Oder: Wie man bei 36 Grad im Schatten den Regenschirm aufspannt, geschlossene Sauerstoffflaschen spazieren fliegt und warum jede Landung eine Aussenlandung ist.

Der Startschuss zum 19. jährlichen Streckenflugkurs unter der bewährten Leitung der „Wolkenflüsterer“ – Adrian Müller und Stefan Neyer fiel am Freitag, 19. Juni 2026 beim Vor-Briefing am späten Nachmittag.
Bei diesem Briefing ging es gleich richtig los, denn die Bürokratie verzeiht keine Fehler. Niemand der anwesenden fünf Streckenflug-Bambini (so werden die Streckenflug-hungrigen Nachwuchspiloten liebevoll genannt) hatte seine Unterlagen absolut perfekt beisammen. Da lernt man recht schnell: Ein Flugbuch, in dem nicht jede Seite unterschrieben ist, ist im Grunde nur ein teurer Notizblock. Landungen eintragen? Wäre eine gute Idee. Und ja, so ein Flugschein entfaltet seine magische Gültigkeit tatsächlich erst dann, wenn man ihn auch unterschreibt …

Ziele des Lehrgangs:
- Safety first
- Respekt, aber keine Angst vor dem Streckenfliegen
- jeder entwickelt sich weiter auf Basis seines individuellen Niveaus
- der Kurs ist kein Wettbewerb
Von Tarmac Tetris und weissen Handschuhen
Letztes Jahr sind wir weggeschwommen. Der diesjährige Kurs war vom Wetter her der Beste seit mindestens 4 Jahren. Unser Problem war jedoch mehrmals „Mil On“.
Der unangefochtene Running Gag des Kurses: brütend heiss. Schon beim morgendlichen „Tarmac Tetris“ mit den Flugzeugen auf dem Vorfeld (da ist kein Schatten) lief der Schweiss in Strömen.
Doch einer liess sich von solchen banalen Wetterkapriolen nicht aus der Ruhe bringen: Er trat den Beweis an, dass Regenschirme auf dem Flugplatz vor allem bei mehr als 36 Grad Celsius im Schatten zur absoluten Standardausrüstung gehören. Dazu weisse Handschuhe – Stil muss sein, auch wenn man langsam vor sich hin röstet.
Die richtige Wolke und andere philosophische Fragen
In der Luft zeigten sich die üblichen Herausforderungen. Auf die Frage des Fluglehrers: „Was ist eine Wolke… ist ein Wolkenfetzen bereits eine Wolke?“ kam die messerscharfe Analyse eines Kursteilnehmers: „Von einer Wolke spricht man dann, wenn sich ein Flugzeug darin verstecken kann.“
Ein anderes Mal wischte ein Teilnehmer dem Fluglehrer die Hoffnungen der Luftraumverletzung in E (300m vertikal, 1.5 km horizontal) vom Tisch: „Das sind keine Wolken, das ist nur Dunst.“




Es entwickelten sich derweil eigene Überlebensstrategien: „Die richtige Wolke aus Sicht des Fluglehrers ist immer jene, die der Kursteilnehmer nicht anfliegen würde. Ein Teilnehmer: „Also bin ich immer jene angeflogen, die ich eigentlich meiden wollte. Damit lag ich stets richtig.“
Vereinfacht: Segelfliegen ist, wenn man weiss, wo man landen könnte und auch weiss, wo es nach oben geht und dabei die Lufträume beachtet.
Bad Ragaz All-Inclusive: Aussenlandungen in „Lost Places“

Die Theorie lehrte uns ein neues Mindset: Jede Landung ist eine Aussenlandung, auch die am heimischen Flugplatz. Das nahm sich ein Teilnehmer am Montag zu Herzen: Zwischen Vilan und Schesaplana ignorierte er jeden Aufwind, soff gnadenlos ab und durfte seine erste echte Aussenlandung in Bad Ragaz sehr erfolgreich hinlegen.
Dabei machte er zwei entscheidende Entdeckungen:
1. Bad Ragaz ist unter der Woche ein absoluter „Lost Place“. Da hätte er sich seine erlernten Voice-Sprüchli ins Nirgendwo auch sparen können.
2. Checklisten retten Leben! Danke an die Fahrgestellwarnung, die sich präzise beim Ausfahren der Klappen meldete.
Am Freitag wendete der neue Aussenländer (nicht mit Highländer verwechseln) das Gelernte dann an. Wieder am Absaufen, diesmal an der Sassauna. In „Schafstreichelhöhe“ am Grat kreisend, kämpfte er sich Meter um Meter hoch, bis die Rheintalquerung wieder möglich war. Learning: Der Flug ist erst zu Ende, wenn du am Boden bist!
Wenn am Absaufen, dann geniesse es – auch wenn es 2.000 Meter höher deutlich kühler ist.
Und seien wir ehrlich:
Die Aussicht am Madrisahorn oder am Piz Linard (definitiv ausserhalb des Schänis Trichters) geniesst sich zum ersten Mal im Einsitzer einfach noch ein kleines bisschen mehr. Es ist sicher etwas anderes, als wenn von hinten der rettende Fluglehrer dazwischenbabbelt.
Intelligenz-Tests für Fortgeschrittene
Es gab diese Momente im Kurs, die uns alle – vor allem aber die Fluglehrer – zum Schmunzeln brachten. Zum Beispiel die bahnbrechende Erkenntnis, dass es durchaus Sinn macht, die Sauerstoffflasche nach dem Auffüllen auch wieder zu öffnen. Eine geschlossene Flasche spazieren zu fliegen, führt unweigerlich zu Sauerstoffmangel im Cockpit und – viel schlimmer – zu einem teuren abermaligen Schlepp.
Oder die vielen kreativen Fragen im Briefing. Man konnte förmlich sehen, wie manche dachten: „Wie wäre es, einfach vorher mal kurz zu überlegen?“ Trotzdem, da es ja keine dummen Fragen gibt, haben wir alle viel gelernt.
Dazu gesellte sich die Erkenntnis, dass Luftraum E doch trickreicher ist, als mancher so denken könnte und – Achtung, Spoiler!: Luftraumverletzungen sind tatsächlich illegal.
Ganz nebenbei stellten wir zudem fest: Nein, Tinizong liegt nicht in Nepal (auch wenn es von Weitem so aussieht und auch so klingt).
Landung mit Aha-Effekt.
Einer der Highlights abseits des Cockpits war der Landevortrag – simpel angekündigt und mit voller Langzeitwirkung.
Es ging ums Landen. Nicht spektakulär, aber entscheidend war dabei, zu lernen, die Komplexität in der entscheidenden Phase rauszunehmen und damit keine Überraschungen zu erleben.
Der Vortrag war keine trockene PowerPoint-Schlacht, sondern ein tiefgehender, praxisnaher Streifzug durch das, was viele so simpel „das Final“ nennen – aber manche selten wirklich bis ins Detail verstehen.
Der Kommentar eines Teilnehmers danach:
„Jetzt weiß ich endlich, wie man konstanter, entspannter und zielgenauer richtig landen kann.“ Und das war keine Floskel, sondern ein echtes Aha-Erlebnis für alle Bambinis.
Pausentage: Survival-Wiesen und Kloster-Eis
Weil das Wetter konstant brütend heiss blieb, waren Pausentage ein absolutes Muss. Was macht der Segelflieger am Boden? Landewiesen besichtigen! Über den Fluzeugträger (Klosters) zum grössten Landeplatz Graubündens (Rhazüns) bis nach Disentis. Wir lernten, dass manche Felder im Katalog nicht nur rot statt grün markiert sind, sondern vielmehr das Prädikat „Survival only“ verdienen.
Beim Anflug auf Disentis geht es direkt über das Kloster – man landet dort also quasi mit Gottes Hilfe. Ob es am Beistand von oben lag oder nicht: Die riesige Eis-Sause im Café in Disentis wird wohl niemand von uns so schnell vergessen.

Während der endlosen Stunden im klimatisierten Auto erweiterten wir unseren Horizont um essenzielles Wissen. Unter anderem:
Die Telefonvorwahl von Polen ist +48 und Klippeneck ist das höchstgelegene Segelfluggelände Deutschlands (Wasserkuppe schafft es nur auf Platz 2). Dass Mozart eben nicht Österreicher war, sondern Untertan des Heiligen Römischen Reiches, im damaligen unabhängigen Fürstenbistum Salzburg geboren. Danke, Kursleitung!
Das Fazit
Trotz der Hitze und mancher fliegerischen Herausforderung war der Kurs ein voller Erfolg. Die internen Checklisten für den „Lägere Pass“ wurden kräftig abgearbeitet. Jeder hat die eine oder andere Hürde gemeistert. Zudem wurden Umschulungen auf den Duo Discus und Arcus T (mit elektrischem Fahrwerk) begonnen und fortgesetzt.
Die Mischung aus fundierter Theorie, individueller Begleitung in der Luft, ehrlichem Feedback und echtem Miteinander ist keine Selbstverständlichkeit und damit kostbar; die Bambinis haben den Kurs mit Dankbarkeit genossen
Denn:
Fliegen lernt man nicht nur mit Flügeln – sondern mit Menschen, die einem zeigen, wie man richtig kreist, wann man lieber umkehrt… und wie man selbst bei Hitze wachsen kann.
Am Ende bleibt ein riesiges Dankeschön an Adrian und Stefan für zwei wunderbare Wochen voller Herz, Geduld, Humor und Nerven aus Stahlseilen.
Die passendsten Schlussworte für diesen Kurs sprach ein Fluglehrer nach einem hitzigen Tag auf dem Vorfeld nach dem Einräumen:
„Das Kursziel ist erreicht – jetzt können wir in die Badi gehen.“
Und wir alle: We love Streckenflugkurs!

PS: Nebenbei bemerkt: Auch externe Pilotinnen und Piloten sind herzlich willkommen, solange sie ihren eigenen Flieger mitbringen und eine Prise Abenteuerlust im Gepäck haben.
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