Aus Cessna (Denali) wird Beechcraft

Cessna wollte mit der neuen Turboprop Denali eigentlich durchstarten. Dann verzögerte sich die Entwicklung und die Zulassung rückte in weite Ferne. Nun bekommt die Einmotorige einen anderen Hersteller. Konkurrenz belebt das Geschäft. Das dachten sich wohl die Verantwortlichen beim amerikanischen Flugzeugbauer Cessna, als sie auf den Siegeszug der schweizerischen Turboprop Pilatus PC-12 aufmerksam wurden. Die Eidgenossen verkauften von der Maschine bis heute mehr als 1800 Exemplare. Dieser Erfolg weckt deshalb wohl auch jenseits des Atlantiks Begehrlichkeiten. Das Rezept der Eidgenossen: Platz entweder für bis zu zehn Passagiere, Fracht oder eine Kombination aus beidem, eine Druckkabine sowie günstige Betriebskosten durch lediglich eine Propellerturbine machen die PC-12 für viele Einsatzzwecke attraktiv. Dazu ihre Fähigkeit, neben Asphalt auch auf Gras-, Schotter- oder Sandpisten starten und landen zu können. Das ließ sie in der Klasse druckbelüfteter Turbinen-Singles bisher konkurrenzlos sein.

Vor vier Jahren schmiedeten die Chefs von Cessna daher ambitionierte Pläne. Eine neue einmotorige Turboprop mit Namen Denali sollte rasch neue Käuferschichten erschließen. Der 530 km/h schnelle Tiefdecker mit Druckkabine würde für unbefestigte Pisten und den Transport von maximal zehn Passagieren geeignet sein. Und rein zufällig sieht die Maschine nahezu identisch aus wie eine PC-12. Im Sommer 2021 ist nun aber Ernüchterung angesagt: Der Erstflug der Denali fand nach etlichen Verzögerungen immer noch nicht statt, eine Zulassung ist in weiter Ferne. Unterdessen verkauft sich das Schweizer Konkurrenzprodukt weiter wie geschnitten Brot.

Mitte Juli hat die Denali plötzlich und für viele überraschend nun sogar einen neuen Hersteller bekommen. Statt Cessna wird künftig Beechcraft als Erbauer der Maschine fungieren. Dieses Badge-Engineering genannte Verfahren, in der Autobranche lange gängige Praxis, ist in der Aviatik sonst unüblich. Zwar hat etwa Airbus aus der Bombardier CS-300 nach der Übernahme des kanadischen Unternehmens einen Airbus A220 gemacht oder Cessna aus der Columbia 400 nach dem Kauf des einstigen Rivalen eine Cessna Corvalis, aber es bleibt die Ausnahme.

Die Denali soll vom guten Ruf profitieren
Da Cessna und Beechcraft zwei Traditionsfirmen sind, zudem beide zum Textron-Konzern gehören, ist das Marketing-Manöver aber womöglich sinnvoll. Denn Cessna ist berühmt für seine Kolbenmotor-Klassiker der Typen 172 oder 182, zudem für seine zweistrahligen Businessjets der Citation-Reihe. Beechcraft hingegen gilt als „Mercedes“ unter den General-Aviation-Flugzeugen. Kolbenmotor-Klassiker des Herstellers wie die Bonanza werden bereits seit 1947 mehr als unglaubliche 73 Jahre ununterbrochen gebaut, ein Jahrhundertentwurf. Berühmt ist Beechcraft aber vor allem für seine Zweimotorigen mit Propellerturbine. Die Flugzeuge der King-Air-Familie sind legendär und werden ebenfalls schon seit 1963 ohne Pause durchgängig in Wichita im US-Bundesstaat Kansas produziert. Die Denali soll also künftig vom guten Ruf der zweimotorigen Turboprop-Flugzeuge von Beechcraft profitieren und dem potentiellen Käufer so womöglich auch ein höherwertiges Image suggerieren.

Wie aber kann sich der Herausforderer überhaupt mit der neuen Maschine profilieren? Zuerst Cessna und nun Beechcraft setzen ihre Hoffnungen auf eine nagelneue Propellerturbine vom Typ Catalyst des Herstellers General Electric. Sie soll weniger Kerosin schlucken als die Pratt-&-Whitney-PT-6-Turbine in der PC-12. Die ist allerdings ob ihrer Zuverlässigkeit berühmt. Konkurrent General Electric will mit seinem neuen 1200-PS-Triebwerk auch mit geringeren Wartungskosten gegenüber der Schweizer Maschine punkten.

Der Erstflug ist nach Verzögerungen für dieses Jahr geplant
Das klappte bislang allerdings gar nicht. Das neue Catalyst-Triebwerk bereitete Probleme und konnte nicht geliefert werden. Statt also wie geplant bis Jahresende 2018 zum Erstflug abzuheben, hoffen die Verantwortlichen bei Beechcraft nun, dass die Maschine noch dieses Jahr zum ersten Mal in die Luft geht. Frühestens 2023 wäre dann die Luftfahrtzulassung erst durch die amerikanische FAA und danach die europäische EASA zu erwarten. Dabei hatte Cessna eigentlich genügend Zeit, die Konkurrenz zu studieren. Denn bereits vor 30 Jahren hob erstmals eine PC-12 in der Schweiz ab.

Ob Beechcraft auch das revolutionäre Sicherheitssystem „Autoland“ in der Denali anbieten wird, ist noch unbekannt. Dieses optionale System landet das Flugzeug nach Knopfdruck etwa eines Mitfliegers mittels Hightech-Autopilot vollautomatisch auf dem nächsten geeigneten Flugplatz, falls beispielsweise der Pilot ausfällt. Damit hätte die Denali ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Schweizer Konkurrentin. Auch die beiden deutlich kleineren Turboprops Piper M600 SLS und Daher TBM 940 haben dieses neueste Sicherheitsfeature seit Ende 2020 an Bord, ebenso der einstrahlige Businessjet Cirrus Vision. Autoland funktioniert allerdings nur bei Flugzeugen, die mit einer Cockpit-Avionik vom Typ Garmin 3000 ausgerüstet sind. Die Beechcraft Denali hat diese ebenfalls an Bord. Quelle: ‘Jürgen Schelling in der FAZ‘.

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