Absturz am Chistehorn durch Strömungs-Abriss

Am 23. August 2024 verunglückte im Wallis ein Segelflugzeug des Typs Arcus M (Kennzeichen OE-9485). Die Maschine prallte bei Niedergesteln, rund einen Kilometer südöstlich des Chistehorns, in steilem Winkel auf den Boden. Beide Piloten – ein 46- und ein 72-jähriger Schweizer – kamen dabei ums Leben.

Geplanter Wandersegelflug
Der Flug startete um 13:28 Uhr auf dem Flugplatz Birrfeld (AG). Geplant war ein zweitägiger Wandersegelflug über die Alpen bis nach Grenoble (F) und zurück nach Langenthal. Bereits kurz nach dem Start nutzten die Piloten mehrfach den Motor, um Höhe zu gewinnen. Viermal lief der Antrieb insgesamt, zuletzt bis auf fast 3’000 Meter. Danach folgte ein längerer Gleitflug entlang der Südhänge des Rhonetals. Der Arcus M erreichte das Gebiet beim Chistehorn um etwa 15:40 Uhr. Dort versuchten die Piloten während rund zwölf Minuten im Hangflug Höhe zu halten oder zu gewinnen.

Der Unfallhergang
Bei einer weiteren Rechtskurve gegen 15:53 Uhr sank die Geschwindigkeit deutlich ab. Das Flugzeug geriet in einen Strömungsabriss – der kritische Anstellwinkel wurde überschritten. Die Maschine kippte nach rechts weg, ging in eine Steilspirale über und schlug nahezu senkrecht mit der Rumpfnase voraus auf dem Boden auf. Ein Augenzeuge auf der gegenüberliegenden Talseite beobachtete, wie das Flugzeug „in einer Rolle fast senkrecht nach unten stürzte“. Der automatische Notsender wurde beim Aufprall ausgelöst, ein Brand entstand nicht. Beide Piloten erlitten tödliche Verletzungen.

Die Piloten

  • Pilot A (vorne, Jg. 1978): Rund 1’380 Flugstunden auf Segel- und Motorsegelflugzeugen, früher Wettbewerbsflieger. In den letzten fünf Jahren aber nur rund 120 Stunden – vergleichsweise wenig. Auf der Arcus M absolvierte er insgesamt nur drei Flüge mit 6:10 Stunden.
  • Pilot B (hinten, Jg. 1952): 441 Segelflugstunden seit 2017, davon 46 Stunden auf Arcus M, überwiegend in Namibia. Erfahrung im alpinen Hangflug hatte er wenig. Ob die beiden Piloten eine klare Rollenverteilung im Cockpit vereinbart hatten, konnte die Untersuchung nicht klären.

Technik und Rahmenbedingungen
Das Flugzeug war technisch einwandfrei, die letzte Wartung im März 2024 durchgeführt. Masse und Schwerpunkt lagen innerhalb der zulässigen Grenzen, vermutlich im mittleren bis hinteren Bereich. Das Wetter bot typische Sommerbedingungen: Blauthermik mit vereinzelten kleinen Cumuli, Sichtweiten bis 40 km, leichter Westwind. Eine sichere Landung wäre jederzeit am nahegelegenen Flugplatz Raron möglich gewesen.

Analyse der SUST
Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) stellt fest:

  • Der Unfall ist auf einen Kontrollverlust infolge Strömungsabrisses zurückzuführen.
  • Die geringe Höhe über Grund machte ein Abfangen des Flugzeuges unmöglich.
  • Eine Schwerpunktlage im hinteren Bereich könnte das abrupte Abkippen begünstigt haben.
  • Die Erfahrung der Piloten auf dem Unfallmuster war gering, insbesondere im Gebirgshangflug.

SUST erkennt Sicherheitsdefizit
Unfälle durch Kontrollverlust im Flug (Loss of Control in Flight, LOC-I) sind im Segelflug ein bekanntes Risiko. Seit 2008 untersuchte die SUST 20 solcher Fälle mit insgesamt 15 Todesopfern. Segelflugzeuge sind selten mit Überziehwarngeräten ausgestattet. 2008 empfahl die SUST erstmals, solche Systeme vorzuschreiben (Sicherheits-Empfehlung Nr. 409). Die Segelflug-Community soll auf das Thema „Kontrollverlust im Hangflug bei geringer Höhe“ vermehrt sensibilisiert werden.

Fazit
Der Absturz der Arcus M OE-9485 zeigt, wie schnell ein Strömungsabriss im Hangflug fatale Folgen haben kann. Ursache war das Überschreiten des kritischen Anstellwinkels. Eine hintere Schwerpunktlage trug möglicherweise dazu bei.

-> vollständiger Unfall-Untersuchungsbericht der SUST


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2 Gedanken zu „Absturz am Chistehorn durch Strömungs-Abriss

  1. Richard

    Akustische Anstellwinkelwarnung ist überfällig und sollte verpflichtend sein. Jene, die sie ausschalten, sterben aus, übrig bleiben die Gescheiteren. Traurig aber wahr.

    Antworten
  2. Helmut Lindpointner

    Ich flog fast 60 Jahre lang mit Segelflugzeugen, meistens im Gebirge in Österreich, Italien, Schweiz und in Frankreich. Leider verlor ich Freunde und Mitbewerber in Wettbewerben. Das Unfallmuster war fast immer das gleiche: Zu geringe Geschwindigkeit und Überschreitung des Anstellwinkels. In Hang-Nähe bei turbulenten Bedingungen und auch in Bodennähe bei Außenlandungen. Ich bin für akustische Überziehwarnungen. Ein Gespräch mit einem Flugzeughersteller ernüchterte mich einigermaßen. Piloten schalten die Überziehwarnung aus, weil sie das Piepsen als lästig empfinden!

    Antworten

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