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Das finden Sie nie im Untersuchungsbericht

Kürzlich fragte mich ein Neu-Einsteiger in unseren Segelflug-Sport nach Gemeinsamkeiten bei den Unfallursachen der letzten Jahrzehnte. Er meinte damit nicht die Statistiken in meinem Bericht zu den Bemühungen der Unfall-Prävention, sondern «menschliche» Faktoren. «Ehrgeiz», «Selbst-Überschätzung» und «fehlendes Korrektiv» war meine spontane Antwort auf seine Frage. Dieser Bericht fokussiert sich daher für einmal auf menschliche Faktoren, die in den Flugunfall-Untersuchungsberichten selten oder nie auftauchen.

Ehrgeiz

Die Liste der Opfer des Ehrgeizes ist lang. Seine Wirkung ist etwa bei zentralen Wettbewerben gut erkennbar. Grobe Schnitzer wie Fliegen (zu) nahe am Gelände oder zu tiefe Endanflüge, Überflüge, echte Notlandungen in unlandbarem Gelände sowie Zusammenstösse in der Luft gehören ebenso ins «Sortiment» wie «kleinere Unachtsamkeiten», etwa das Überrollen eines abgelegten Flügels mit dem Auto in der Startaufstellung, aufgeplatzte Flügeltanks durch eine hektische «Druckbetankung» kurz vor dem Start, Nicht-Gewähren des Vortritts-Rechts beim Hangfliegen oder einfach «fliegen, bis das Rad rollt». Das jüngste Beispiel dieser Unglaublichkeiten ist nur wenige Wochen alt.

Ein Teil unserer Segelflug-Community scheint gleichzeitig mit dem Umschalten in einen sogenannten «Wettbewerbs-Modus» auf einen arg einengenden Tunnelblick zu wechseln, der alles, was dem Ziel, mit dem heutigen Flug auf den vordersten Plätzen der Rangliste zu landen, nicht dient, konsequent ausblendet. Darauf komme ich im Abschnitt «Herdentrieb» am Artikelende separat zurück.

Gefahren-Situationen:Zeitdruck oder Stress, «Etwas» zu verpassen, den Anschluss ans Feld, den nächsten Thermikaufwind, den richtigen Start-Zeitpunkt.
Ursache:Tunnelblick. Herdentrieb *)
Erklärung siehe separaten Abschnitt am Artikelende.
Lösung:Mental «einen Gang zurückschalten», Abstand zum eigenen Tun gewinnen. Durchatmen. Pausieren.
Fazit:Unserem urtümlichen Herdentrieb wird man nur mit bewusstem mentalem Gegensteuern Meister. Allein das Bewusstsein, was da gerade im Kopf passiert, ist ein erster Schritt, um Druck abzubauen, «sofort handeln zu müssen, egal was es ist».

Selbst-Überschätzung

Eine zweite Gemeinsamkeit, die in den Unfallursachen, im Gegensatz zu den (rein technisch analysierten) Flugunfall-Untersuchungs-Berichten oft auftaucht, ist eine unzutreffende Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Wir üben unseren Sport oft unter extremen Bedingungen aus. Am Boden herrschen z.B. an unseren Urlaubs-Destinationen über der Flugplatz-Asphaltpiste beim Start Temperaturen von 60° C (also nahe an den Sauna-Temperaturen, die man selbst mit regelmässigem Training kaum länger als 20 Minuten aushält), später kann beim Thermikfliegen das Thermometer auch mal deutlich unter Null Grad sinken. Wir fliegen im Gebirge permanent nahe am Gelände, sollten uns über Stunden voll konzentrieren, sind ständig mit Luftraum-Überwachung, kontrollierten oder gesperrten Lufträumen beschäftigt und fliegen dabei auch noch hochgezüchtete Renngeräte.

Beim Starkwind-Fliegen im Föhn oder Mistral werden wir durch die grösste Achterbahn genudelt, die man sich vorstellen kann, und bewegen uns in Höhen, die ohne Sauerstoff kaum überlebbar sind. Allein diese äusseren Bedingungen sind für einen voll austrainierten, jungen Menschen eine gehörige Belastung. Wenn ich aber so in unsere Runde schaue, dann drückt ein 50jähriger Pilot den allgemeinen Alters-Durchschnitt aller anderen nur knapp unter 70.

Wenn all das auf einen gereiften Charakter trifft, der in den letzten 30 Jahren in Beruf und Familie «NEIN» höchstens als netten Hinweis einschätzt, dass Noch Ein Impuls Nötig sei, wird es wahrscheinlich irgendwann eng. Manche unter uns sind es nicht (mehr) gewohnt, Kritik anzunehmen, eine andere Meinung anzuhören oder sie sogar zu akzeptieren. Sie folgen treu der Maxime «mir kann sowas nicht passieren, mir doch nicht…». (Zu diesem Themenbereich ist übrigens in den flieger.news vor wenigen Tagen auch ein lesenswerter Gastbeitrag von Christophe Brunelière erschienen).

Im Cockpit äussert sich diese Charakter-Eigenschaft etwa beim Einschätzen der Gelände-Abstände. Mir fällt auf, dass Jungpiloten (Teenager, nicht ergraute Quer-Einsteiger) einen natürlich-grosszügigen Abstand in ihre geländenahe Fliegerei einplanen. Schliesslich haben sie das in ihrer eben abgeschlossenen Ausbildung so gelernt. Man fühlt sich bei ihnen angenehm sicher. Bei älteren Semestern, die schon immer präzis wussten, wo für sie die Grenzen bei Speed und Abstand liegen, habe ich mein Gewicht auch schon instinktiv auf die weiter vom Gelände entfernte Hinterbacke verlegt, begleitet von der Aussage «mir ist der Abstand zum Berg übrigens jetzt nahe genug»!

Natürlich hat jeder seinen persönlichen Flugstil, was für manche «viel zu nahe» ist, war für andere schon immer der sichere Standard. Das ist die Herausforderung bei jedem Flug. Einem Berg ist es leider egal, ob ich zuvor 8’000 Flugstunden gesammelt habe, auch wenn ich ihm nur ein einziges Mal zu nahe komme.

Auf jedem Flug werden die Uhren wieder «auf Null gestellt». Routine ist nicht hilfreich, wenn man darunter eine Sammlung bisher glücklich überstandener, gefährlicher Gewohnheiten versteht. Wenn Sie sich hier also in der einen oder anderen Situation wiedererkennen, sind Sie im Vorteil, wenn Sie Ihren Flugstil ein paar Gänge zurückschalten und einfach auf potenziell gefährliche Gewohnheiten verzichten. Etwa Drehen gegen den Hang. Oder beim Thermikkreisen mit anderen innen herum steil eindrehen und abkürzen. Oder chronisch tief ins Gelände hinein zu rauschen, um dann in einer längeren «archäologischen Ausgrabungs-Aktion» mehr Zeit zu verlieren als eine Viertelstunde vorher einen mittelprächtigen Aufwind über der Krete mitzunehmen.

Gefahren-Situationen:Die neutrale Selbstkritik, das Sensorium für gefährliche Situationen fehlt, man erkennt sein eigenes gefährliches Tun nicht oder zu spät.
Ursache:Der eigene Charakter, verschobene Wahrnehmung und Nicht-Akzeptanz von Kritik oder jahrelang gänzlich fehlende Kritik von aussen.
Lösung:Mental einen Schritt zur Seite gehen und seine Aktivitäten, seine Pläne selber und permanent so neutral wie möglich analysieren und sofort anders agieren (etwa beim Kreisen gegen den Hang).
Fazit:Aktiv das eigene Handeln neutral zu prüfen, setzt voraus, dass man überhaupt dazu bereit ist. Spätestens nach dem ersten abenteuerlichen Manöver muss eine genaue Analyse einsetzen, was man gerade schadlos überstanden hat.

Fehlendes Korrektiv

Ein Korrektiv kann eine Freundin oder Ehefrau sein, die ihren Partner beim abendlichen Erzählen seiner überstandenen Flugabenteuer fragt, ob er eigentlich «gut findet, was er da heute gemacht hat..»? Oder ein Flug-Kamerad, der sich im Doppelsitzer offen über eine Marotte seines Kameraden äussert: «Sag mal, fliegst Du so nahe am Gelände eigentlich immer so langsam…»?. Und natürlich darf ein Fluglehrer auf dem jährlichen Überprüfungsflug auch mal robust auftreten, sollte das Verhalten seines Schützlings es erfordern. Oft leben Alphatiere seit Jahrzehnten in einer widerspruchslosen Umgebung, niemand traut sich wegen der finanziellen, organisatorischen oder psychologischen Abhängigkeiten, selbstbewusst eine eigene, gegenteilige Meinung zu vertreten. Diese Menschen haben oft Mühe, andere Autoritäten anzuerkennen, nur was sie denken und tun, ist richtig.

Korrektive fehlen nicht nur in der Luft. Kürzlich wurde ich unfreiwilliger Zeuge eines heftigen Streites auf einem Flugplatz. Der Streit zwischen einem Mitglied und dem Flugplatz-Chef entfachte sich an einer Banalität – ein zu spät bezahlter Mitgliederbeitrag. Auf das fehlbare Verhalten freundlich hingewiesen, wurde das Mitglied (ein bekannter Streckenflieger) nicht nur ausfällig, sondern auch beinahe handgreiflich. Nur das aktive Dazwischen-Treten zweier «Zaungäste» verhinderte eine Schlägerei. Er tickte vollständig aus. Meiner Einschätzung nach ist diese Art von «Charakter» für die Ansprüche der Fliegerei untauglich. Man stelle sich vor, er bekäme von einem Fluglotsen eine korrigierende Anweisung, die ihn ebenso stört wie die erwähnte Kritik an seinen Zahlungsfristen.

Gefahren-Situationen:Nur die eigene Meinung und das eigene Tun sind richtig, andere Autoritäten werden nicht anerkannt.
Ursache:Niemand traut sich, einem Alphatier zu sagen, was es falsch macht. Angst, Kritik anzubringen. Finanzielle, organisatorische oder psychologische Abhängigkeiten.
Lösung:Eigene Fehler offen zugeben, man signalisiert damit Offenheit; andere werden sich danach ebenfalls trauen, ihre Meinung zu äussern. Freunde oder Partner dazu bringen, Kritik offen zu äussern und diese auch ernst nehmen und Korrekturen erkennbar umsetzen, auch wenn sie unangenehm sind.
Fazit:Erneut dreht sich alles um den eigenen Charakter, die eigene «Sicherheits-Kultur» und ein Mindestmass an Offenheit gegenüber eigenen Fehlern und diese auch zugeben und korrigieren zu können.

Wie eine Herde Pferde

Ein weiterer menschlicher Faktor, der uns als Pilot/-in gelegentlich in Situationen bringt, in die wir eigentlich lieber nicht geraten wollen, ist der Herdentrieb. Ein Prachtsexemplar entstehender Gruppen-Dynamik war ein gemeinsamer Einflug in den östlichen Teil des Maurienne-Tales, obwohl die Wetteroptik offensichtlich miserabel war, etwa ähnlich wie in der folgenden Bilder-Galerie:

Seit Jahren stürze ich mich jeweils kühn über die aus Süden einfließende «warmfeuchte Brühe» an die «rettende Insel» namens Charbonnel. Dieser massive 4’000er heisst so, wie er aussieht. Die von der Sonne eingestrahlten, langen Westflanken glänzen anthrazitfarben und speichern die Sonnenstrahlen. Der tiefe Nordausläufer des Charbonnel steht frei in einem aus Nordwesten angeströmten Talwind-System. Seine höheren Geländestufen werden häufig vom vorherrschenden Nordwest angeblasen, bzw. stehen bereits in der Konfluenz-Fläche zwischen norditalienischer «Feuchtik» und dem Grosswetterlangen-NW-Wind. Gleichzeitig versinkt der mittlere und westliche, tiefer gelegene Teil des Maurienne-Tales in der feucht-stabilen Suppe, die aus Italien über den Mont Cenis schwappt. Wenn man einmal in diese Badewanne hineinfällt, kommt man – wenn überhaupt – nach meinem Kenntnisstand nur am Charbonnel wieder hinaus.

Mit diesem klaren Plan verlocke ich an diesem Flugtag gleich drei weitere Flugzeugbesatzungen dazu, mit mir ins Maurienne vorzustossen. Einzig der (typischerweise) jüngste Pilot ist skeptisch, wendet und fliegt aus sicherer Höhe nach Süden zurück. Wir «Erfahrenen» schlagen nach einer 30-km-Querung vom Col d’Etaches auf der Nordwest-Rippe des Charbonnel auf. Und wundern uns nach langen 15 Minuten Hangfluges, dass der riesige Hang nirgendwo richtig trägt. Wiederum wird es dem jüngsten Piloten zuerst ungemütlich. Er verabschiedet sich von unserer Frequenz und fliegt zum Flugplatz Sollières, wo er sicher landet. Dort ist zwar kein Schleppbetrieb, aber man kann die Kollegen aus St.-Crépin telefonisch um Hilfe bei einer Depannierung bittenpt werden aber nur ein­sitzige Flugzeuge. Also ein etwas komplizierter Prozess, aber dafür eine sichere Entscheidung.

„A Landmark in Navigation“ – die Pointe de Charbonnel. Der tiefe Grat in der rechten Bildhälfte ist häufig die rettende Insel aus der toten Luft des Modane-Tales. Kann man den Gipfel übersteigen, ist man auf 4’000 m AMSL, was gut für den Rückflug nach Bardonecchia reicht.

Soweit sind wir «Routiniers» nun also unter uns. Nach einer unendlich langen Stunde, die wir mal über, mal auf dem Wanderweg entlang des Charbonnel-Fusses verbringen, erwischen wir endlich Aufwinde, die auch mal die ganze Hanglänge anhalten. Allerdings nur, um die gewonnenen Meter im Kurvenflug wieder zu verlieren. Was im einen oder anderen Cockpit zu «faulen» Sprüchen führt, die wir heute noch grinsend zitieren. Etwa «man sollte schon darauf achten, dass man in der Kurve die im Geradeausflug gewonnene Höhe nicht wieder verliert».

Nach 1.5 Stunden sind wir endlich alle dieser thermischen Badewanne entkommen und haben die Passage zurück nach Briançon aus der maximal erreichbaren Höhe von über 4’000 m AGL am Charbonnel unendlich genossen.

Den schalen Beigeschmack, dass man besser vorher selber nachgedacht hätte, statt einfach jemandem hinterher in eine offensichtlich thermisch tote Zone zu fliegen, sind wir aber alle nicht mehr losgeworden.


Auch Weltmeister stecken mal fest

Ein öffentlich leicht zugängliches Beispiel für Herdentrieb ist der Sailplane-Grand-Prix-Final von August 2025, an dem selbst Stefan Langer bei der Verfolgung eines vermeintlich vorne liegenden Konkurrenten «ins Elend» flog, während hinter ihm Erik Borgman selbständig anders entschied, einen langen Umweg in Kauf nahm und am Ende elegant alle seine Mitflieger überholte, die tief im Tal einen Aufwind ausgraben mussten.

Bilder oben: Die entscheidende Szene während des Sailplane-Grand-Prix-Finals von Saint-Auban im August 2025. Stefan Langer folgt einer vermeintlich schnell voranfliegenden Gruppe von Flugzeugen ins Tal von Seyne/Sellonet, während Erik Borgmann der klassischen und wegen eines Umweges langsamer scheinenden Parcours-Linie – überholt damit alle und fliegt zum Tagessieg.


Persönliches Fazit

Seit 45 Jahren darf ich das Privileg, unseren Sport auszuüben, geniessen. Bisher bin ich dabei von Unheil aller Art verschont geblieben – und ich werde mich mit den vorhandenen Kräften so verhalten, dass es dabei bleibt.

Dazu gehört, sich selbst weder vom Ehrgeiz noch von Selbstüberschätzung einseifen zu lassen und auch den fliegerischen Lockrufen hangnaher Aufwinde oder tief in die Täler greifender Rotoren nicht zu folgen. Einzig um Korrektive brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen, dazu sind meine Fliegerfreunde und Fluglehrer zu ehrlich mit mir.

Möge daher die Macht gesunder Selbsteinschätzung, genialen Talents und perfekten fliegerischen Könnens immer mit Ihnen sein. Und passen Sie auf sich auf.


PS: Wissenschaftliche Grundlage für das Herdenverhalten von Pferden

Das Verhalten eines einzelnen Pferdes beim Anblick einer sich bewegenden Herde von Artgenossen basiert auf tief verwurzelten evolutionären, verhaltensbiologischen und neurophysiologischen Mechanismen. Als obligate Herdentiere (gregarious animals), die sich in offenen Steppen-Landschaften entwickelt haben, ist die Herdenzugehörigkeit für Pferde eine essenzielle Überlebensstrategie gegenüber Großraubtieren [1] [2].

Allelomimesis und Soziale Fazilitation

Wenn ein Pferd eine sich bewegende Herde sieht und sich ihr anschließt, wird dieses Verhalten wissenschaftlich primär durch zwei Mechanismen erklärt: Allelomimetisches Verhalten und soziale Fazilitation.

Allelomimesis (auch als „contagious behavior“ oder Ansteckungsverhalten bezeichnet) beschreibt das Phänomen, bei dem die Beobachtung einer Handlung bei Artgenossen dieselbe Handlung beim Beobachter auslöst [3]. Wenn eine Herde beginnt, sich zu bewegen, zu fressen oder zu flüchten, steigt die Wahrscheinlichkeit signifikant, dass ein beobachtendes Einzeltier dieses Verhalten kopiert. Dies dient der Gruppenkohäsion und synchronisiert die Aktivitäten der Herde [3].

Die soziale Fazilitation beschreibt die Veränderung der Motivation eines Tieres durch die Anwesenheit oder das Verhalten von Artgenossen [4]. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2024 belegt dies physiologisch: Pferde zeigen messbar erhöhte Herzfrequenzen, höhere Laktatwerte und ein „Ohren nach vorne“-Verhalten (gesteigerte Aufmerksamkeit), sobald sie ein anderes trabendes Pferd auch nur auf einem Video sehen [5]. Das Einzeltier wird also durch den bloßen Anblick der Bewegung in einen Zustand erhöhter physischer und psychischer Bereitschaft versetzt, sich anzuschließen.

Kollektive Bewegungsdynamik

Die Entscheidung eines Pferdes, einer sich bewegenden Herde zu folgen, hängt zudem von sozialen Affinitäten und der Persönlichkeit des Tieres ab. Die Forschung zu kollektiven Bewegungen zeigt, dass nicht alle Pferde gleich stark auf die Bewegung der Herde reagieren.

EinflussfaktorAuswirkung auf das Folgeverhalten
PersönlichkeitKühnere Individuen initiieren häufiger Bewegungen, während ängstlichere oder subdominante Tiere eher die Rolle der Folgenden einnehmen [6].
SozialstatusEin Pferd kopiert das Verhalten eines dominanten Artgenossen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit als das eines subordinierten Tieres [7].
AffinitätenEnge soziale Bindungen bestimmen die räumliche Positionierung. Pferde ordnen sich bereits vor dem Aufbruch räumlich so an, dass sie ihren bevorzugten Partnern folgen können [8].

Neurobiologische Mechanismen

Das starke Bedürfnis eines Pferdes, sich einer Herde anzuschließen, wird neurobiologisch gesteuert. Das Neuropeptid Oxytocin spielt hierbei eine zentrale Rolle. Eine Studie aus dem Jahr 2024 bezeichnet Oxytocin in diesem Kontext als „herding hormone“, da es die Gruppenorganisation homogenisiert. Es fördert die Assoziation zwischen Herdenmitgliedern, selbst wenn diese keine engen individuellen Bindungen aufweisen, und verringert die soziale Differenzierung [9].

Darüber hinaus aktiviert die Trennung von der Herde das sogenannte PANIC-System, ein neuro-physiologisches Netzwerk, das den Schmerz der sozialen Isolation verarbeitet [10]. Soziale Isolation gilt als einer der stärksten Stressoren für Pferde und führt zu einer raschen Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), was mit einem Anstieg des Stresshormons Cortisol einhergeht [1] [11]. Selbst die kurze Trennung einzelner Mitglieder aus einer Herde führt bei den verbleibenden Tieren zu messbarer Erregung, erhöhter Herzfrequenz und gesteigerter lokomotorischer Aktivität [12]. Das Bestreben des Pferdes, zur Herde zurückzukehren, ist somit physiologisch durch die Vermeidung von Trennungsstress und die Belohnung durch Oxytocin-Ausschüttung motiviert.

Antipredator-Verhalten

Die evolutionäre Grundlage für diesen starken Herdentrieb liegt im Prädationsdruck. Als Fluchttiere verlassen sich Pferde auf die Herde als primären Schutzmechanismus [2]. Das Zusammenziehen der Herde verringert das individuelle Risiko (Verdünnungseffekt) und erhöht die kollektive Wachsamkeit. Studien zeigen, dass Pferde auf Raubtierlaute mit spezifischen sozialen Verteidigungsformationen reagieren, wie etwa einem engen Zusammenrücken (tight grouping) bei Wolfsgeheul oder einer linearen Formation bei Leopardengebrüll [13]. Ein einzelnes Pferd, das eine sich bewegende Herde sieht, interpretiert dies instinktiv als potenzielles Flucht- oder Antipredator-Verhalten und schließt sich an, um den Schutz der Gruppe nicht zu verlieren.

Fazit

Das Verhalten eines Pferdes, das sich einer sich bewegenden Herde anschließt, ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine hochgradig determinierte Reaktion. Sie wird durch allelomimetische Ansteckung und soziale Fazilitation ausgelöst, durch Oxytocin belohnt und durch die Vermeidung von Cortisol-induziertem Trennungsstress angetrieben. Die individuelle Ausprägung dieses Verhaltens wird dabei durch den Sozialstatus und persönliche Affinitäten moduliert.

Referenzen

[1] Torres Borda, L., Auer, U., & Jenner, F. (2023). Equine Social Behaviour: Love, War and Tolerance. Animals, 13(9), 1473. https://doi.org/10.3390/ani13091473 [2] Bercy, A., Ceacero, F., & Komárková, M. (2025). Antipredator behaviour in semi-feral horses: innate response and the influence of external factors. Animal Cognition, 28, 8. https://doi.org/10.1007/s10071-025-01933-6 [3] Kausar, R., et al. (2024). Understanding the Allelomimetic Behavior in Horses with its Impact and Management in training. Biological Times, 3(8).
[4] Rørvang, M. V., Christensen, J. W., Ladewig, J., & McLean, A. (2018). Social Learning in Horses—Fact or Fiction?Frontiers in Veterinary Science, 5, 212. https://doi.org/10.3389/fvets.2018.00212 [5] Bogossian, P. M., et al. (2024). Social facilitation of trotting: Can horses perceive and adapt to the movement of another horse? PLOS ONE, 19(8), e0309474. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0309474 [6] Briard, L., Dorn, C., & Petit, O. (2015). Personality and affinities play a key role in the organisation of collective movements in a group of domestic horses. Ethology, 121(10), 965-976. https://doi.org/10.1111/eth.12402 [7] Krueger, K., & Heinze, J. (2008). Horse sense: social status of horses (Equus caballus) affects their likelihood of copying other horses‘ behavior. Animal Cognition, 11, 431-439. https://doi.org/10.1007/s10071-007-0133-0 [8] Briard, L., Deneubourg, J. L., & Petit, O. (2021). Group behaviours and individual spatial sorting before departure predict the dynamics of collective movements in horses. Animal Behaviour, 173, 105-113. https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2021.01.009 [9] Brooks, J., Maeda, T., Ringhofer, M., & Yamamoto, S. (2024). Oxytocin homogenizes horse group organization. iScience, 27(7), 110356. https://doi.org/10.1016/j.isci.2024.110356 [10] Ricci-Bonot, C., et al. (2026). Development of a consensus definition of “separation anxiety” for horses. Applied Animal Behaviour Science, 298, 106937. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2026.106937 [11] Reid, K., et al. (2017). Anxiety and pain in horses measured by heart rate variability and behavior. Journal of Veterinary Behavior, 22, 1-6. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2017.09.002 [12] Stachurska, A., et al. (2021). Behavioural and Physiological Changes in a Herd of Arabian Mares after the Separation of Individuals Differently Ranked within the Dominance Hierarchy. Animals, 11(9), 2694. https://doi.org/10.3390/ani11092694 [13] Janczarek, I., et al. (2020). Social Behaviour of Horses in Response to Vocalisations of Predators. Animals, 10(12), 2331. https://doi.org/10.3390/ani10122331