Wandersegelflug ist eine wunderbare Sache! Aber es ist auch eine Wundertüte, auf die man sich einlassen muss. Wer das Unvorhergesehene, das Unplanbare und die damit verbundenen Überraschungsmomente liebt, der wird Wandersegelflug lieben. Derjenige, für den jede Planabweichung Stress bedeutet, bleibt lieber zu Hause.

Offensichtlich gehöre ich zu der ersten Fraktion und liebe es zwei, drei oder wie letztes Jahr acht Tage von Flugplatz zu Flugplatz zu fliegen und am Ende wieder am Startplatz einzuschweben.
Vom Wetter zur Packliste
Auch wenn so eine Reise angesichts der vielen Unbekannten nicht planbar ist – Planung gehört dazu, Planung ist sogar essentiell! Wer nicht plant, der wird kaum erfolgreich sein. Das fängt bei der Wetteranalyse an, geht mit der wetterangepassten Flugroute und den Landeoptionen weiter und hört bei der Packliste noch nicht auf.
Pfingsten sollte es für mich mal wieder losgehen: langes Wochenende und passendes Wetter – wobei letzteres bei näherer Betrachtung leider nicht so eindeutig gut war. Nach einer ungewöhnlich kalten ersten Maihälfte schwitzte Deutschland mittlerweile unter einer hochsommerlichen Hitzeglocke. Temperaturen über 30 Grad versprachen späten Thermikbeginn und abseits der bekannten Rennstrecken entlang der Höhenzüge von Thüringer Wald, Bayerwald, Schwarzwald und Schwäbische Alb zähe Blauthermik mit niedriger Arbeitshöhe. Für die Alpen sah es dagegen mal wieder fantastisch aus. Also nichts wie hin – dachte ich mir.



Der Plan sah vor, Samstag durch die zähe Blauthermik an den Thüringer Wald ins gute Wetter zu kommen und dann entlang der Rennstrecken über den Bayerwald bis Ybbsfeld östlich Linz zu fliegen. Samstag sollte es dann durch die Alpen bis Reutte, dort aus den Alpen raus und östlich an Memmingen vorbei bis auf die Schwäbische Alb gehen. Hier hätte ich – so meine Kalkulation – einen guten Ausgangspunkt, um mich nach Hause zu kämpfen. Aller Voraussicht nach auf den letzten 300 km wieder durch schwache Blauthermik.
Insgesamt bestand also keine Aussicht auf drei Tage Hammerwetter. Vielmehr sollte es aus schwachen Bedingungen ins gute Wetter und wieder zurück durchs schwache Wetter nach Hause gehen. Sicher nicht jedermanns Sache – aber mich reizte es!
Langer Hals
Letztes Jahr war ich bereits einmal an den östlichen Alpenrand geflogen. Damals nach Scharnstein südwestlich von Linz. Ybbsfeld sollte nun die optimierte Variante werden. Meine Spekulation: der Bayerwald und dessen österreichische Ausläufer im Linzer Norden gehen abends noch, wenn der Thermik überall sonst bereits der Stecker gezogen wurde. Entlang dieses Höhenrückens würde ich auch um 19 Uhr noch Thermik bis in den sicheren Gleitflugbereich von Ybbsfeld finden und am nächsten Morgen bequem in die Alpen einsteigen. Scharnstein bot einen ähnlich guten Einstieg in die Alpen, aber das vorgelagerte Donautal war hier sehr breit und aus dem Bayerwald musste man mindestens 60, vielleicht auch 80 km gleiten – mit Mücken, Gegenwind und mäßiger Basishöhe bekam man da gerne mal einen langen Hals!
Etwas Wichtiges fehlt
Also Ybbsfeld. Luftlinie gut 670 km von Langenfeld entfernt. An einem guten Tag eigentlich kein Problem. – Pfingtsamstag war aber kein guter Tag. Zumindest nicht über Langenfeld, nicht im Bergischen Land, nicht im Sieger- und Sauerland. Als sei dies noch nicht genug, musste ich beim Einräumen des Cockpits feststellen, dass ich Entscheidendes im 100 km entfernten Aachen vergessen hatte: meine Laptoptasche samt Portemonnaie, Ladekabeln und Powerbank. Danke nochmal an alle, die mir spontan ausgeholfen haben!
Aber der Wurm blieb drin. Vielleicht wegen der ganzen Aufregung um die Laptoptasche vergaß ich das Tank-Equipement einzupacken, was angesichts des ohnehin nur halbvollen Tanks und der mäßigen Wetterprognosen recht fahrlässig war. Nach dem Windenstart brauchte ich dann den Jet. Besser gesagt: Ich hätte ihn gebraucht. Er kam nämlich nicht auf Leistung. 58’000 Umdrehungen reichen nicht! Also Umdrehen und Landen mit laufendem Triebwerk. Erst nach dem Aufsetzen fiel mein Blick auf die linke Bordwand: Brandhahn zu – wie auch immer das passiert war.
Mittlerweile war es Viertel vor Eins und von Thermik keine Spur. Ich war kurz davor, das Vorhaben aufzugeben – so ein langes Hitzewochenende am Badesee hat schließlich auch was für sich!



Im Schneckentempo nach Südosten
Einen weiteren Versuch wollte ich dann doch wagen. Diesmal reichte es zumindest zu einem Abflug gen Osten. Allerdings in bescheidenen 700 Metern Höhe. Und hinter Wipperfürth hieß es erstmal Umdrehen, um die einzige Landeperspektive nicht zu verlieren. Mittlerweile war zu allem Überfluss ein dichtes Cirrenband aufgezogen, welches die thermische Entwicklung zusätzlich bremste. Erst knapp über Landehöhe ging es wieder hoch – ganz langsam und auch nur wenige 100 Meter. So tastete ich mich weiter vorsichtig und im Schneckentempo gen Südosten vor. Beobachtete in Hünsborn das am Boden stehende Wettbewerbsfeld – ohne den schrecklichen Unfall, der sich hier vor eine Stunde ereignet hatte, zu erahnen. Mittlerweile lockten am Horizont einzelne hohe Cumuluswolken. Zunächst unerreichbar, aber doch motivierend. Bei Hirzenhain erreichte ich endlich die Wolken, stieg auf galaktische 1600m – und glitt wieder ins Blaue. Die Wolken blieben zunächst Eintagsfliegen, das Cirrenband blieb mir auf den Fersen und so ließ ich mich weit nach Süden abtreiben bis unter den Frankfurter Luftraum. Ab dem Vogelsberg wurde die Perspektive dann besser. Es ging erst auf 1700 und dann sogar auf 2000 m, die Rhön sah gut aus und diesmal sollte sie mich auch nicht abstreifen wie einige Wochen zuvor.
Wo landen?
Ab Suhl rannte es dann so richtig! Und obwohl die Uhr mittlerweile auf Viertel vor Fünf stand und es noch 400 km bis Ybbsfeld waren: So ganz hatte ich den Traum heute dort zu landen nicht aufgegeben. Warum nicht mit Rückenwind noch drei Stunden mit 130 km/h fliegen? Auf der Route, die vor mir lag, schien mir das möglich. Und tatsächlich blieb ich bis Cham, dem Tor zum Bayerwald, im neu gesteckten Zeitplan. Mittlerweile zeigte die Uhr Zwanzig nach Sechs, aber weiter im Süden stand noch die Konvergenz über der ersten Rippe Richtung Donautal. Trotzdem versuchte ich per Funk Kontakt zu möglichen Landeplätzen aufzunehmen. Weiter südlich im Bayerwald gibt es schließlich keine Lande-Optionen (bzw. keine Startoptionen) mehr, was meinen Enthusiasmus merklich bremste. Entweder Ybbsfeld (oder ein anderer Platz in Österreich) oder einer der umliegenden Plätze Cham, Arnbruck, Deggendorf. Cham hieß mich direkt willkommen! Arnbruck meldete sich nicht – und als ich gerade dabei war, den Gleitflugbereich von Cham Richtung Deggendorf zu verlassen – unsicher, ob ich die Konvergenzlinie noch erreichen würde – da meldete sich Deggendorf: „F-Schepp-Maschine kaputt und Winde gibt es nicht“. Nach einer kurzen Schrecksekunde machte ich auf dem Absatz kehrt und nahm Cham ins Visier. Nochmal kurz den Jet gezündet – 100 m Ankunftshöhe schienen mir etwas knapp – und dann schön in Cham vor die Halle rollen. Was für ein Flug!

-> Flugdaten.
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