-> Rückblick auf die erste und zweite Pfingst-Wandersegelflug-Etappe.
Für den Heimflug am Pfingstmontag gab es verschiedene Varianten. Westlich um Stuttgart oder östlich? Wenn östlich, dann auch östlich um Frankfurt. Westlich um Stuttgart führte zur nächsten Weggabelung, und der Frage, westlich oder östlich um Frankfurt? Hier westlich zu bleiben, eröffnete wiederum die Wahl westlich oder östlich um Köln zu fliegen.

Ich entschied mich für den Schwarzwald und dafür westlich von Stuttgart zu bleiben. Weiter sollte es bei Mannheim über den Rhein, östlich am Hunsrück vorbei und über den Westerwald und das Siegerland nach Hause gehen.
Kein Anschluss vor 13 Uhr
Alb und Schwarzwald würden mit hochreichender Wolkenthermik gesegnet sein, der Rest war blau und tief prognostiziert. Mit zügigem Vorankommen war nicht zu rechnen, vielmehr müsste mich nach dem Ausflug aus dem Schwarzwald vorsichtig und langsam nach Hause tasten. Knapp 500 km lagen einschließlich der unvermeidlichen Umwege vor mir. Machbar trotz allem. Meine erste Sorge war, zu früh zu starten, damit zu früh aus dem Schwarzwald ins Rheintal abzugleiten und dort keinen Thermikanschluss zu finden. 13 Uhr war hier die kritische Marke. Vor 13 Uhr sollte ich nicht mit Thermik außerhalb von Alb und Schwarzwald rechnen.
Eilig hatte ich es am Morgen entsprechend nicht. Gemütlich Frühstücken, Flieger fertig machen – und dann konnte ich mich gar nicht dagegen wehren, auf Startplatz 1 gestellt zu werden. Ich hätte ja noch so einen weiten Weg vor mir… und so war ich sogar acht Minuten vor der frühesten angepeilten Startzeit in der Luft. Um 10:52 um genau zu sein. Abgesehen von der Tatsache, dass die Flügel-Vorderkanten sofort anfingen, sich zu schwärzen: es konnte ja kein Fehler sein, früh in die Luft zu kommen. Langsam tastete ich mich nach Südwesten Richtung Albstadt vor. Der Thermikbeginn lag schon hinter uns und es bildeten sich bereits Flusen, etwas später auch ausgewachsene Cumulanten. Direkt neben dem ED-R132 Meßstetten stieg ich unter einer herrlichen Wolke auf 2600 m. Ich blickte auf den großen Truppenübungsplatz Stetten am kalten Markt und dachte an meinen Vater, der immer nur von „Stetten am kalten Arsch“ sprach – klassischer «Telling name».
Knüppel nach vorn im Schwarzwald
Von hier hieß es erstmal Gleiten. Weit Gleiten! Der Weg in den Schwarzwald ist lang und zwischendurch war ich nicht sicher, ob ich die ersten Wolken bei Musbach erreichen würde. Schließlich kam ich in 600 m über Grund an. Eigentlich komfortabel, aber zwischenzeitlich schwer einzuschätzen. Nun ging es in jedem Fall wieder mit Verve hinauf. Der Schwarzwald brannte und bald musste ich den Knüppel nach vorne drücken, um nicht in die Wolkenstrasse hineingesaugt zu werden. Leider währte das Vergnügen nicht lang und bald wurde ich aus dem Paradies verstoßen. Wölbklappe auf 3, Trimmung nach hinten und langsam Vortasten in die tote Luft über Kraichgau und Rheintal.
Dümpeln im Spessart
Irgendwann erkannte ich in weiter Ferne wie eine Fata Morgana Cumuluswolken über dem Odenwald. Die sollten dort laut Wetterbericht gar nicht sein! Nehmen wir gerne mit! Tatsächlich erreichte ich die Wolken knapp und entschied mich, ihnen nach Osten zu folgen, und somit meinen ursprünglichen Plan, westlich um Frankfurt zu fliegen, aufzugeben. Das Glück währte allerdings nicht lang und bald dümpelte ich im Spessart in schwacher niedriger Blauthermik. Hier kam ich erstmals auf meinem Wandersegelflug auf die Idee, die Copilot App zu öffnen – Nein, nicht die KI von Microsoft, sondern die App von Weglide. Böse Zungen behaupten, damit könne nun jeder Depp fliegen.
Sichtbare Thermik
Neben vielen anderen Features ermöglicht die App – Mobilfunkempfang vorausgesetzt – aktive und vor kurzem aktive Aufwinde auf einer Karte zu sehen. Einschließlich Steigwerten! Der lang gehegte Segelfliegertraum wird damit wahr: endlich kann man die Thermik sehen! Wie alles, so ist auch dies natürlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits besteht mittlerweile im Cockpit die Gefahr des Informations-Overflows. Man muss aufpassen, dass man von all den Helfern, all den digitalen Informationen nicht vom Fliegen abgelenkt wird. Was ist gerade wirklich hilfreich? Was unterstützt mich bei wichtigen Entscheidungen? Und was ist unnötige Zusatzinfo, nice to have und nur ablenkend? Andererseits: Copilot sammelt die Live-Daten aller Segelflieger. Da, wo ich nun unterwegs war, gab es aber keine anderen Segelflieger. Allein das hätte mir zu denken geben sollen 🙂 Die anderen werden schon wissen, warum sie heute nicht über den Spessart flogen… in jedem Fall: ohne Segelflieger keine Daten und ohne Daten keine angezeigten Aufwinde. Die App brachte mir also gerade wenig. So kämpfte ich mich alleine weiter. Von Aufwindchen zu Aufwindchen. Über dem Vogelsberg lockte in weiter Ferne eine Dunstkappe. Mir war aber klar, dass ich diese nicht oder nur äußerst knapp erreichen würde. Also versuchte ich, auf dem Weg jedes Lüftchen mitzunehmen, kreiste hier, kreiste dort, letztlich ohne signifikanten Höhengewinn – und so erreichte ich den wunderbar am Hang des Vogelsbergs gelegenen Segelflugplatz Hoherodskopf knapp über Landehöhe. Hier schien es tatsächlich hoch zu gehen. Aber ich packte es irgendwie nicht, brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um irgendwann doch an Höhe zu gewinnen. Endlich wieder in luftiger Höhe ließ ich mich vom „Copilot“ nach Marburg locken. Hier wurde mir ein Aufwind angezeigt. Doch als ich den Auslösepunkt nach langem Anflug erreichte, war dieser Aufwind längst Geschichte und ich musste den Motor ziehen. Wie war das noch mit dem zweischneidigen Schwert… «hätte, wäre, wenn» hilft nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich auf dem ursprünglich von mir favorisierten Flugweg bessere Chancen auf Anschluss gehabt hätte…
Aufwindige Kalamitätsflächen
Zu allem Überfluss drohte sich jetzt zu rächen, dass ich mit halbleerem Tank gestartet war: ohne weitere Thermik würde ich es nicht nach Hause schaffen! So fuhr ich nach einigen Minuten im Jet-Modus den Motor wieder ein. Da drüben kreisten zwei Bussarde. Hier würde es wieder hochgehen – leider veräppelten mich die beiden Kameraden aber – Grrrr. Also weiter: dahinten über der Kalamitätsfläche – davon gibt es im Sauerland leider viel zu viele – da muss es doch hochgehen! Und tatsächlich: der Bart des Tages! Rund, stark und bis in ungeahnte Höhen reichend. Plötzlich hatte ich Endanflughöhe und schwebte eine Dreiviertel Stunde später glücklich in Langenfeld ein. Drei wundervolle Flugtage voller Eindrücke und Erlebnisse lagen hinter mir. In Langenfeld hatten sie derweil nur gestöhnt über Hitze und fehlende Thermik. Wie gut, dass ich mich auf das Abenteuer eingelassen hatte!

-> Flugdaten.
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