„Bring-me-Home“- oder doch „Panic“-Button?

Motorisierte Segelflugzeuge versprechen eine bisher nicht praktikable Dimension fliegerischer Freiheit und Unabhängigkeit. Doch der erhoffte Sicherheitsgewinn durch Heimkehrhilfen und Eigenstarter kann sich schnell ins Gegenteil verkehren. Eine kritische Analyse der Herausforderungen zeigt, warum der Starter-Knopf allzu oft zum „Panic-Button“ wird und worauf Piloten achten müssen, um das Potenzial dieser faszinierenden Technik sicher zu nutzen.

Ohne einen „Turbo“ im Rumpf kommt man kaum auf die Idee, das Genfersee-Becken vom Rochers de Naye an den Jura zu queren. Links unten am Genfersee-Ufer ist die Stadt Lausanne zu erkennen.

Plädoyer für Realismus und Training

Die Vorstellung ist für viele Segelflugpiloten verlockend: Dank eines Motors im Rumpf in bisher unbekannte, thermisch anspruchsvolle Regionen vorstoßen und bei nachlassendem Aufwind einfach per Knopfdruck den sicheren Heimweg antreten. Diese Aussicht, gepaart mit dem gesellschaftlichen Wandel hin zu engeren Zeitfenstern für das Hobby, hat motorisierten Segelflugzeugen zu großer Popularität verholfen. Niemand möchte wegen einer Außenlandung wichtige Geschäftstermine versäumen oder am Wochenende den Familienfrieden stören. Das Triebwerk scheint die perfekte, zeitgemäße Lösung für diese Dilemmata zu sein. Doch ist sie das wirklich? Eine genauere Betrachtung der Praxis offenbart eine komplexere und oft ernüchternde Realität.

Die anspruchsvolle Realität der Kleinserien-Technik

Im Gegensatz zur millionenfach bewährten und über Jahrzehnte optimierten Technik in der Automobilindustrie oder der allgemeinen Luftfahrt, handelt es sich bei den Antriebssystemen im Segelflug um hochspezialisierte Kleinserien. Die Konstruktionen sind oft filigran und an die engen Platzverhältnisse im Rumpf angepasst. Knifflige Ein- und Ausfahrmechanismen, lange Standzeiten mit unregelmäßiger Nutzung, starke Vibrationen im Betrieb sowie erhebliche Temperatur- und Luftdichteunterschiede zwischen Boden und Flughöhe stellen grosse Anforderungen an die Zuverlässigkeit der Technik.

Die Heimkehrhilfe einer Antares 18 T. Sie unterscheidet sich von anderen „Turbos“ durch einen elektrischen Anlasser und eine umfassende Vibrations-Dämpfung, welche dem Triebwerk ein turbinen-ähnliches Verhalten verleihen.

Diese Faktoren führen zu einer Systemkomplexität, die eine hohe und aktuelle Systemkenntnis sowie regelmäßige praktische Übung erfordert. Der Pilot muss mit den spezifischen Eigenheiten seines Geräts bis ins Detail vertraut sein, um es auch unter Druck sicher bedienen zu können. Der ungetrübte Spaß am motorisierten Segelfliegen stellt sich nur dann ein, wenn eine fundierte Ausbildung und die richtige, von Respekt vor der Technik geprägte Einstellung die Basis bilden.

Der „Bring-me-Home“-Button wird nur durch fundierte Ausbildung, regelmäßiges Training und realistische Einschätzung der Grenzen zum Sicherheitsgewinn – andernfalls verwandelt er sich schnell in einen „Panic-Button“.

Multitasking am Limit: Der Start als erste kritische Hürde

Der Moment des unabhängigen Starts ist für viele Eigenstarter-Piloten ein erster Höhepunkt des Flugtages – ein Symbol für die gewonnene Autonomie. Doch dieser Vorgang ist ein Paradebeispiel für die hohen Anforderungen und ein Konzentrat potenzieller Fehlerquellen. Er fordert vom Piloten Multitasking-Fähigkeiten: die richtige Wölbklappen-Stellung wählen und im passenden Moment anpassen, den Funkspruch für den Start korrekt absetzen, den Gashebel gefühlvoll bedienen, damit der Vogel nicht auf den Rumpf fällt, die Flächen waagerecht halten, Motorparameter wie Tourenzahl und Temperaturen permanent überwachen, sicher abheben und schließlich die Leistung für den Steigflug optimieren.

Dieses Zusammenspiel ist störanfällig. Weicht auch nur ein Punkt vom sorgfältig einstudierten und automatisierten Schema ab – sei es durch eine unerwartete Fehlermeldung, eine Böe von der Seite oder eine kurze Unachtsamkeit – kann die fragile mentale Konfiguration des Piloten beim Start kollabieren. Die Folgen können rasch fatal werden, es sei denn, der Pilot handelt vollautomatisch und agiert so, wie er es in seiner Ausbildung und im fortlaufenden Training geübt hat.

Drei Säulen der Sicherheit

SäuleKonkrete Maßnahmen
1. Ausbildung– Fundierte Basisausbildung mit Schwerpunkt Systemverständnis
– Spezialisierte Schulung für Eigenstarter/Heimkehrhilfen
– Mindestens 4 Motorstunden Erfahrung für sichere Beherrschung
2. Training– Regelmäßige Übung von Notfallszenarien
– Simulation von Motorausfällen in verschiedenen Flugphasen
– Aktuelles, kontinuierliches Training (nicht nur zu Saisonbeginn)
3. Einstellung– Respekt vor der Technik-Komplexität
– Motor ist Hilfsmittel, kein Rettungsanker
– Bereitschaft zu seriösem Lernen und Üben

Gefährliche Ablenkung: Wenn das Fliegen zur Nebensache wird

Auch nach dem erfolgreichen Start fordert das Triebwerk Aufmerksamkeit. Selbst wenn der Startvorgang routiniert nach Checkliste abläuft, lauern auf dem Weg zur sicheren Flughöhe oft unerwartete Hindernisse. Ein Propeller, der sich beim Einfahren verhakt, eine ausgelöste Sicherung der Antriebsspindel, nicht korrekt verriegelte Bremsklappen, die sich selbständig machen, Wölbklappen, die durch starken Federzug auf «negative» Stellungen rauschen oder ein blockierender Endschalter, der die Zündung unterbricht, sind nur einige der möglichen technischen Tücken. Manchmal ist die Ursache banal, wie ein geschlossener Benzinhahn oder ein nicht vollständig gestossener Choke.

Das Resultat solcher «Ablenkungsmanöver» ist aus den Medien zu gut bekannt: ein Haufen zerbröselten Plastiks und die Schlagzeile von einem „tragischen Unglück“ eines eigentlich erfahrenen Piloten. Der Grund ist stets derselbe und lässt sich treffend mit dem Autofahren vergleichen: Die Suche nach einem Kaugummi im Handschuhfach oder das Tippen einer SMS am Steuer endet nicht selten abrupt im Straßengraben. Der Mensch ist für solche anspruchsvollen Mehrfach-Aufgaben nicht geschaffen und kann sie nur dann sicher bewältigen, wenn sie durch intensives, wiederholtes Training nahezu automatisiert sind. Nur dann bleiben genügend kognitive Kapazitäten, um die primäre Aufgabe – das sichere Führen des Flugzeugs – nicht zu vernachlässigen.

Überschätzte Leistung und die besonderen Tücken der Höhe

Ein weiteres, weit verbreitetes Problem ist die Überschätzung der verfügbaren Motorleistung. Eine Heimkehrhilfe mag im Flachland bei schwachen Windverhältnissen eine nützliche und beruhigende Einrichtung sein, um das Flugzeug von einem Außenlandefeld sicher zum Heimatflugplatz «zurück zu schieben». In den Alpen jedoch, mit Pässen über 2.500 Metern, bei starkem Gegenwind oder in großer Höhe mit geringerer Luftdichte, muss sich der Pilot mental wie ein reiner Segelflieger verhalten und darf sich unter keinen Umständen auf den Hilfsmotor als Rettungsanker verlassen.

Im Flachland bei abbauender Thermik oft eine komfortable Lösung, um doch noch nach Hause zu kommen: Arcus T mit Heimkehrhilfe. In den Alpen entwickeln die Triebwerke eine eher bescheidene Leistung, die nicht über höhere Pässe hilft.

Auch die Kombination eines Motorstarts und kontrolliertem Luftraum kann eskalieren. Der Lärm des Motors, der durch den Rumpf als Resonanzkörper verstärkt wird, kann die Kommunikation mit dem Fluglotsen stören oder verunmöglichen.

Der fatale Widerstand des stillstehenden Triebwerks

Eine häufig unterschätzte Gefahre ist die optimistische Einschätzung der verbleibenden Flugzeit, wenn das Triebwerk ausgefahren ist, aber nicht anspringt. Stellen Sie sich das Szenario vor: Sie haben sich, wie in der Ausbildung gelernt, in 600 Metern Höhe über einem geeigneten Außenlandefeld für den Motorstart entschieden. Sie fahren das Triebwerk aus, der Propeller beginnt zu drehen, aber der Motor zündet nicht. Während Sie fieberhaft die möglichen Ursachen durchgehen – Sicherungen, Benzinhahn, Batteriespannung, Zündung – sind Sie bereits auf 400 Meter gesunken. Ein vernünftiger und gut trainierter Pilot bricht an dieser Stelle den Versuch ab und bereitet sich konsequent auf die Außenlandung vor. Doch nun stellt sich heraus, dass sich das Triebwerk nicht mehr einfahren lässt. Mit der ausgefahrenen „Windmühle“ am Rumpf hat sich das Sinken dramatisch auf drei Meter pro Sekunde oder mehr erhöht. Ihnen bleiben noch exakt 83 Sekunden bis zum Aufsetzen. Eine normale, sichere Landevolte dauert jedoch 90 bis 120 Sekunden. Sie befinden sich bereits in ernsthaften Schwierigkeiten und können die Situation nur noch durch eine perfekt geflogene, verkürzte Platzrunde meistern bei der Speed und Landeeinteilung fehlerfrei geflogen werden.

Die Eigen-Sink-Polaren typischer Eigenstarter, Turbos und reiner Segelflugzeuge. Bei üblichen Anfluggeschwindigkeiten ergeben sich für einen Arcus M um 3 m/Sec. Eigensinken. Macht 180 m pro Minute. Bei einem 2-Minuten-Anflug also 360 Höhenmeter, die für ein ausgefahrenes „Windmühlen“-Eigenstarter-Segelflugzeug benötigt werden.

Ausbildung, Training und richtige Einstellung entscheiden

Die unbestreitbaren Vorzüge des motorisierten Segelflugs kann man gut und sicher genießen, wenn man einige Grundregeln beachtet. Der Motor darf nur in ausreichender Höhe über einem sicher erreichbaren Flugplatz oder einem bekannten Außenlandefeld gestartet werden. Über unlandbarem oder unbekanntem Gelände muss der Flugweg so geplant werden, als wäre kein Motor an Bord. Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass Heimkehrhilfen in den Alpen oder bei Starkwind nur eingeschränkt oder gar nicht nutzbar sind. Zudem muss die Entscheidung für den Motoreinsatz wesentlich früher erfolgen als eine Entscheidung für eine Außenlandung im reinen Segelflug – sie ist eine strategische, keine reaktive Handlung.

Kernbotschaften:

ThemaProblem/RisikoUrsacheEmpfehlung
Technik-KomplexitätKleinserien mit geringer ZuverlässigkeitFragile Konstruktionen, Vibrationen, Temperaturunterschiede, lange StandzeitenTiefes Systemverständnis entwickeln, regelmäßige Wartung
Start-PhaseÜberforderung durch MultitaskingGleichzeitige Bedienung von Wölbklappen, Funk, Gas, MotorparameternIntensive Ausbildung bis zur Automatisierung aller Abläufe
Ablenkung im Flug„Aufhören zu fliegen“ durch MotorbedienungKonzentration auf technische Probleme statt auf FlugführungDrillmäßiges Training von Notfallprozeduren
MotorleistungÜberschätzung der Leistung in Höhe/WindFalsche Erwartungen an Heimkehrhilfe in kritischen SituationenIm Flachland und bei schwachem Wind einsetzbar; in Alpen/Starkwind wie reiner Segler planen
Ausgefahrenes TriebwerkDramatisch erhöhtes Sinken bei MotorausfallWindmühleneffekt des Propellers (3 m/s Sinken)Frühe Entscheidung zur Außenlandung, nicht krampfhaft versuchen zu starten
KommunikationGestörte Funkverbindung durch MotorlärmRumpf wirkt als ResonanzkörperMotorstart bei Starkwind nahe kontrolliertem Flugplatz vermeiden
Einsatz-StrategieZu späte Motorstart-EntscheidungGewohnheit aus reinem Segelflug übertragenMotor wesentlich früher starten als Außenlande-Entscheid im Segelflug
Gelände-WahlMotorstart über unlandbarem TerrainFehlende Rückfalloptionen bei technischem VersagenNur über sicher erreichbarem Flugplatz oder Außenlandefeld starten

Keine hastigen Umschulungen

Hier wird die kühle Jahreszeit sinnvoll für eine ausführliche Ausweis-Erweiterung auf Eigenstarter genutzt.

Moderne Segelflugzeuge mit Triebwerk sind faszinierende Hochleistungsgeräte, die eine neue Dimension der fliegerischen Freiheit eröffnen. Doch um diese Geräte sicher zu beherrschen, bedarf es einer fundierten Basisausbildung, eines tiefgehenden System-Verständnisses und eines regelmäßigen, realitätsnahen Trainings. Über allem steht die richtige mentale Einstellung: die Bereitschaft, sich intensiv und kontinuierlich mit den Eigenheiten des Flugzeugs vertraut zu machen, seriös zu lernen und konsequent zu üben. Nur wer diesen Aufwand nicht scheut, wird die Flugerlebnisse mit motorisierten Segelflugzeugen in unvergesslicher – und vor allem positiver – Erinnerung behalten.

Konkrete Handlungsempfehlungen

RegelBegründung
Motor nur über sicherem Gelände startenBei technischem Versagen bleibt Außenlandeoption erhalten
Über unlandbarem Gelände wie reiner Segler planenHeimkehrhilfe in Alpen/Gebirge nicht zuverlässig einsetzbar
Motoreinsatz früher als Außenlande-EntscheidAusreichend Höhenreserve für Problemlösung bei Störungen
Motorstart nicht bei Starkwind nahe kontrolliertem PlatzLärm verhindert Kommunikation mit Fluglotsen
Bei Nicht-Zünden: Sofort Außenlandung vorbereitenZeitfenster mit ausgefahrenem Triebwerk dramatisch verkürzt

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7 Gedanken zu „„Bring-me-Home“- oder doch „Panic“-Button?

  1. Günter Kulhay / LOIH

    Ein sehr guter Beitrag in toller Darstellung!
    Bin selber schon einige Typen von Eigenstartern (auch mit E-Antrieb) und Turbos geflogen, auch den DS Arcus M … und kann allem zu 100% zustimmen!
    Für mich das wichtigste: Das jeweilige System mit den Limitierungen und die Notverfahren voll beherschen.

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  2. Heinz Kiefel

    Ich denke das Titelbild ist gut ausgewählt, ein guter Segler mit einem fragwürdigen Antriebskonzept. Diese Heimkehrkilfe hat keinen Elektrostarter. Nur Windmilling bringt die nötige Drehzahl zum Anspringen. Dekompression drücken, elektrische Kraftstoffpumpe zuschalten, Zündung ein und natürlich vorher Triebwerk ausfahren. Es gab und gibt unter den Triebswerkskonzepten auch bessere Lösungen. Auch über die sollte man sprechen.

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  3. Marc Teugels

    Ein wichtiger Faktor auch ist die regelmäßige Wartung in einem guten LTB mit Erfahrung.
    Ja, sie sind teuer. Ich fliege seit 1996 Selbststarter.

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  4. Jan van Nieuwenhuijzen

    Vielen Dank für diesen sehr gut lesbaren Artikel und die ausgezeichneten Ratschläge. Ich habe jedoch eine Anmerkung zu einer der Empfehlungen: „Mindestens 400 Motorstunden Erfahrung für sichere Beherrschung“? Bei einer durchschnittlichen Motorlaufzeit von 10 Minuten nach dem Start wären das 2.400 Motorstarts, bevor der Motor sicher betrieben werden kann? Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Ich denke eher an insgesamt 50 Starts (sowohl als Startmethode als auch zur Vermeidung von Notlandungen) und mindestens 10 Starts pro Jahr, sowie an die jährliche Lektüre des Handbuchs und der Theorie zum Selbststart. Wo kann man derzeit eine Schulung zum Selbststart absolvieren? Wie die meisten Inhaber einer Selbststartberechtigung fliege ich mein selbststartfähiges Segelflugzeug (ASH-25 Mi) nur privat (obwohl ich Fluglehrer bin).

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    1. admin Beitragsautor

      Jan, da hat sich ein Doppelpunkt verabschiedet, das waren original 04:00 Stunden. Danke für den Hinweis. In der Schweiz bietet der Flugplatz Schänis eine Eigenstarter-Ausbildung auf ASK-21-Mi und anschliessender Umschulung z.B. auf den Arcus M an.

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