Zehn Jahre dauerte es, bis Garrett Fisher seinen Traum verwirklichte: einen Nachtflug über die winterlichen Alpen im Licht des Vollmonds. Was als spontane Idee in Wyoming begann, entwickelte sich zu einem langjährigen Projekt voller technischer Aufrüstung, regulatorischer Hürden und logistischer Feinplanung.
Anfangs war ein Nachtflug mit seiner PA-11 ausgeschlossen – keine Beleuchtung, keine Infrastruktur, nichts davon legal. Erst Jahre später, inzwischen in Europa, erhielt das Flugzeug Navigation Lights sowie einen kleinen windgetriebenen Generator. Doch die komplexe Stromversorgung, die beheizte Ausrüstung für extreme Wintertemperaturen und die Besorgnis über die Zuverlässigkeit der Systeme machten den Weg in die Dunkelheit weiterhin unsicher. Dazu kamen die regulatorischen Fallstricke: widersprüchliche Vorgaben zwischen FAA- und EASA-Regularien, eingeschränkte Öffnungszeiten alpiner Flughäfen und bürokratische Sackgassen, die eine Nachtflugberechtigung zwar verlangten, sie aber kaum erwerbbar machten.
Erst eine seltene Kombination aus geografischen und gesetzlichen Definitionen schuf eine Nische, in der er legal fliegen und gleichzeitig die FAA-Anforderungen erfüllen konnte. In einer abgelegenen Ecke Europas absolvierte er schließlich die geforderten drei Starts und Landungen – und erhielt seine Nachtflugberechtigung per Post, als wäre nie ein Problem bestanden.
Der erste echte Nachtflug

Den eigentlichen Durchbruch brachte jedoch ein Winter, in dem der nächtliche Flugplan des Flughafens Sion für wenige Tage mit den Mondphasen, dem Wetter und seinem eigenen Kalender übereinstimmte. Die Bedingungen mussten stimmen: genügend Mondlicht, schneebedeckte Berge, stabile Winde – und ein Flughafen, der bereit war, überhaupt für VFR-Nacht offen zu bleiben.

Als sich alles fügte, startete Fisher von Gstaad aus Richtung Matterhorn. Der Sonnenuntergang legte sich wie ein farbiger Schleier über die Gipfel, die Dämmerung dehnte sich über anderthalb Stunden wie ein langsam verlöschender Regenbogen. Über FL160 umrundete er Matterhorn und Dufourspitze, bevor sich vollmondhelle Alpen und die Lichter Mailands in der Ferne mischten. Nebel kroch – wie vorhergesagt – in die Täler, doch das Mondlicht gewann an Intensität und enthüllte Konturen, die bei Tag verborgen bleiben. Rund um den Mont Blanc flog er mehrere Kreise, fasziniert von einem Schauspiel, das er für unmöglich gehalten hatte.

Nach dreieinhalb Stunden setzte er in Sion zur Landung an – ohne Zwischenfälle, aber erfüllt von Eindrücken, die sich unauslöschlich einprägten.
Der zweite Flug – und der endgültige Perspektivwechsel
Wenige Tage später folgte ein weiterer Versuch, diesmal über die Jungfrau. Eine fast vollmondhelle Nacht, klare Luft – eine Seltenheit im Berner Winter. Über dem Aletschgletscher sah er den Mond im Osten aufgehen, während der Westen noch glühte. Die stärker werdende Mondbeleuchtung erzeugte scharfe Kontraste zwischen Gletschern und Felsgraten, die alle Erwartungen übertrafen. Trotz vereinzelter Fallwinde war der Flug sicher, und der Anflug nach Bern verlief routiniert.



Und dann?
Nach zehn Jahren Sehnsucht und zwei Nächten voller Erfüllung stellte sich eine unerwartete Ruhe ein. Die jahrzehntelange Faszination wich einer neuen Perspektive: Wenn er heute an einem winterlichen Vollmondabend aus dem Fenster blickt, denkt er mit einem Schmunzeln daran, wie absurd es sei, bei solchem Wetter in einem Spornradflugzeug unterwegs sein zu wollen. Der Traum war erreicht – und hatte seinen Zauber damit auf eine neue Weise erfüllt. Text und Bilder: Garrett Fisher

