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Sichere Avgas-100LL-Versorgung bis 2032

Bericht: AOPA Germany

Die Rechtslage hat sich jetzt gefestigt: Dem Antrag von Shell auf die weitere Herstellung von Avgas 100LL zunächst bis April 2032 wurde im sog. REACH-Komitee der EU mit 26 Stimmen bei nur einer Enthaltung und ohne Gegenstimme zugestimmt. REACH steht für „European Regulation on Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals”, das Komitee gehört zu der European Chemicals Agency (ECHA). Damit existiert jetzt für den Shell-Kraftstoff eine belastbare Rechtsgrundlage für die fortgesetzte Treibstoff-Versorgung aller Flugzeuge, die auf ein hochoktaniges Avgas mit TEL angewiesen sind.

Die beiden anderen Antragsteller WARTER Fuels und TRAFIGURA (Puma Energy) befinden sich noch im Zulassungsverfahren. Deren Anträge wurden am 26. Juni ebenfalls vor dem REACH-Komitee präsentiert, jetzt wird in den nächsten Wochen darüber abgestimmt, genauso wie bei dem Antrag von Shell.

-> Trafigura
-> Warter

Dass in den nächsten Wochen über diese beiden sehr ähnlich strukturierten Anträge anders abgestimmt werden wird als über den von Shell, ist nicht zu erwarten. Unterstützt wurden die Antragsteller aus der Mineralölindustrie durch eine gemeinsame Aktion der Verbände Europe Air Sports, ERAC, GAMA und IAOPA-Europe. Über mehrere Jahre wurde eine Vielzahl von eng abgestimmten Stellungnahmen der Verbände bei den zuständigen Gremien der europäischen Verwaltung abgegeben, um den Prozess des Übergangs vom verbleiten zu einem unverbleiten Avgas mit akzeptablen Übergangsfristen zu ermöglichen. Besonders betont wurde hierbei, dass ein übereilter europäischer Alleingang bei der Abschaffung von verbleitem Flugkraftstoff nicht zielführend ist, dass die Umweltbelastungen durch die geringen Mengen von Blei im Avgas nicht zu einer Erhöhung der Messwerte an den Prüfstellen für Luftqualität führen, dass die europäische Vorgehensweise abgestimmt werden sollte mit der Einführung von bleifreiem Avgas 100 in den USA.

Dabei haben sich alle Verbände auch mit Meldungen an ihre Mitglieder zurückgehalten, um den Prozess nicht mit unnötiger Öffentlichkeit zu belasten und letztlich nicht durch aktivistische Interventionen zu gefährden.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass der weltweit einzige verbliebene Hersteller von TEL in Großbritannien weiterhin liefert und dass die Markteinführung von unverbleitem Avgas in den USA bald die noch benötigten Fortschritte macht, um einen störungsfreien Übergang zu erlauben. Dieser Übergang hat in der Automobilindustrie bereits ab den 1980er Jahren geklappt, er sollte 40 Jahre später auch in der General Aviation funktionieren.

Antwerpen und Ostende: keine Flugzeuge mit AVGAS 100LL mehr

Die belgischen Regionalflughäfen Antwerpen (EBAW) und Ostende-Brügge (EBOS) verweigern seit Kurzem Flugzeugen mit dem verbleiten Kraftstoff Avgas 100LL den Zugang. Diese Maßnahme, die zunächst ohne Begründung per NOTAM veröffentlicht wurde, betrifft einen Großteil der Allgemeinen Luftfahrt – darunter sogar Behördenflugzeuge wie die BN Islander der belgischen Küstenwache.

Laut AOPA Luxemburg ist der Schritt diskriminierend, unbegründet und möglicherweise rechtswidrig. Sie betont, dass öffentliche Flughäfen allen gesetzlich zugelassenen Flugzeugen offenstehen müssten. Flugzeuge mit Avgas 100LL seien sicher, zertifiziert und für wichtige Aufgaben wie Notfalleinsätze oder Flugausbildung unerlässlich. Die Maßnahme sei ein gefährlicher Präzedenzfall für ganz Europa.

Am Flughafen Antwerpen erhalten betroffene Flugzeuge nur noch mit „Prior Permission Required“ (PPR) Landeerlaubnis – faktisch wird diese aber nicht mehr gewährt. Die Betreiber verweisen auf Umweltauflagen und erschöpfte AVGAS-Kontingente. Eine Koalition lokaler Piloten klagte gegen das Verbot, der Eilantrag wurde jedoch abgewiesen. Begründet wurde dies mit einem vermeintlichen EU-weiten Verbot von AVGAS ab Mai 2025 – ein Irrtum, da nur ein mögliches Produktionsverbot diskutiert wurde, nicht jedoch ein Nutzungs- oder Importverbot.

Die (europäische) AOPA kritisiert zudem die fehlende wissenschaftliche Grundlage: Messdaten des deutschen Umweltbundesamts zeigen, dass Bleigehalte in der Luft weit unter den Grenzwerten liegen und vorrangig aus Industrie und Straßenverkehr stammen. Auch in Belgien dürfte der Einfluss der Allgemeinen Luftfahrt auf die Luftqualität gering sein. Die Luxemburgische AOPA fordert die sofortige Aufhebung der Beschränkungen oder eine fundierte rechtliche und wissenschaftliche Begründung. Parallel werden weitere Schritte geprüft, darunter eine über Crowdfunding finanzierte Klage.

Piloten, denen der Zugang verweigert wird, sollen sich bitte bei ihrer AOPA melden.

Noch keine Entscheidung bei AVGAS 100LL

Die European Chemicals Agency (ECHA) mit Sitz in Helsinki hat immer noch nicht über die Anträge der drei Firmen, Trafigura Ventures V.B.V., Estland, Warter Fuels Spółka Akcyjna, Polen und Shell Nederland Raffinaderij B.V., Holland, für eine Fortsetzung der Produktion des Additivs Tetraethylblei (TEL) im AVGAS 100LL entschieden. Die ECHA hat eine Konsultationsperiode gestartet, die am 10. Januar 2024 enden sollte. Nach diesem Datum wird eine politische Entscheidung durch die Europäische Kommission das Ergebnis sein. Im Juni sollte diese Entscheidung bereits getroffen werden, das ist leider nicht der Fall.

Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass es allein in Europa etwa 16.000 Flugzeuge gibt, die noch mit Avgas 100LL betankt werden müssen. Danach sind etwa 7700 Lycoming Motoren, 4100 Continental Motoren und 4000 Motoren unbekannter Herkunft davon betroffen. Die Tage von verbleiten Avgas 100LL sind gezählt, das sollte mittlerweile auch dem letzten Motorflieger klar geworden sein. Auf der einen Seite schlägt unsere Umwelt Alarm, auf der anderen Seite existiert weltweit nur noch die britische Firma Innospec, die das bleihaltige Additiv TEL herstellt.

Die Firmen wollen damit erreichen, das bleihaltige Avgas 100LL in Europa so lange weiterproduzieren zu dürfen, bis die Verfügbarkeit von bleifreien Avgas-Alternativen sichergestellt ist. Erst wenn die ECHA bzw, die Europäischen Kommission, ihren Anträgen entspricht, kann von einem geordneten Übergang zu bleifreiem Avgas-Alternativen ausgegangen werden.

Europäische Kommission für Zulassungsanträge zuständig
Die Europäische Kommission ist für die Entscheidung über Zulassungsanträge zuständig und stützt sich dabei auf die Stellungnahmen der Ausschüsse für Risikobeurteilung (RAC) und sozioökonomische Analyse (SEAC) der ECHA. Die Europäische Kommission bereitet einen Entscheidungsentwurf vor, der im REACH-Ausschuss (Englisch: Regulation concerning the Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals, Deutsch: Verordnung über die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien) diskutiert und abgestimmt wird.

Im Klartext heißt das, dass die Europäischen Kommission den angekündigten Termin nicht halten konnte. Somit konnte auch keine Entscheidung über die Zukunft von Tetraethylblei (TEL) getroffen werden. Wird den Anträgen der Firmen allerdings nicht entsprochen, darf Avgas 100LL in Europa ab Mai 2025 nicht mehr hergestellt werden. Ein Import von Avgas 100LL aus den USA wäre aber dennoch möglich. Wir dürfen also weiterhin gespannt darauf sein, wann sich die Europäische Kommission entscheidet, aber noch mehr darauf, wie sie sich entscheidet. Der Termin Mai 2025 rückt allerdings unaufhaltsam näher. Quelle: ‚DAeC‚.

Update zu AVGAS 100LL

Eine große Befürchtung vieler Betreiber von Flugzeugen mit großen Kolbenmotoren ist, dass in der Europäischen Union AVGAS 100LL auf Grund seines Blei-Additivs TEL verboten wird, noch bevor ein bleifreies AVGAS mit 100 Oktan auf den Markt kommt. Die europäische Kommission hat den Anbietern von AVGAS 100LL eine Frist bis zum 1. November 2023 gesetzt, um die Beimischung des Additivs TEL in Flugkraftstoffe in Europa auch nach dem 1. Mai 2025 zu beantragen. Wir gehen davon aus, dass zumindest drei Anbieter von AVGAS 100LL die notwendigen Anträge gestellt haben, über sie wird in den nächsten Monaten entschieden.

Unter anderem wird auch die EASA die Verbände der europäischen General Aviation in der zweiten November-Woche zum aktuellen Stand der Thematik unterrichten. In den USA haben sich die Umweltbehörden und die Industrie darauf verständigt, bis zum Jahr 2030 auf bleifreies AVGAS umzustellen. Unser Bestreben in Europa ist, die Ausstiegsstrategien auf beiden Seiten des Atlantiks zu synchronisieren. Quelle: ‚AOPA Germany‚.