Fliegen Sie schon oder wischen Sie noch?

Das moderne Segelflug-Cockpit gleicht zunehmend einer Hightech-Kommandozentrale. Doch die Fülle an Informationen und die Bedienung der Geräte bergen eine massive Gefahr: die Ablenkung. Wir analysieren, wie aus nützlichen Helfern schnell gefährliche Zeitfresser werden und wie Piloten die Kontrolle behalten.

Autor Ernst Willi

Ständig das Smartphone im Gesicht
Erinnern Sie sich an die ursprüngliche Idee des elektrischen Variometers? Es wurde anno dazumal erfunden, damit wir die Augen aus dem Cockpit nehmen, uns auf die Aussenwelt konzentrieren und die Thermik nach Gehör finden und zentrieren können, statt permanent und gebannt auf eine Nadel zu starren. Heute, Jahrzehnte später, scheint sich das Blatt zu wenden, die Erfahrungen aus der Vergangenheit werden «in den Wind geschlagen». Eine wachsende Zahl von Bildschirmen, Smartphones und Tablets bewirbt sich um die Aufmerksamkeit der Pilot/-innen. Das heute alltägliche Strassenbild, geprägt von Menschen, die mit gesenktem Kopf auf ihre Smartphones starren, während Sie z.B. tollkühn und ohne nach links oder rechts zu schauen, eine stark befahrene Strasse überqueren, wiederholt sich jetzt überflüssigerweise auch noch im Cockpit.

Bildquelle: Holger Weitzel in seiner ASH 31 im Anflug auf Rothenburg / Schleicher Flugzeugbau

Vier Dimensionen auf einem Blatt Papier

Die Notwendigkeit präziser, digitaler Informationen ist unbestritten. Immer kompliziertere Lufträume können auf Papierkarten kaum noch vernünftig in den zur Verfügung stehenden zwei Dimensionen dargestellt werden, die dritte Dimension muss man sich vorstellen können und die Zeitachse (wenn ein Luftraum während bestimmter Fristen genutzt werden kann oder eben gesperrt ist) fehlt auf dem Papier ganz oder ist auf der Kartenrückseite so kompliziert formuliert, dass man selbst am Schreibtisch mehrere Minuten suchen und interpretieren muss, was gemeint ist. Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber mein Hirn ist beim Fliegen stark von dieser für Fussgänger «unnatürlichen Situation» gefordert, mir fehlt die Kapazität, dabei auch noch komplizierte Inhalte zu bewerten und zu verstehen.

Online-Informationen wie Moving-Map-Daten und Kollisions-Warnungen mit anderen Flugzeugen in der Nähe, Wetter-Entwicklungen oder thermische Aktivitäten sind objektiv eine grosse Hilfe beim Pilotieren eines Flugzeuges. Tools wie WeGlide CoPilot liefern alle zwei Sekunden aktualisierte Live-Aufwinde, alle fünf Minuten frische Satelliten-Bilder und eine zwei-minütlich neu berechnete Thermik-Basishöhen-Karte. Doch die sichere und schnelle Bedienung dieser unterschiedlichen Systeme braucht Übung, und die Benutzeroberflächen sind oft hakelig oder netter ausgedrückt «nicht immer ausgereift». Die Disziplin «User Interface Design» hat es nicht überall in die Soft- und Hardware-Manufakturen geschafft. Die Verlockung, sich in den unzähligen Funktionen zu verlieren, ist daher gross – und potenziell gefährlich.

Das schlimme Resultat des Versuches, im Einsitzer freihändig einen geländenahen Flug mit dem Smartphone zu filmen.

Filmen bis in den Tod

Ein besonders tragischer Fall aus dem Jahr 2016 zeigt die Konsequenzen solcher Ablenkung in ihrer schlimmsten Ausprägung. Ein erfahrener Segelflugpilot stürzte an der Lenk im Simmental in den Berner Alpen tödlich ab. Er war an jenem Tag unterwegs, um seine tausendste Flugstunde zu fliegen – am Abend war ein kleines Fest geplant. Der Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) kam zu einem erschütternden Ergebnis: Der Pilot war durch das Filmen mit seinem Smartphone so abgelenkt, dass er die kritisch geringe Geschwindigkeit von nur 80 km/h in unmittelbarer Geländenähe und die drohende Kollision mit dem Gipfel des «Mittaghore» nicht realisierte. Das Mobiltelefon wurde nach dem Unfall weitgehend unbeschädigt aufgefunden. Er filmte seinen eigenen Absturz.

Gefahren-Situation:Kritische Annäherung an Gelände bei zu geringer Geschwindigkeit (80 km/h). Keine Reaktion des Piloten auf die drohende Bodenberührung.
Ursache:Vollständige Ablenkung des Piloten durch das Filmen mit dem Smartphone. Die visuelle und mentale Kapazität war durch die nicht-fliegerische Tätigkeit gebunden.
Lösung:Absolute Priorisierung der Flugführung. In kritischen Flugphasen (Start, Landung, Geländenähe, Thermikkreisen) haben Kameras und Smartphones beim PIC im Cockpit nichts zu suchen. Aufnahmen nur in sicherer Höhe, bei stabilen Bedingungen und idealerweise durch einen zweiten Piloten oder mit fest installierten, automatisierten Kamerasystemen.
Fazit:Keine Aufnahme ist es wert, sein Leben oder das der Passagiere zu riskieren. Die primäre Aufgabe des Piloten ist die sichere Flugführung. Jede andere Tätigkeit ist sekundär und muss bei der geringsten Zunahme der Arbeitsbelastung sofort unterbrochen werden.

Digitale Überlastung im Einsitzer

Die Verlockung ist gross: Das Smartphone mit Apps wie WeGlide CoPilot liefert Live-Daten zu Thermik-Hotspots und Satellitenbilder, das Hauptinstrument warnt vor Luftraumverletzungen, die Moving-Map navigiert bei einwandfreier GPS-Verbindung sicher zur nächsten Wegmarke. Was im Doppelsitzer mit einem Copiloten, der die Systeme bedient, ein Vorteil sein kann, wird im Einsitzer schnell zur Überlastung. Der Pilot muss seine Aufmerksamkeit zwischen der Beobachtung des Luftraums, der Steuerung des Flugzeugs und der Bedienung mehrerer, teils komplizierter Geräte aufteilen.

Software-Probleme in der Luft lösen ist keine Option.

Ein Beispiel aus dem Motorflug illustriert dies eindrücklich: Während eines Checkfluges, den ich auf dem Logenplatz auf der Rückbank miterleben durfte, geriet die gesamte Situation aus den Fugen, weil der Pilot lange Zeit versuchte, auf seinem modernen Tablet Anflugkarten als PDF zu laden, die sich nicht öffnen liessen (weil sein PDF-Reader nicht aktualisiert war und sich die Software ohne Internetverbindung während des Fluges nicht davon abbringen liess, sich updaten zu wollen). Die Navigation, Kommunikation und das eigentliche Fliegen wurden von Flugzeugführer komplett vernachlässigt, bis der Fluglehrer eingreifen musste und dem Piloten den unmissverständlichen Befehl gab, jetzt das Tablett einfach auf dem Rücksitz zu legen und nur noch zu fliegen. Das Debriefing fiel etwas ungemütlich aus, der Checkflug scheiterte krachend und musste (ohne Tablett) wiederholt werden. Seither führe ich selber auf allen Flügen immer als Backup eine «Papier-Version» der Flugvorbereitung mit, welche ich in der Kniebrett-Ablage nach dem immergleichen System griffbereit ablege, damit ich es auch mit verbundenen Augen finde.

Wenn man das „Tablet-Kniebrett“ über seine Halterung und ein Klett-Gummiband am Oberschenkel fixieren kann, stört das Tablet die Sicht nicht, hat meistens einen guten GPS-Empfang und ist auch keine Behinderung in der Flugzeug-Bedienung.
Gefahren-Situation:Kontrollverlust durch kognitive Überlastung bei der gleichzeitigen Bedienung mehrerer Geräte (Moving-Map, Smartphone-App, Live-Wetter, Kommunikation).
Ursache:Versuch, zu viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten und mehrere, nicht perfekt integrierte Systeme parallel zu bedienen. Die Aufmerksamkeit ist im Cockpit gebunden, statt nach aussen gerichtet zu sein.
Lösung:Konsequente Flugvorbereitung am Boden: Alle Systeme (Lufträume, Wegpunkte, Anfluginformationen) vorbereiten, Karten laden, Lufträume aktualisieren. Grosszügige, gut ablesbare Displays statt kleiner „Mäusekinos„. In der Luft: Nur die für die aktuelle Flugphase relevanten Informationen anzeigen und die Geräte-Bedienung auf das absolute Minimum reduzieren. «Papier-Backup» der Flugvorbereitungs-Unterlagen griffbereit mitführen.
Fazit:Die beste digitale Unterstützung ist nutzlos, wenn ihre Bedienung von der Hauptaufgabe, dem Fliegen, ablenkt. Eine perfekte Vorbereitung am Boden ist der Schlüssel zur Reduzierung der Arbeitsbelastung in der Luft.

Backup-Dilemma

Was passiert, wenn die Stromversorgung ausfällt oder eine Software abstürzt? Die Abhängigkeit von der digitalen Technik führt dazu, dass grundlegende (Radio-) Navigations-Fähigkeiten verloren gehen. Wer sich blind auf seine Moving-Map verlässt, verliert schnell die Fähigkeit, sich anhand von markanten Geländepunkten auf einer Papierkarte zu orientieren oder etwa eine Kreuzpeilung mit zwei VOR’s durchführen zu können. Das Argument, dass das Entfalten einer grossen Papierkarte im engen Cockpit früher ebenfalls zu Chaos führte, ist zwar richtig, ändert aber nichts an der Notwendigkeit eines redundanten Systems. Wegen einer Papierkarte stürzt man meistens nicht gleich ab, schon gar nicht, wenn sie vor dem Flug richtig gefaltet worden ist.

Ein weiteres Beispiel verdeutlicht die Gefahr: Wir fliegen mit einem Touring Motor Glider (TMG) über einem uns unbekannten Gelände im Ausland durch eine kontrollierte Flugverkehrszone (Luftraum C). Die Freigabe haben wir bestätigt und fliegen wie angewiesen. Überraschend meldet sich nach einigen Minuten der Controller und fragt angesichts der engen Lufträume nach unserer Position, obwohl er uns dank Transponder auf seinem Radar haben müsste. Ein genauer Blick auf das GPS-basierte Moving-Map-System zeigt noch immer dieselbe Position an wie vor einigen Minuten. Das Gerät ist ‚eingefroren‘. Ziemlich sicher sind wir inzwischen ganz woanders. Die Orientierung über der grossen, fremden Stadt unter uns ist schwierig, alles sieht sich ähnlich und wir wissen nicht sicher, wo wir sind. Die Konversation mit dem Tower klärt die Lage schliesslich. Das GPS war während ca. 10 Minuten ausser Betrieb, ein Neustart erweckt das Gerät endlich wieder zum Leben.

Gefahren-Situation:Orientierungsverlust in kontrolliertem Luftraum (CTR) über unbekanntem Gelände (Grossstadt) durch Ausfall des GPS-Systems.
Ursache:Unbemerkter Ausfall (‚Einfrieren‘) des primären Navigationssystems. Vollständiges Vertrauen in ein einziges elektronisches Gerät ohne mentale Mitführung der Position oder Cross-Check mit anderen Mitteln.
Lösung:Regelmässiger Cross-Check der angezeigten Position mit der Aussenwelt (visuelle Landmarken). Mentale ‚Dead Reckoning‘-Position mitführen. Bei Unstimmigkeiten sofort den Fluglotsen informieren. Ein zweites, unabhängiges GPS-Gerät (z.B. Smartphone-App) als Backup (z.B. durch einen Passagier bedient, bereithalten und dessen Nutzung vorgängig üben.
Fazit:Auch zuverlässige Technik kann unbemerkt ausfallen. Aktive und ständige Positions-Überprüfung durch den Piloten ist unerlässlich. Offene Kommunikation mit der Flugsicherung ist bei Unsicherheiten kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität.

Bewusst entscheiden, nicht blind konsumieren

Die Digitalisierung im Cockpit hat zwei Seiten. Richtig eingesetzt, erhöht sie die Sicherheit und den fliegerischen Genuss. Falsch verwendet, führt sie zu gefährlicher Ablenkung und trügerischer Sicherheit. Es liegt in der Verantwortung jedes Piloten, eine bewusste Entscheidung zu treffen: Nutze ich die Technik als unterstützendes Werkzeug, oder lasse ich sie mit mir «Schlitten fahren»? Ihre Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, ob Sie wirklich fliegen – oder nur noch wischen. Titelbild von NavITer.


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Ein Gedanke zu „Fliegen Sie schon oder wischen Sie noch?

  1. Arndt Carl

    Viel anschaulicher und leider auch abschreckender kann man die Digitale Cockpitwelt nicht beschreiben!
    Als blutiger Anfänger habe ich schon gemerkt, dass IPad & Co. nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein können… das ICAO-Karten-Backup ist wohl eine unumgängliche Sicherheit, die man wahrscheinlich auch als sehr versierter Pilot weiter nutzen sollte. Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Antworten

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