Routine ein. Wir studieren Wetterkarten, Lufträume, DABS und was es sonst noch so zu tun gibt. Allerdings ist die Aufgabe heute deutlich einfacher. Normalerweise überlegen wir uns, wohin es gehen soll, und mindestens so wichtig, ob wir dort am Folgetag wieder wegkommen. Der Sonntag, 13. Juli 2025 gilt aber schon seit einigen Tagen in den Vorhersagen als segelfliegerisches Streichresultat, weshalb wir beschliessen, heute Samstag „nach Hause„, also nach Schänis zu fliegen. Bei aller Planung geniessen wir aber trotzdem ein wunderbares Berner Oberländer Frühstück. So darf der Tag durchaus weitergehen – einfach köstlich. Ein Kamerad der SG Obwalden bietet an, den Shuttledienst vom Hotel zum Flugplatz Zweisimmen für uns zu übernehmen. An dieser Stelle nochmals besten Dank dafür.
Auf dem Flugplatz angekommen, stellen wir schnell fest, dass noch andere Segelflieger von der guten Thermikprognose für diesen Samstag, 12. Juni, gelesen haben. Jedenfalls war das Gewusel schon recht gross. Es stellt sich fast eine Art Hektik ein. Spätestens als sich die Berner Oberländer Kameraden an den Start gesellen, ist diese Hektik blitzartig verflogen. Dieser wunderbare Berner Oberländer Dialekt ist ein Entschleunigungs-Programm. Da sich bekanntlich Fliegen und Hektik schlecht vertragen, wäre unser Lösungsansatz, dass man ab sofort nur noch Berner Oberländer Dialekt auf Flugplätzen spricht. Damit ist Ruhe programmiert.
Dank der Tatsache, dass wir während unseres Wandersegelfluges den Motor jeweils nur für einen kurzen Steigflug nach dem Start einsetzen mussten, brauchen wir während der gesamten Reise nicht nachtanken. Insgesamt verbrauchen wir auf unserer Reise bescheidene 13 l Treibstoff. Bei einer Gesamtstrecke von etwas über 1’100 km ergibt dies nur 1.2 l/100 km. Bei solchen Verbrauchswerten werden selbst Elektroauto-Fahrer neidisch.
Jetzt ist aber Schluss mit lustig, volle Konzentration ist gefragt, unsere Aufmerksamkeit gilt dem Eigenstart. Voltenplan, Pistenlänge, Halbbahn-Markierung, wo muss der Start abgebrochen werden etc. Diesen Details gilt es beim Eigenstarter, höchste Beachtung zu schenken. Leider sind die Systeme nicht sonderlich zuverlässig – deshalb gilt beim Eigenstarter als goldene Regel – assume the worst and hope for the best.
Glücklicherweise schnurrt unser Solo Triebwerk zuverlässig wie ein alter Kater, dies ist gut so, denn Notlande-Wiesen im Ausflug nach dem Start in Zweisimmen sind selten wie Schnee in der Sahara. Nach dem Steigflug und einem ausgedehnten Motor-Kühllauf verpacken wir unsere bleierne Thermik und finden rasch die ersten Aufwinde. Die Wetteroptik um uns herum ist allerdings eigenartig. Teilweise gibt es wunderbare Cumulus-Wolken, unweit davon hängen aber Wolken völlig motivationslos in tieferen Lagen. Ernst zaubert mit Geduld und sauberem Fliegen genügend Höhe her, sodass wir schon bald am Wildstrubel vorbei, über den Plaine Morte Gletscher ins Wallis gleiten können. Der französische Ausdruck „Plaine“ steht übrigens für Ebene. Und es ist tatsächlich eine Ebene, vor tiefem Überflug wird daher abgeraten.

Trotz wunderbarer Wetteroptik, das Wallis überzeugt noch nicht. Ernst kämpft mit ruppiger Leethermik, welche vom Nordwind zerrissen wird und nur schwache Aufwinde liefert.
Erst nördlich von Visp klettern wir in einem sehr guten Aufwind von 2’700 auf fast 3’400 m damit sind wir wieder „im Geschäft“. Einer alten Tradition folgend, übergibt mir Ernst den Flieger auf Höhe. Als nach und nicht vor dem Aufwind. Ich entscheide mich, die Talseite zu wechseln. Wind und Sonneneinstrahlung rufen nach der Südseite des Wallis. Bei den ersten Wolken in der Region des Pizzo Cervandone handelt es sich allerdings um Sirenen – ACHTUNG: kurzer Ausflug in die griechische Mythologie – Sirenen sind meist weibliche, in Darstellungen bisweilen bärtige Fabelwesen (da war doch noch etwas mit einem Österreicher – aber ist ja Wurscht) die durch deren betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten.
Na ja, ganz so schlimm war’s dann auch wieder nicht, aber gestiegen sind wir auch nicht. Der Aufwind beim Fülhorn im Binntal (einem der ursprünglichsten Alpentäler) hat dann aber zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert – eben doch, lieber zuverlässige Walliser Aufwinde als griechische Sirenen.
Mittlerweile neigt sich unser Stromvorrat dem Ende zu. Während wir bei unserem früheren Arcus M mit den Solarpanels problemlos drei bis vier Tage ohne Batterie-Laden fliegen konnten, sind die Batterien unseres neuen Arcus M jetzt definitiv leer geflogen. Vermutlich müsste man eher sagen, leer gequatscht, haben wir doch bei unserer gestrigen Umrundung der TMA Genf permanent entweder mit Geneva Info oder Chambéry Approach geplaudert. Wobei es keinesfalls so war, dass wir ein ungehemmtes Mitteilungsbedürfnis verspürten, vielmehr zeigten die ATC’s ein ausgeprägtes Bedürfnis, mit uns zu reden.
Egal, wir sind früher auch ohne elektronische Instrumente geflogen, Fahrtmesser und Stauscheiben-Variometer müssen reichen. Etwas blöd ist, dass man heutzutage nicht einmal mehr eine Höhenanzeige hat, da auch diese nur noch elektronisch betrieben wird. Aber wie war die Theorie nochmals, wenn ich eine Krete oder einen Passübergang anfliege und die Landschaft dahinter „mehr wird„, also hinter dem Pass immer mehr Landschaft im Tal sichtbar wird, dann reicht die Höhe für den Überflug. Auch dafür braucht es keinen Höhenmesser.
Als wir in einen sehr guten Aufwind am Winterhorn im Urseren-Tal einfliegen, markiert Ernst im Frontsitz das akustische Variometer. Bei starkem Steigen piepst er wie ein alter Pirol, im Sinken tönt er wie eine heisere Krähe. Da ist mir Ruhe im Cockpit sympathischer, also stelle ich das humanoide Variometer wieder aus.
Jedenfalls beschliessen wir, mangels Elektrizität an Bord den Flug nicht weiter zu verlängern, sondern direkt nach Schänis zu fliegen. Im Val Russein versuchen wir, in super-ruppiger Luft Höhe zu gewinnen, um über den Sandpass in Ernst’s Heimat, das Glarnerland zu gleiten.

Obwohl sich Ernst im Grundsatz immer sehr manierlich verhält, das Glarnerland will uns (noch) nicht. Die Aufwinde am Piz Avat fühlen sich an wie ein kräftiger Föhnsturm und verlangen volle Aufmerksamkeit. Leider manifestierte sich, dass der Sandpass keine Option war. Etwas weiter draussen im Tal finden wir einen gut entwickelten Aufwind, der genügend Höhe für den sicheren Überflug über den Kistenpass spendet. Voilà und schon fühlt sich Ernst wieder sauwohl, weil zu Hause. Es braucht gar nicht soviel.
Die Bilanz unserer dreitägigen Reise:
- Strecke: Etwas über 1’100 km (WeGlide)
- Flugzeit: 17 h
- Treibstoff: 13 Liter
- Erlebnis: Unbezahlbar
- Begegnungen: Nur spannende – die anderen vermeiden wir
Wandersegelflug ist eine wunderbare Sache, um segelfliegerisches Neuland zu erkunden. Die Tatsache, dass man nach halber Flugdistanz nicht schon an den Rückflug denken muss, hat etwas Befreiendes. Es wird nicht unsere letzte Reise gewesen sein, Ideen & Pläne haben wir noch ganz viele. Wir freuen uns auf die kommenden Abenteuer.
Hier finden Sie Berichte der beiden vorgängigen Flugtage:
-> Tag 1, Schänis-Speyer-Schwarzwald-Jura-Grenchen
-> Tag 2, Grenchen-TMA Genf-Chambéry-Savoyen-Unterwallis-Zweisimmen


