Auf den letzten Metern ins Lee geraten

Der Pilot war Teilnehmer eines Segelflugwettbewerbs. Nach einem 6stündigen Streckensegelflug kam der Motorsegler im Landeanflug am Zielflugplatz zu tief, kollidierte unterhalb des Flugplatzniveaus mit Bäumen und Buschwerk und prallte auf den Boden.

Ereignisse und Flugverlauf
Der Pilot nahm an einem Segelflugwettbewerb teil. Er startete in der 18-m-Klasse. Für den zweiten Wettbewerbstag war für diese Klasse ein „Vieleck um 3 Wendepunkte“ ausgeschrieben. Die Streckenlänge betrug 471 km. Der Motorsegler kam von Süden über den Flugplatz geflogen und erreichte den Ziel-kreis in etwa 800 m AMSL. Danach flog er in die Nordplatzrunde ein.

Laut Aussage des Piloten war ihm bewusst, dass er im Anflugsektor zur Piste 06 in der Anflugplanung eine starke Leeausprägung berücksichtigen musste. Zur gleichen Zeit sei ein Pulk von Segelflugzeugen der Offenen Klasse im Anflug gewesen und er habe im Funk mitgehört, wie sie sich im Platzrundenbereich einordneten. Im Queranflug habe er dann sein Segelflugzeug für die Landung konfiguriert, weil er noch relativ hoch gewesen sei und habe auch „Queranflug 06 Sierra 1“ gemeldet. Dann habe er gesehen, wie ihm zwei Segelflugzeuge aus der Südplatzrunde entgegenkamen. Daraufhin habe er die Bremsklappen wieder eingefahren und die Wölbklappen auf Stufe 4 für bestes Gleiten gestellt und seinen Flugweg so angepasst, dass er beim Eindrehen in den Endanflug die anderen beiden Segelflugzeuge vor sich hatte. Im weiteren Anflugverlauf habe er gemerkt, dass es „knapp werden könnte“. Er habe kurz darüber nachgedacht, ins Tal abzudrehen und den Motor zu starten, dann aber doch entschieden, den Anflug fortzusetzen, weil seine Geschwindigkeit etwa 120–130 km/h betragen habe. Er sei genauso hoch gewesen wie die vor ihm anfliegenden beiden Segelflugzeuge, aber dann sei er „ganz massiv“ in das Lee geraten. Er habe dann das Segelflugzeug „durchgezogen“, kurz bevor es zur Kollision mit Bäumen und Sträuchern gekommen sei. Anschließend sei es auf den Boden geprallt. Ein Zeuge zeichnete die letzte Phase des Landanfluges auf. Die Videoaufnahmen zeigen die letzten fünf Sekunden bis zum Unterfliegen des Flugplatzniveaus:

Die Flugwegaufzeichnung zeigte ein Auskurven im Queranflug nach rechts, so dass sich der Motorsegler nach dem Eindrehen in den Endanflug noch etwa 1’100 m vor der Schwelle der Piste 06 und etwa 80 m über dem Pistenniveau befand. Nach dem Aufprall habe er starke Schmerzen im Rücken verspürt, aber trotzdem das Cockpit verlassen können. Er habe sich dann aber sicherheitshalber neben das Segelflugzeug gelegt. Der Rettungsdienst und weitere Helfer seien sehr schnell vor Ort gewesen.

Meteorologische Informationen
Der Segelflugwettbewerb wurde von einem Meteorologen betreut. Die Piloten wurden in täglichen Wetterbriefings mit den notwendigen Informationen versorgt. Dabei handelte es sich überwiegend um die Flugbedingungen in der Start- bzw. Abflugphase und auf der Strecke. Eine explizite Landewettervorhersage erfolgte nicht. Die anfliegenden Piloten wurden daher über die jeweils aktuellen Wetterbedingungen direkt durch den Flugleiter des Verkehrslandeplatzes Bayreuth informiert.

Laut Tagesbriefing bzw. Vorhersage für den 30.05.2023 wurde die Wetterlage wie folgt beschrieben: Rückseitig einer sich auflösenden wetterunwirksamen Front floss ein Schwall kühler Luft ein. Von Westen her verstärkte sich der Hochdruckeinfluss wieder. Die mittelhohe Cirrus-Bewölkung zog nach Süden ab bzw. löste sich auf. Die konvektive Bewölkung, respektive Thermik, wurde für 12:00 Uhr mit 0/8-1/8 Cu, Basishöhe 1 900 m, mäßig bis gut, angegeben und ab 14:30 Uhr 1/8-3/8 Cu mit einer Basishöhe von 2 200 m und guter Thermik. Das Thermikende war um 18:30 Uhr. Der Bodenwind wurde mit einer Stärke von 15 kt, in Böen bis 25 kt aus Nordost vorhergesagt. Das QNH wurde mit 1’022 hPa, langsam steigend, angegeben. Es gab keine besonderen Wetter-Erscheinungen oder Warnungen. Auf die Leewirkung bei Anflügen und Landungen in Richtung 06 wurde hingewiesen. Laut Aussage des Flugleiters wehte der Wind zum Zeitpunkt des Unfalls aus 030° mit 17 kt und die Böen erreichten eine Stärke von 24 kt.

Unfallstelle und Feststellungen am Luftfahrzeug
Die Unfallstelle befand sich im mit Bäumen und Buschwerk bewachsenen Hang im Bereich des Endanfluges 06 zur Piste S 1, wenige Meter unterhalb des Höhenniveaus des Flugplatzes und etwa 100 m von der Schwelle 06 der Piste S 1 entfernt. Bei der Kollision mit den Hindernissen kam es zur Drehung um die Hochachse, so dass der Motorsegler mit dem Cockpit voraus hangabwärts zum Liegen gekommen war. Im Bereich des Cockpits war die Bugspitze gestaucht und in Höhe des Instrumenten-pilzes gebrochen. Die Cockpithaube war zersplittert. Das Instrumentenbrett war gebrochen. Die Tragflächen wiesen diverse Beschädigungen der Beplankung im Nasenbereich auf. Die Wölbklappen standen auf Stufe 4, die Bremsklappen waren eingefahren. Das Fahrwerk war ausgefahren.

Medizinische und pathologische Angaben
Der Pilot erlitt eine sogenannte stabile Fraktur im Lendenwirbelbereich.

Die Untersuchung wurde mit der Darstellung der Fakten, d. h. ohne Analyse und Schlussfolgerung, abgeschlossen. Quelle: ‚Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung‚.

Ein Gedanke zu „Auf den letzten Metern ins Lee geraten

  1. Stefan Zlot

    Im Unfallbereicht steht leider nichts darüber, ob der Pilot ein Stützkissen im Bereich der Lendenwirbel benutzte oder nicht. Ich vermute, dass durch ein solches, zusammen mit einem Dynafoam-Sitzkissen, die Wirbelfraktur mit grosser Wahrscheinlichkeit hätte vermieden werden können. Siehe „Segelfliegen Magazin“ 5/2023

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