
Man mag als Pilot das Thema Sicherheit eigentlich kaum mehr hören, zu oft ist es auf allen Informations-Kanälen, Veranstaltungen, online- und Print-Medien präsent. Ich vergleiche diesen (unerwünschten) geistigen Abwehr-Effekt mit ständigem Alarmismus, welcher dazu führt, überhaupt nichts mehr hören zu wollen. «Nicht-mehr-zuhören-wollen» hiesse aber in unserem Fall, von bereits gemachten, teilweise fatalen Fehlern anderer nichts mehr zu lernen und selbst von vergleichbaren Ereignissen getroffen zu werden, was sich eigentlich niemand leisten kann, egal, wie erfahren man als Pilot/-in ist.
Heute befassen wir uns mit dem auf den ersten Blick unspektakulären Thema «gewissenhafte Flug-Vorbereitung». In den über 40 Jahren, in denen ich inzwischen fliege, habe ich in meinem direkten Umfeld wegen unkonzentrierter Flug-Vorbereitung mehrere Todesfälle und schwere Material-Schäden erlebt. Sie wären mit wenig Aufwand vermeidbar gewesen.

01 Rumpf eingedrückt
Im ersten Fall fährt der Pilot in der vermeintlichen Hektik beim Flugzeug-Aufbau das Fahrwerk nicht vollständig aus, bzw. er «verkniet» den Fahrwerkshebel nicht korrekt in der Schiebe-Kulisse an der Seitenwand. Er lässt sich von seinen Kameraden, die «keinen Zeitdruck aufbauen, aber natürlich so schnell wie möglich ihre Flugzeuge auch montieren wollen», unbewusst drängen. Man will sich ja in der Startreihe die optimale Position sichern. An diesem Tag fällt dieser Plan allerdings für meinen Freund vollständig ins Wasser, bzw. zu Boden. Denn nach wenigen Metern Flugzeug-Schiebens und beim Überrollen des ersten kleinen Hindernisses auf dem unruhigen Rollweg knallt seine wunderschöne Maschine mit voller Wucht auf den Boden, weil plötzlich das Fahrwerk einklappt. Auf Französisch heisst das treffend: «se casser la figure…».
Schaden: Zu sehen sind verschiedene Kratzer und aufgesprungener Lack, aber auch eine eingeschlagene Rumpfwanne und abgebrochene Fahrwerksklappen, was eine kostspielige Reparatur und mehrere Wochen fliegerischer Abstinenz auslöst. Die Kameraden, die zuvor zur Eile drängten, werden in ihrem Tatendrang ebenfalls gebremst, schliesslich muss der schwere Flieger mit vereinten Kräften wieder auf sein Hauptrad gehievt und auch wieder abgebaut werden.
Ursache: Zeitdruck, selber gemachter Stress.
Lösung: Konzentriert, ruhig und gewissenhaft arbeiten, nicht ablenken lassen. Checkliste benutzen oder selber erstellen, wenn nötig mit Illustrationen statt nur Prosa-Text.
Fazit: eine völlig sinnlose und unnötige Aktion, die mit einer Sekunde konzentrierter Aufmerksamkeit hätte vermieden werden können. Immerhin war hier nur Materialschaden zu beklagen.
02 Wenn ein Vogel seine Flügel verliert
Ähnlich, wenn auch mit schlimmeren Folgen, verläuft der nächste Vorfall. Während des Flugzeug-Aufbaus vergisst der Pilot, den Hauptbolzen einzuführen. Möglich ist das nur, weil bei diesen Flugzeugtyp bei korrekter Montage der Flügel ein Metall-Stift in den gegenüberliegenden Flugzeug-Holm «eindringt» (Zunge-Gabel-Prinzip). Damit halten die beiden Flügel erstmal zusammen, bis sie in einem nächsten Arbeitsschritt durch den zentralen Hauptbolzen endgültig fixiert werden, welcher dann Rumpf und Flügel gleichermassen zusammenhält.



Schaden: Beim Sturz auf den Boden und durch den Schleppvorgang richten die beiden Flugzeugholme im Rumpf-Innern allerdings erheblichen Schaden an. Die obere Rumpf-Abdeckung reisst unter der Hebelkraft der zu Boden fallenden Flügelholme, die Holmauflage am Rumpf nimmt Schaden, die Steuergestänge der gemischten Wölbklappen-/ Querruder-Steuerungen sind nach dem Unfall verschoben und müssen aufwändig repariert werden. Dass damit der Fliegerurlaub ein verfrühtes Ende findet, ist klar.
Ursache: Ein mit Fallschirm, Montagewerkzeug, Batterien, Karten und Trinkschlauch gut gefüllter Cockpit-Innenraum, der die Übersicht erschwert, kombiniert mit einer kurzen Ablenkung beim Flugzeugaufbau.
Lösung: Konzentriert arbeiten, nicht ablenken lassen. beim Arbeiten Ordnung halten. Montagewerkzeug in einer übersichtlichen Tasche aufbewahren, damit man auf einen Blick erkennt, was übrig ist.
Fazit: Kleine Ursache, grosser Schaden. Man will sich nicht vorstellen, wenn der fehlende Hauptbolzen auch im weiteren Check-Prozedere nicht aufgefallen wäre, wenn das Flugzeug bis zum Abheben «an einem Stück» geblieben wäre, bis zur ersten Windböe nur gehalten von den beiden Holmen-Spitzen und etwas Klebeband. So gesehen, hatte der Pilot «Glück im Unglück».
03 Höhenruder löst sich
In dieselbe Kategorie «eigentlich unmöglicher Fehler» gehört eine nicht eingeführte und fixierte Höhenruder-Schraube an einem Schleicher-Flugzeug, was fatal endet. Bei diesem Flugzeug muss das Höhensteuer vorne auf dem T-Leitwerk mit einer Schraube fixiert werden, die ihrerseits mit einem gespannten Metallstift gesichert ist, die in eine der eingelassenen Schraubenvertiefungen greift und verhindert, dass sie sich durch allfällige Vibrationen selber «ausdreht». Das Höhensteuer wird hinten über einen l’Hôtelier-Verschluss an die Steuerstange angeschlossen und mit Sicherheitsnadel oder Wedekind-Hülsen gesichert.

Dieser Fall ist schon mehrere Jahre her, unvergessen bleibt allerdings der kurz nach dem Start im Flugzeugschlepp aus etwa 150 m Höhe abgestürzte Pilot, der leider keine Chance hat, diesen selber verursachten Unfall zu überleben.
Schaden: Pilot verstorben, Flugzeug zerstört.
Ursache: Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit, Ablenkung, keine Checkliste verwendet, bzw. Ruderwirkung und -Befestigung vor dem Start nicht kontrolliert.
Lösung: Flugzeug gewissenhaft und konzentriert aufbauen, nicht ablenken lassen. Ordnung beim Arbeiten halten. Montagewerkzeug in einer übersichtlichen Tasche aufbewahren, damit man auf einen Blick erkennt, was übrig ist. Leicht erfassbare, Checkliste mit nummerierten Einzelschritten verwenden. Beispiele finden Sie hier.
Fazit: Der Checklisten-Punkt «Steuer-Kontrolle» wird nicht durchgeführt. Einfach vermeidbarer, leider tödlicher Unfall.
Die Liste wäre verlängerbar, für die Hauptbotschaft reichen die beschriebenen Unfälle jedoch aus. Tragisch ist für mich auch mit jahrelangem Abstand zu den Unfällen, dass sie mit dem geringstmöglichen Aufwand zu verhindern gewesen wären: eine Spur mehr Aufmerksamkeit und konzentriertes Arbeiten während des Flugzeug-Aufbaus.
Haben Sie selber eine heikle Situation im Segel- oder Motorflugsport erlebt und überstanden und möchten andere Pilotinnen und Piloten vor ähnlichen Situationen bewahren? Dann schreiben Sie mir unter „cinque@flieger.news“. Wir veröffentlichen im Rahmen dieser Serie auch Ihr Erlebnis (anonymisiert).
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Vielen Dank für diesen Beitrag. Ebenfalls ein privates Aha-Erlebnis:
Vor 16 Jahren baute ich einige Tage nach abgelegter praktischer Prüfung, noch ohne Schein in der Hand einen von mir damals gerne geflogenen Einsitzer (Jeans Astir) mit manuellen HR-Anschluss auf.
Nach dem Befestigen des Leitwerks ließ ich mich von einem der „großen Jungs“ ablenken, um ihm beim zusammenstecken eines anderen Fliegers zu helfen. Im Anschluss baute ich den Astir weiter auf und vergaß das Ruder anzuschließen.
Beim Vorflugcheck habe ich es gemerkt und wurde kreidebleich. Seitdem gibt es bei mir keine Ablenkungen oder Unterbrechungen bis zum Ruderanschluss mehr, ganz egal wer oder was es ist.
Traut euch auch als Anfänger einen der „Großen“ weg zu schicken!
Für die Fragenden gilt, die Situation zu erkennen und nicht abzulenken.
Hier ein privates Feedback zu deinem Artikel „Gewissenhafte Flug-Vorbereitung“, den ich unterstreichen kann. Ich habe dazu auch ein kleines, zum Glück undramatisches Erlebnis aus meinem diesjährigen Urlaub in Frankreich. Während ich meinen Flieger (Ventus 2cxT) für den Flugtag vorbereitet hatte, wurde ich in ein Gespräch verwickelt. Eigentlich wollte ich noch meine Motorbatterie anschließen, da ich sie über Nacht immer aus dem Flugzeug ausbaue. Durch die Unterhaltung ist das „auf der Strecke geblieben“. Zum Glück mache ich grundsätzlich direkt nach dem Start immer einen Motorlauf, so dass in diesem Fall beim vergeblichen Versuch den Motor auszufahren nur das „Ahaerlebnis“ die Folge war, und ich sofort wusste wo das Problem war. Ohne diesen Test wäre die Konsequenz bei einem Absaufer im Idealfall nur ein eine Außenlandung gewesen. Kurzum, Unterbrechungen der Routine bei der Montage und Vorbereitung eines Flugzeugs oder vor dem Start sollte man für sich selbst nicht zulassen und auch bei anderen nicht machen!
Und zum Thema Check noch weitere Erfahrungen
Bei einer Seilrissübung mit einem Schüler in einer ASK 13 löste sich vor einigen Jahren ein nicht ausreichend gesicherter Akku aus seiner Halterung auf der Ablage im Rumpf hinter mir und fiel zwischen die offen liegenden Steuergestänge im Rumpf. Zum Glück ist mir der Akku nicht ins Genick geflogen und hat auch kein Ruder blockiert. Ich denke, du kannst dir vorstellen, wie hellwach ich dann war! Außer dem Schreck und einem nachfolgenden, sehr kurzen Flug kein Problem.
Auch ein früher weit verbreitetes Problem habe ich selbst erlebt, als eine sich lösende Rändelschraube eines alten FSG-Funkgeräts dazu führte, dass mir bei einem rasanten Windenstart mit einer ASW 15 das Funkgerät aus seiner Halterung im Instrumentenpanel vor den Steuerknüppel rutschte und kurzzeitig den Höhenruderausschlag nach vorne blockierte. Bei einem Seilriss wäre es das dann wohl gewesen!
Bei einem anderen Flug hatte ich auf Strecke plötzlich das Problem zunehmender Schwergängigkeit der Wölbklappen, zum Glück in größerer Höhe. Nach einem ersten Schreck und Kurswechsel Richtung Heimat habe ich aber nach kurzer Zeit die kleine Ursache mit großer Wirkung gefunden: Ein Stück des Fallschirmbeingurtes hat sich aus der Schlaufe gelöst und ist im Flug außerhalb meines Sichtfelds in die WK-Kulisse gewandert und hat sich dort zwischen Wölbklappen-Hebel und -Kulisse vorgearbeitet. Die Behebung war kein Problem, aber auch hier ein kleines Detail, das zur Unzeit große Wirkung hätte zeigen können!
Für mich selbst möchte ich nicht behaupten, ein „Sicherheitspapst“ zu sein, ich beschäftige mich aber intensiv mit der Thematik Und mehrfach habe ich mir nach traumatischen Erlebnissen die Frage gestellt, ob ich wirklich weiterhin fliegen soll. Ich hänge dir ein PDF mit Erlebnissen aus 45 Jahren Segelflug in chronologischer Reihenfolge an, die ich entweder selbst miterlebt habe oder die mein Umfeld betroffen haben. Die Liste könnte ich deutlich erweitern, aber diese Unfälle und Ereignisse haben mich besonders berührt. Man kann nur jedem Piloten wünschen, dass er auch nicht einmal ansatzweise einen Teil dieser Erlebnisse machen muss! Deswegen auch ein entsprechendes positives Feedback an dich für diesen Artikel!