Bayreuth, DM im Segelflug, Tag 10, 9. Juni 23

->> Rückblick auf den neunten Wertungstag.

Autor: Martin Knops

Schreibst du noch einen Bericht zum letzten Tag von Bayreuth? Das wurde ich in den letzten Wochen tatsächlich mehrfach gefragt. Kannst du dich überhaupt noch erinnern?
Ich schreibe noch! Und: keine Sorge. Vielleicht ist es eine besondere Gabe, dass ich mich detailliert an viele meiner Flüge erinnern kann, selbst an solche, die 30 Jahre zurückliegen. Aber selbst wenn ich diese Gabe nicht hätte: DIESEN Flug am 9. Juni 2023, am letzten Wertungstag der DM, diesen Flug würde ich auch dann nie vergessen.

Letzte Vorstellung auch für unseren Meteorologen Bernd Fischer, der uns wirklich klasse durch dieses Wetter geführt hat. Danke, Bernd!

Vor diesem abschließenden zehnten (!) Wertungstag lag ich auf Platz 7, Conrad auf 8. Nach vorne ging nichts mehr. Holger Karow war auf Platz 6 schon fast 300 Punkte enteilt. Aber auch nach hinten waren wir gut abgesichert – dachten wir. Fast 200 Punkte Vorsprung auf Bruno Gantenbrink und Horst Singer sollten reichen. Einfach nur noch locker „das Ding nach Hause fliegen“ war das Motto. Aber wie sagt der Volksmund so schön: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…

Kurz vor Abschluss der Startphase sah es in Richtung Nordosten so aus. Für die 18-Meter mit erster Wende Klingenthal und die Doppelsitzer mit erster Wende Adorf war das ungefähr die Kursrichtung. Wir am Platz sind kurz darauf nass geworden, die meisten betroffenen Flugzeuge dürften mit dem Abflug gewartet haben, bis der Schauer durch war.

Die Wettervorhersage hätte uns eine Warnung sein sollen. Wie immer Ostwind, aber auch Überentwicklungen, Schauerlinien die quer durch den Wertungsraum ziehen würden – insgesamt ein Potpourri wie gemacht, um das Feld nochmals richtig durcheinander zu wirbeln und die Spreu vom Weizen zu trennen. Sorgen machte ich mir trotzdem nicht. Ich liebe derartige Wetterlagen – eigentlich. Und selbstbewusst genug bin ich auch, um mich beim Weizen und nicht bei der Spreu zu sehen – eigentlich.

Auf dem Zettel standen fast 400 km. Zunächst ging es 50 km nach Südosten, von dort entlang der Tschechischen Grenze ins Erzgebirge, weiter an die nordwestliche Spitze des Thüringer Waldes und von dort fast auf dem gleichen Weg wieder zurück in die Heimat.

Nach dem Start sog uns ein Congestus direkt auf über 2000 m und bescherte uns einen perfekten Auftakt des Rennens, während die nach uns startende Doppelsitzerklasse arge Probleme hatte, sich überhaupt in der Luft zu halten. Mittlerweile war alles großräumig abgeschattet und im gesamten Fichtelgebirge schauerte es bereits. Bei uns dagegen lief es zunächst wie am Schnürchen. Das änderte sich erstmalig nach der ersten Wende. Conrad erwischte meinen Bart nicht, flog weiter, kreiste schließlich in schwächerem Steigen ein. Schwuppdiwupp waren wir getrennt und stellten unfreiwillig auf Infoteam um. Vielleicht bremste dies meinen Elan, vielleicht war es das auf diesem Streckenabschnitt maue Wetter… in jedem Fall lief es fortan nicht mehr richtig bei mir.

Bald war erkennbar, dass sich über dem Thüringer Wald eine massive Schauerlinie aufbaute. Nicht ortsfest, sondern von Nordost nach Südwest über den Gebirgszug hinwegziehend. Erstmal galt es überhaupt dorthin zu kommen. Aber dann: Luv- oder Leeseitig dran vorbei. Das war die „Million-Dollar-Frage“. Für mich gab es nur eine Antwort: luvseitig war die einzig sinnvolle Option. Auf der Leeseite würde es auch nach Abzug des Regens und bei erneuter Einstrahlung erst verzögert wieder Aufwinde geben.

Conrad, der mich kurz vor dem Sprung in den Thüringer Wald wieder eingeholt hatte, war nicht so überzeugt, folgte aber letztlich doch meiner Einschätzung und machte sich mit mir auf den Weg. Und diese Entscheidung zahlte sich zunächst aus. Die mächtigen Wolkengebirge katapultieren uns regelrecht an die Basis, mit Highspeed jagten wir unter dieser entlang und glitten schließlich etwas vorsichtiger zur Wende vor.

Mittlerweile war die Schauerlinie deutlich nach Westen vorangekommen und die hohe Feuchte der Luftmasse in der mittleren und oberen Troposphäre hatte zu großflächiger Abschirmung geführt. Im Osten, gar nicht so weit „hinter“ dem direkten Weg zurück nach Bayreuth strahlte es aber schon wieder ein. Nach Westen musste man dagegen jetzt richtig weit ausholen, um wieder in thermisch aktives Gebiet zu kommen.

Für mich war es dennoch keine Option „östlich“ zu fliegen. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass hier noch lange „alles tot“ sein würde – und hatte dabei nicht bedacht, dass die „Schauerlinie“ mehr Abschattung als echten Niederschlag brachte und dass damit eben doch die ersten Sonnenstrahlen fast unmittelbar wieder für Thermik sorgten. Fast alle Konkurrenten wählten den östlichen, direkten Weg. Einige bewusst, andere als Hinterherflieger, alle erfolgreich, während Conrad und ich einen Riesen-Umweg nach Südwesten flogen, dabei auch noch übervorsichtig viel Zeit in den ersten schwachen Aufwinden verloren, anstatt – wenn schon, denn schon – mutiger zu den „schönen“ Wolken durchzugleiten und dort tief einzusteigen.

Trotzdem hatten wir gar kein so schlechtes Gefühl als wir schließlich für den sich abzeichnenden Endanflug auf die Platzfrequenz umschalteten. Allerdings gefror uns dann recht bald das Blut in den Adern, denn es wurde schnell klar, dass wir die letzten in der Luft waren, dass wir falsch gepokert und uns damit ganz ans Ende des Feldes katapultiert hatten.

Hier alle Medaillenträger: Vorne die drei Deutschen Meister, von links Simon Schröder, Michael Sommer, Georg und Laurenz Theisinger. Dahinter von links: Andreas Hillebrand, Stefan Langer, Josef Meyer, Martin Theisinger, Yannik Frey, Felipe Levin, Michael Sturm, Oliver Binder.

Tagesletzte und in der Gesamtwertung jeweils noch 2 Plätze abgerutscht auf 9 und 10. Wie bitter! Und doch: es waren zwei fantastische Wochen! Gesegnet vom Wettergott, gesegnet mit einem tollen lokalen Organisationsteam, Kameradschaft, wunderbaren Flügen, tollen Helfern und – trotz dieses letzten Tages – sportlichem Erfolg. Mir hat es richtig viel Spaß gemacht! Auf ein nächstes Mal!

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